Abenteuer & Freizeit

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„Wenn du Zeit hast zu überlegen, bist du zu langsam“

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com Daniel Fessl - rallyepics.at

Schon vor Jahren mischte er die heimische Rallyeszene gehörig auf: Heute schmückt sich der Lungauer Hermann Neubauer mit zwei Staatsmeistertiteln und liebäugelt mit Spitzenplätzen in der Weltmeisterschaft. Im Interview erinnert er sich an seine Anfänge, an große Erfolge und bittere Niederlagen und daran, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Hermann, nach einem coronabedingt sehr ruhigen Jahr hast du 2021 bislang schon einige Rallyes bestritten, einige liegen vor dir.
2020 hätte für mich super angefangen: Ich habe die bekannteste Rallye Österreichs, die Jänner-Rallye, zum ersten Mal in meinem Leben gewonnen. Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt – ich glaube, jeder österreichische Fahrer will einmal die Jänner-Rallye für sich entscheiden. Damit hätte ich die perfekte Ausgangsposition für die Meisterschaft gehabt. Es war sehr schade, dass alles Weitere ersatzlos gestrichen wurde.

Aber so haben wir überlegt, wie wir unseren Partnern trotzdem eine Plattform bieten können, obwohl viele Läufe der Europa- und Weltmeisterschaft kurzfristig abgesagt und verschoben worden sind. Schließlich haben wir beschlossen, uns die Zeit zu nehmen, vorauszuplanen und uns auf das Größte vorzubereiten, das es für uns gibt: die Rallye Monte Carlo! Diesen WM-Lauf zu schaffen, war ein Lebenstraum! Das Ergebnis war das Maximum, das wir als Nicht-Einheimische herausholen konnten.

Nimmt der Rallye-Circus also dieses Jahr wieder Fahrt auf?
Ja, nach Monte Carlo sind wir in Österreich die Blaufränkischland Rallye als Testlauf gefahren und konnten diesen auch gewinnen. War es in Monte Carlo oberste Priorität, ins Ziel zu kommen, wollen wir seither zeigen, dass wir vorne mit dabei sind. Mit dem 4. Platz in Monte Carlo hatten wir eine gute Ausgangsposition und ich hoffe, wir können bei den weiteren Weltmeisterläufen beweisen, dass wir an der Spitze dran sind! Im Zuge der WM wollen wir heuer noch in Sardinien und Portugal dabei sein. Mein Wunsch wäre es, in der Meisterschaft wirklich um die vorderen Plätze mitzukämpfen. So kann ich auch meine Sponsoren überzeugen, weiterzumachen! Ich vermute, in Österreich wird es weiterhin schwierig bleiben, Veranstaltungen mit Zuschauern sind unrealistisch.

Wie unterscheidet sich eine zuschauerlose Rallye für dich als Fahrer?
Eine Rallye lebt auch von der Emotion. Wenn ich die Videos aus Monte Carlo vom vorigen Jahr anschaue, in dem bei den berühmten Sonderprüfungen 100.000 Leute stehen und du durch ein Fahnenmeer fährst, bzw. in der Nacht durch die bengalischen Feuer – das ist ein Riesenunterschied! Es fehlen die Emotionen und damit ein wenig der Grund, warum man das Ganze macht. Und dennoch: Man muss dankbar sein, dass es überhaupt Rennen gibt, denn gar nicht zu fahren, so wie letztes Jahr, das ist das Schlimmste!

Bekommst du das Publikum überhaupt mit?
In diesen paar Minuten, in denen du die Sonderprüfung fährst, hast du nicht die Zeit, darauf zu achten, aber speziell in Situationen, in
denen du weißt, da stehen ein paar Tausend Leute und du hörst die Gashupen – das kriegst du schon mit.

Welche Gedanken gehen einem beim Fahren durch den Kopf?
Gott sei Dank nicht viel. Wenn du Zeit hast zu überlegen, bist du sicher zu langsam!

Denkt man an die Gefahr, ans Risiko?
Auf keinen Fall! Wenn du an dem Punkt bist, an dem du überlegst, ob es gefährlich wird, musst du aufhören! Aber natürlich, mit dem Alter, mit der Verantwortung, die man übernimmt, sobald man Kinder hat, versucht man, das Risiko in gewissen Situationen zu minimieren. Den Unterschied sehe ich heute bei den jungen Burschen, die mit 18 Jahren in den Rallyesport kommen. In dem Alter ist es das Wichtigste, jede Zehntelsekunde herauszuquetschen. Deswegen läuft man auch Gefahr, das Risiko zu übertreiben.

Du bist ja auch Familienvater – dein zweites Kind ist unterwegs. Wann ist es soweit?
Das kommt Anfang Juli. Und meine Tochter wird demnächst drei Jahre alt. Dadurch ändern sich die Prioritäten. Ich möchte nie in die Situation kommen, dass mein Dirndl ohne Papa aufwachsen muss, einfach weil der Papa blöd gehandelt hat. Der Sport hat ein Risiko, ganz klar, aber das Risiko ist – meiner Meinung nach mit dem, was ich kann – kalkulierbar.

Das Wichtigste ist die Familie. Es macht mir eine Riesenfreude, wenn meine Tochter schon bei den Rennen dabei ist und stolz auf den Papa ist. Aber, wie gesagt, schneller macht es einen nicht!

Sollte sie einmal den Wunsch haben, in den Rallyesport einzusteigen – wie würdest du reagieren?
Sie soll einmal machen, was ihr Spaß macht! Ich werde sie in allem unterstützen. Wenn es so sein sollte, ist es natürlich auch schön für mich. Immerhin ist der Rallyesport meine Passion, das was ich mein Leben lang gerne gemacht habe und wohl so ziemlich am besten kann.

Kannst du dich noch erinnern, wie alt du warst, als du zum ersten Mal mit einem Auto gefahren bist?
Die Leidenschaft für das Thema Auto, vor allem für schnelle Autos, war immer schon da. Ich kann mich erinnern, als ich sieben Jahre alt war, bin ich mit dem Auto meiner Oma im Garten herumgefahren. Die Oma hat davon nichts gewusst. Sobald sie nicht daheim war, bin ich die Einfahrt rauf und runter gefahren. Irgendwann haben sie mich natürlich erwischt – da hat es eins auf die Mütze gegeben.

Wie bist du schließlich zum Rallyesport gekommen?
Durch das Autohaus meiner Familie bin ich mit dem Thema Auto aufgewachsen. Ich war mit fünf oder sechs Jahren zum ersten Mal bei einer Rallye von einer unserer Automarken. Ich habe in einem der Voraus-Fahrzeuge mitfahren dürfen und ab diesem Zeitpunkt hat mich das Rallye-Fieber nie mehr losgelassen. Mit 18 Jahren hab ich in der günstigsten Einsteigerklasse angefangen, das war damals der Suzuki Motorsport Cup.

Ich hatte damals nicht den Plan, das Rallyefahren einmal professionell zu betreiben. Ich war einfach ein junger Bursch und wollte Auto fahren. Dass sich alles so entwickelt, damit habe ich nicht gerechnet. Die Idole meiner Kindheit waren Franz Wittmann, Raphael Sperrer, Achim Mörtl – dass ich jetzt mit ihnen in der Meisterschaftsliste aufscheine, macht mich stolz!

Was war dein wichtigster Erfolg bislang?
Das erste Mal Meister zu werden, war etwas sehr Besonderes, das hat uns damals keiner zugetraut. Das zweite Mal Meister zu werden, war auch sehr schwierig. Aber für mich persönlich der schönste Erfolg war, als ich damals mit meinem sieben Jahre alten Ford Fiesta, der in der WM den VW Polo aus der Werksmannschaft nicht einmal nur annähernd schlagen hätte können, das Werksauto von VW deutlich geschlagen habe. Ich habe zwar die Meisterschaft nicht gewonnen, weil wir einen Differentialschaden hatten. Aber damals hab ich praktisch mit einer privaten Hobbymannschaft ein Werksteam aus Wolfsburg an den Rand einer Niederlage gebracht und bei zwei Rallyes sogar geschlagen. Das war elektrisierend!

Ich hab vom ersten bis zum letzten Meter alles gegeben und kann mir nichts vorwerfen. Das war das Geilste, was ich in meinem Leben gemacht habe und das wird mir nie wer nehmen können. Dass ich dann am Ende des Tages um zwei Sekunden die Meisterschaft verloren habe, war bitter, aber die Leistung macht mich heute nach wie vor stolz!

Was war das prägendste Erlebnis, die dramatischste Situation, der du ausgesetzt warst?
Da gibt es einige! Sehr prägend war, als ich 2016 meinen allerersten Sieg gefeiert habe! In den Saisonen davor habe ich, glaube ich, fünf Rallyes angeführt, immer mit Mega-Vorsprüngen von einer Minute oder mehr. Und ich habe keine einzige gewonnen. Bis zu den letzten Prüfungen war ich immer in Führung – und dann ist etwas dazwischen gekommen. Einmal ist ein Teil am Auto gebrochen, dann bin ich gegen einen Baum gefahren… Da war der Druck zu gewinnen schon sehr groß. Jeder hat gewusst: Der Neubauer ist der Schnellste, aber er kommt sowieso nicht ins Ziel. Besonders bitter war es 2015 in Weiz: Ich bin mit 1 Minute 35 Sekunden in Führung gelegen, wir sind im Servicepark gestanden, es waren nur noch zwei Sonderprüfungen zu fahren. Mit dem Vorsprung hätte ich vier Spikeräder montieren können und hätte die Rallye immer noch sicher gewonnen. Es haben sich zwar schon Regenschauer abgezeichnet, aber ich wollte keine Hochsicherheitsentscheidung treffen. So bin ich bei der ersten Prüfung gestanden und es hat geschüttet wie aus Kübeln. Nach drei Kilometern bin ich gegen einen Baum gefahren – und alles war kaputt. Das war wohl der deprimierendste Augenblick meiner Karriere. Ich hab damals zu meinen Leuten gesagt: Jetzt lass ich es bleiben, ich dürfte einfach zu deppert sein! Das war für mich der Tiefpunkt: Entweder lasse ich es bleiben oder ich arbeite an mir. Ich habe damals vieles falsch eingeschätzt. Ob ich mit 5 Sekunden oder einer Minute Vorsprung gewonnen hätte, hätte keinen interessiert. Aber mein Ego war zu dieser Zeit so groß und ich wollte auf jede Prüfung der Schnellste sein! In dieser Phase habe ich meinen jetzigen Coach, Johannes Zeibig, kennengelernt. Ab und zu brauchst du jemanden auf deinem Weg, der dir sagt, so geht’s nicht weiter. Damals habe ich viele Dinge umgestellt und von da an habe ich von 33 Rallyes 20
gewonnen.

Welche Ziele hast du dir gesetzt? Was möchtest du noch erreichen?
Mein Kindheitstraum war es, einmal Rallye-Staatsmeister zu werden. Das habe ich geschafft und darauf bin ich sehr stolz. Ziele braucht man, damit man erfolgreich ist. Jetzt ist mein Ziel, in der Rallye-Weltmeisterschaft Fuß zu fassen und um den Titel mitzukämpfen. Das ist noch mal eine andere Liga, ein anderes Niveau, aber träumen darf man ja.

Denkt man im Rallyesport mit 33 auch schon mal ans Aufhören?
Meine Frau denkt, dass ich nicht auszuhalten wäre, wenn ich nur daheimsitzen würde. Irgendwann vermute ich, wird aber der Augenblick kommen, an dem sich der eine oder andere Sponsor zurückzieht und dann kann es sehr schnell vorbei sein. Ich versuche, möglichst lange dabei zu bleiben, aber eines weiß ich sicher: Mit 60 werde ich vermutlich keine Rennen mehr fahren!

Inwiefern wird sich der Rallyesport, deiner Meinung nach, verändern? Wird E-Mobilität ein Thema werden?
Es werden immer wieder neue Fortschritte gemacht. Wenn man die Zeiten von heute mit denen vergleicht, die vor 20 Jahren an der Spitze gemessen wurden: Alles ist so viel schneller, weil sich die Technik weiterentwickelt hat, das Rundherum, die Reifen, die Fahrwerke. Ich bezweifle aber, dass sich im Rallyesport die E-Mobilität durchsetzen wird. Ich liebe den Benzingeruch und die Reaktionen der Leute auf den röhrenden Motor. Es ist schwerer, mit dem Elektro-Motor Emotionen zu schaffen. Aber: Man darf sich den Innovationen nie verschließen – der Rallyesport war immer schon Pionierarbeit.

Wenn du einmal nicht im Auto sitzt und dich nicht um die Geschäfte im Autohaus kümmerst, womit verbringst du deine Freizeit?
Was mir großen Spaß macht, ist es, einfach einmal mit meinen Freunden gemütlich zusammen zu sitzen, was zu trinken, Gaudi zu haben. Ich spiele liebend gern Tennis und Fußball, da habe ich meinen sportlichen Ausgleich. Den größten Teil meiner Freizeit versuche ich aber natürlich mit meiner Familie zu verbringen – insofern kann man sagen, mein Hobby ist die Familie.