Abenteuer & Freizeit

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Wild aufs nasse Element

Fotos: Hansjörg Ransmayr

Bevor Schwimmen chlorifiziert wurde...

... lernten unsere Altvorderen in Dorfweihern und Seen, an stillen Flussabschnitten und seichten Meeresbuchten, sich mehr oder weniger elegant über Wasser zu halten. Oftmals wurden diese Bade- oder Schwimmausflüge mit geselligen Picknicks oder Bootsfahrten verbunden. Viele der einst so beliebten Badestellen gerieten im Convenience-Zeitalter in Vergessenheit bzw. wurden im Industriezeitalter so stark verschmutzt, dass sie nicht mehr genutzt werden konnten. Eine wachsende Sehnsucht nach authentischen Naturerlebnissen, gepaart mit der Bereitschaft, die Komfortzone zumindest zeitweise zu verlassen, und die Verbesserung der Wasserqualität haben in den letzten Jahren zu einer Renaissance des »wilden« Badens und Schwimmens beigetragen.

Wildswimming & Co.

Ganz allgemein wird mit Wildswimming das Schwimmen in der freien Natur bezeichnet. Wobei der harte Kern der Wildswimming-Community dabei institutionalisiertes Schwimmen in betreuten und kostenpflichtigen Badeanstalten ausschließt und dann eher von Outdoor-Swimming spricht. Eine weitere feine Unterscheidung bringt der Begriff des »Wild-Dippings« mit sich. Damit werden Badestellen oder -aktivitäten beschrieben, bei denen nur ein kurzes Ein- und Untertauchen/Baden (Dippen), aber kein längeres Streckenschwimmen möglich oder gewollt ist. Beispiele dafür sind etwa kleine Gumpen und Kolke unterhalb von Wasserfällen oder an Wildbächen.

Stark im Kommen

Die verbesserte Wasserqualität der Freiwasserflächen, der Trend zu vermehrten kompensatorischen Outdoor- Aktivitäten, die zunehmende Anzahl von Breitensport-Veranstaltungen wie See-Crossings, Neujahrs- und Vollmondschwimmen, die steigende Beliebtheit von Open- Water-, Triathlon- und Swimrun-Wettbewerben treibt immer mehr Zeitgenossen ins Freiwasser. Selbst viele ehemalige »Kachelzähler« (Poolschwimmer), notorische Couchpotatoes und Warmduscher haben inzwischen ihre Liebe zum Open-Water entdeckt. Andererseits haben viele Sportkameraden, die schon bisher „green workouts“, also Outdoor-Sportarten wie Trailrunning, Hiking, Mountainbiking, Ski-Touring, betrieben haben, ihr Portfolio um „blue workouts“ ergänzt. Allerhöchsten Natur- und Sportgenuss verbinden dann schlüssig „blau-grüne“ Workouts, also etwa die Koppelung von Bergwandern und Freiwasserschwimmen oder ähnlich reizvolle Kombinationen.

Just add water: Pure Swimming

Für viele schließt der Begriff „Wildswimming“ die Nutzung wärmender Neoprenanzüge aus. Privat kann dies freilich jeder halten, wie er will. Es macht ja im kalten Wasser auch einen großen Unterschied, ob man mit mehr oder weniger isolierendem Speck an den Hüften in die Fluten steigt. Unumstritten ist aber, dass der Verzicht auf ein Ganzkörper-Kondom (langer, geschlossener Neoprenanzug) das Open-Water-Erlebnis erheblich intensiver macht. Echte Puristen schwimmen deshalb – wo auch immer angebracht und statthaft – ganz nackt und bezeichnen diese Form des Schwimmens entsprechend als »Pure Swimming«.

Vom vielfältigen Nutzen der Gänsehaut

Nicht immer sind „wilde“ Gewässer wohltemperiert und für viele sollen sie das auch gar nicht sein. Eine wohldosierte Kaltwasserexposition bringt nämlich auch eine Fülle gesundheitlicher Vorteile mit sich:

Sie...

... sorgt für eine Umwandlung des bösen weißen Fetts in gutes braunes Fett, das durch seine erhöhte Mitochondrien-Dichte einen effizienteren Stoffwechsel und damit das Abnehmen und positive Anti- Aging-Effekte fördert.

... bewirkt eine bessere Durchblutung und Straffung der Haut und beugt Cellulite vor.

... fördert die Widerstandskraft und stärkt das Herz- Kreislauf-System.

... baut Stresshormone ab und Glückshormone auf.

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... mindert akute Schmerzen, Depressionen, chronische Entzündungen, Wechseljahrsbeschwerden und Stresssymptome.

Die sanfte Art des Schwimmens

Es fühlt sich einfach herrlich an, wenn beim Schwimmen kein Chlor im Spiel ist! Ohne die chemische Keule geht in öffentlichen Bädern leider gar nichts. Doch beim wilden Baden und Schwimmen vertrauen wir auf die Sauberkeit und Selbstreinigungskraft natürli-cher Gewässer. Hier kitzelt höchstens mal ein vorbeitreibendes Blättchen im Wasser unsere Füße. Damit all das so bleiben kann, heißt es für Wildswimmer: Der bewusste Umgang mit den natürlichen Ressourcen in und um diese Gewässer hat immer oberste Priorität.

Gern - aber nicht um jeden Preis

Klar, am liebsten möchten wir einfach nur reinspringen, in das klare Wasser vor uns. Aber die Wahl der Einstiegsstelle sollte schon überlegt sein. An stärker frequentierten Spots sind geeignete Stellen ohnehin oft vorgegeben. Meist muss man nur seinem gesunden Menschenverstand folgen. Ein absolutes No-Go: sich durch Schilfgürtel, Seerosen oder durch Moorflächen seinen Weg zum Wasser zu bahnen. Brut- und Laichgebiete sind ebenso tabu für den Einstieg ins Wasser. Kann kein schonender Zugang zum Gewässer gefunden werden, geht's eben zum nächsten Schwimm-Spot. Dies gilt auch für flache und abflussarme Lacken und Seelein – vor allem in heißen Sommern oder nach niederschlagsarmen Perioden. Der Grund: Diese Gewässer "kippen" leicht und würden durch Schwimmer zusätzlich belastet.

Probieren geht über Sinnieren

Grau ist ja bekanntlich alle Theorie. Bunt, vielfältig und intensiv lassen sich hingegen Wildswimming-Erlebnisse gestalten. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Schwimmkönnen. Wenn man einige Tipps beherzigt und mit einem gerüttelt Maß an Verantwortungsbewusstsein und Respekt an die Sache herangeht, kann und wird einem das völlig neue Erfahrungen bescheren. Probieren Sie’s doch einfach einmal aus!

Die obigen Zeilen sind den Büchern „Wildswimming Alpen“ (erschienen 2019) und dem neuen Buch „Wildswimming Deutschland“ (erscheint Mitte Mai 2020) des Salzburgers Hansjörg Ransmayr entnommen.

ÜBER DEN AUTOR:

"Der Mann, der in Postkarten schwimmen kann." Dieses Zitat stammt von einer Freundin aus der Facebook-Gruppe "Bergseen-Schwimmen".In seinen jungen, wilden Jahren war Hansjörg Ransmayr begeistert vom alpinen Kajaksport. Schon dabei hat er manchmal frei-, aber auch öfter unfreiwillig kalte alpine Gewässer beschwommen. Von da war es denn auch nur ein kleiner Schritt zum Openwater- also Freiwasser-Schwimmen. Dabei verdiente sich der Salzburger seine ersten Sporen im Salzwasser: Als erster Österreicher durchschwamm er die Straße von Gibraltar und auch von der Gefängnisinsel Alcatraz schlug er sich in eiskaltem Wasser durch nach San Francisco. Als erster und einziger Österreicher nahm er 2010 im eisigen Wasser des Bleder Sees an der dortigen Winter-Swimming-WM in Bled teil. Als Kind der Berge und begeisterter Bergwanderer war es nur logisch, dass Ransmayr alsbald seine Liebe zu den heimischen Bergseen entdeckte. Er gründete die Facebook-Gruppe "Bergseen-Schwimmen" und den Infoblog "alpine-swimming.com".

Ransmayr ist derzeit ist er als freier Konzeptionist, Texter und Autor tätig. Darüber hinaus ist er in diverse TV- und Buchprojekte zum Thema Wildswimming und alpines Schwimmen involviert. Unter "Swimsalabim" entwickelt er touristische Schwimm-Projekte für heimische Anbieter und internationale Schwimmreise-Veranstalter. Im Rahmen von "Alpine-Swimming Tours & Holidays" können so Gäste bei begleiteten Touren ihre Liebe zu alpinem Wildswimming entdecken.

Als geprüfter Bergwanderführer und aktiver Wasserretter ist ihm das Thema Sicherheit am und im Wasser ein ganz besonderes Anliegen. Dies ist auch einer der Gründe, warum sich Ransmayr intensiv mit der Entwicklung innovativer Produkte für das Freiwasserschwimmen befasst. Darüber hinaus ist er in der nationalen und internationalen Freiwasser- und Eisschwimm-Community tief verankert.

Weitere Infos:

www.alpine-swimming.com, facebook: alpineswimming und facebook-Gruppe bergseen-schwimmen, istagram: alpine_swimming.