Und sie rennen immer noch

Wenn historische Rennwagen beim Gaisbergrennen oder Mille Miglia Warm Up durchs Salzburgerland knattern, schlägt das Herz eines jeden Motorsport-Enthusiasten höher.
Text: Dominic Schafflinger
Fotos: Mille Miglia/Mattia Martegani, Herbert Steves, Ennstal Classic/Steerin & Rainer Reitegger, Thomas Matzelberger/TMVB, kaindl-hoenig.com, Michal Pospisil, Poletto Angelo, auto-focus.at
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„Als wir bei der Ennstal Classic das erste Mal Zweiter wurden, da haben sich unser Vater und der Veranstalter weinend umarmt. Das war so rührend und der Moment, an dem wir gemerkt haben, das hat Bedeutung für die Menschen.“ – Margarita und Magdalena Voglar

Es ist nicht nur der Klang der klassischen Motoren, der die Fans begeistert, sondern auch die Ästhetik der Oldtimer und die, historisch vielleicht nicht ganz korrekte, Erinnerung an die gute alte Zeit. Während die Autos mit jedem Jahr älter werden, ist das Gegenteil im Fahrerlager der Fall: Die Teilnehmer werden jünger und machen die Wettbewerbe kompetitiver als je zuvor.

Nur die Autos bleiben alt

Bei der diesjährigen Ennstal Classic mussten sich letzten Endes alle gegen ein junges, weibliches Steirer-Dreamteam geschlagen geben. Die Schwestern Margarita und Magdalena Voglar lagen mit ihrer 1965 Alfa Romeo Giulia TI von Tag eins an in Führung. Die Faszination Oldtimer bekamen beide in die Wiege gelegt. „Unser Vater liebt Oldtimer, er kaufte oft echte Kraxen und hat selbst Hand angelegt“, erzählt Margarita, die sich erst nach absolvierter Führerscheinprüfung für die Wettbewerbe zu interessieren begann: „Magdalena war als Ältere bereits mit 13 oder 14 Jahren als Papas Beifahrerin mit dabei. Das erste Mal starteten wir 2016 als Team und seitdem sind wir beide und unsere Giulia ein unzertrennliches Team.“ Sie sind nicht die einzigen Nachwuchsfahrer, die die Classics für sich entdeckt haben, 2023 gewannen Christopher und Lisa Behensky zum zweiten Mal hintereinander das Gaisbergrennen, beide unter 30 Jahre alt. „Wer Adrenalin sucht, ist hier falsch, aber wer eine Leidenschaft für Perfektion und Teamwork hat, für den sind Durchschnittsgeschwindigkeitsrennen ein ideales Hobby“, erzählt Thomas Matzelberger, Organisator des Gaisbergrennens und begeisterter Oldtimerfahrer.

Alfa Romeo Giulia (1965)

Zustand: Originalumbau für die 1965er Tour de France
Motor: 2l Doppelnockenmotor, ca. 140 PS
Fahrwerk: Bilstein mit Eibach Federn, Pirelli Reifen
Moderne Sicherheitsfeatures: Sparco Vollkäfig, OMP Feuerlöschanlage, OMP Sitze mit 5-Punkt-Gurten
Homologation: FIA HTP seit 2009
Zulassung: Österreichische Straßenzulassung für historischen Rennsport

Nach eigenen Regeln

„Bei der Organisation des Gaisbergrennens geht es uns auch darum, dass die Zuschauer die alten Autos möglichst hautnah
erleben können.“ – Thomas Matzelberger

Oldtimerrallyes anzusehen ist immer ein Abenteuer. Beim Rossfeld Rennen werden sogar die Zuschauer mit Bussen aus den 1950er Jahren die Rennstrecke hinauf kutschiert. Dort ziehen sie dann vorbei, die alten Autoträume, teilweise besetzt mit berühmten Rennikonen wie Hans-Joachim „Strietzel“ Stuck oder Prominenten wie Leopold Prinz von Bayern. Schon mit Schauen ist man mehr als ausgelastet, aber noch mehr hat man davon, wenn man die Regeln kennt. „Bei Gleichmäßigkeitswertungen geht es darum, eine Durchschnittsgeschwindigkeit genau zu treffen, die Zeitmessungen erfolgen meist versteckt. Bei Timing-Prüfungen geht es darum, in einer genau vorgegebenen Zeit, also nicht später und nicht früher, das Ziel zu erreichen und es ist egal, wie schnell man wo fährt, nur stehenbleiben darf man nicht“, erklären die Voglar Schwestern das Reglement. Die Rolle des Beifahrers ist entscheidend. „Das ist die wichtigste Person, er ist mit Straßenkarte und Stoppuhr ausgerüstet, kontrolliert regelmäßig die Durchschnittsgeschwindigkeit und muss dem Fahrer jede Abzweigung und Kurve so erklären, dass er sie umsetzen kann“, betont Matzelberger. „Die größte Gefahr für ein Team ist, wenn bei kleinen Patzern die Stimmung schlecht wird, dann wird’s sicher nichts mit einer guten Platzierung“, meint Margarita Voglar.

Neben den Gleichmäßigkeitsbewerben gibt es etliche Sonderprüfungen, wie Geschicklichkeits- und Manöverprüfungen. „Parkour Fahrten sind genauso möglich wie spezielle Aufgaben für Zielbremsungen. Hier muss man in kürzester Zeit so genau wie möglich in einer Zone stehenbleiben“, beschreibt Matzelberger. Gleichmäßigkeitswertungen und Timing-Prüfungen finden meist auf öffentlichen Straßen statt, auf denen auch normaler Verkehr unterwegs ist, denn diese Form des Wettkampfes hat sich aus ehemaligen Straßenrennen entwickelt.

Richtige Straßenrennen

Eines der abenteuerlichsten Rennen war die Mille Miglia, sie wurde erstmals 1927 ausgetragen, auf offener Straße und bei normalem Verkehr. Nach einem tragischen Unfall 1957 wurde das Rennen verboten. 1977 kam die Mille Miglia dann als Revival für jene Wagen zurück, die von 1927 bis 1957 daran teilgenommen hatten. Um auf der ursprünglichen Strecke von Brescia nach Rom und zurück, mitten im Verkehr unterwegs sein zu dürfen, mussten sich die Veranstalter einen neuen Modus überlegen und die Gleichmäßigkeitsrallye war geboren. Niedrige Geschwindigkeit wurde in Italien anfangs nicht sehr ernst genommen. „Sogar die italienische Polizei trieb damals die Fahrer zu höheren Geschwindigkeiten an, das war damals Italien“, erzählt Ex-Rennfahrer und Mille Miglia Botschafter Martin Utberg: „Hier fahren 400 der schönsten Oldtimer der Welt. Das Warm Up in Salzburg gibt Menschen die Möglichkeit, vor Ort das Mille Miglia Feeling zu erleben. Dieses Gefühl ist unglaublich.“

Highspeed auf historischen Rädern – wo Oldtimer sich echte Rennen liefern:

VENTILSPIEL: Das steirische Ventilspiel findet auf der Rennstrecke des Red Bull Rings in Spielberg statt. Eine Veranstaltung mit lockerer Atmosphäre, bei der es um Speed und Spaß geht.

GRAND PRIX DE MONACO HISTORIQUE: Auf der berühmten Formel 1 Rennstrecke Monacos bietet der historische Grand Prix spannende High-Speed Rennen mit historischen Rennwagen, darunter Formel-1-, Formel-2- und Sportwagen.

GOODWOOD REVIVAL: Das Event ist eine Zeitreise in die 1940er bis 1960er Jahre, bei der Teilnehmer und Besucher im Stil der damaligen Zeit auftreten. Das Starterfeld ist erlesen, denn eine persönliche Einladung vom Earl of March ist Voraussetzung für die Teilnahme.

Belastungsprobe für die alten Knochen

„Ich komme an, sehe die Autos, treffe die Leute und dann kommt die Gänsehaut. Die Mille Miglia ist das wichtigste und schönste Oldtimerrennen der Welt.“ – Ex-Rennfahrer Martin Utberg

„Der Vorteil bei kurzen Gleichmäßigkeitsbewerben ist, dass die Autos geschont werden. Beim Gaisbergrennen werden nur 180 Kilometer zurückgelegt, deshalb haben wir hier so viele hochwertige Fahrzeuge“, erzählt Thomas Matzelberger. Viele Kilometer und steile Bergfahrten sind für historische Fahrzeuge eine Belastungsprobe. Das Mille Miglia Warm Up führt die Teilnehmer über 544 Kilometer von Salzburg über den Großglockner und zurück und die Ennstal Classic erstreckt sich über eine Länge von 900 Kilometern, wobei steile Bergprüfungen die Autos zusätzlich belasten. „Die wichtigste Sonderprüfung ist die, dass das Auto durchhält“, so Magdalena Voglar. Der Alfa Romeo der Schwestern wird vor und nach jedem Rennen komplett durchgecheckt und auf den Renneinsatz vorbereitet. „Unser Auto ist ideal, weil es nie Wehwehchen hat“, so die Champion-Ladies. Nur einmal versagte ihre Giulia den beiden den Dienst: „Der Bremslichtschalter ist durchgebrannt und das hat dazu geführt, dass letztendlich die ganze Bremsanlage versagt hat. Klingt komisch, ist aber so.“ Wer erfolgreich sein will, der fährt am besten immer das gleiche Auto. „Ich höre an der Motordrehzahl, wenn ich im Schnitt bin, unser Tacho funktioniert nicht mal“, lacht Margarita.

Vom Zuschauer zum Rennfahrer

Wer einmal selbst bei einer Oldtimer-Rallye mitfahren möchte, der muss nicht auf den Lottosechser warten, denn so teuer ist der Spaß gar nicht. „Einen alten Mini oder eine Ente findet man schon ab 2500 Euro und restauriert einfach daheim in der Garage. Wichtig ist, dass man nur Originalteile oder identische Nachbauten verwendet“, erklärt Margarita Voglar. „Alternativ kann man in München oder Wien einen Oldtimer aus den 70ern oder 60ern ausleihen, das funktioniert nicht anders als bei neuen Mietwagen. Die Mietpreise starten unter 300 Euro pro Tag und man ist garantiert nicht der Einzige, der mit einem geliehenen Modell unterwegs ist“, erklärt Thomas Matzelberger. Bleibt noch die Startgebühr. „Die beginnt bei ca. 500 Euro und die günstigen Veranstaltungen stehen den teuren kaum nach. Mein Geheimtipp ist die Höllental Classic – günstig, wunderbare Landschaft und sportlich fordernd. Da kann man schauen, ob es einem taugt“, empfiehlt Magdalena.

Sei dabei!

Wer von alten Autos nicht genug bekommen kann, der kann sich nächsten Sommer rund um Salzburg wieder auf hochkarätige Oldtimer-Rallyes freuen.

Mille Miglia Warm Up
Die Faszination der echten Mille Miglia und ein internationales Teilnehmerfeld mitten im Salzburgerland. Die teilnehmenden Wagen müssen zwischen 1927 und 1957 gebaut sein und ein Schwestermodell muss an der echten Mille Miglia teilgenommen haben.

Gaisbergrennen
Das schönste Oldtimerrennen in der Stadt Salzburg, bei dem Wägen bis 1969 und historische oder sportlich bedeutende Fahrzeuge bis 1979 antreten. Das gesamte Starterfeld kann unter anderem in Hellbrunn und am Residenzplatz bewundert werden.

Rossfeld Rennen
Ob und in welcher Form das schon zur Tradition gewordene Rossfeld Rennen stattfindet, war zu Redaktionsschluss noch nicht klar.