Interviews & Persönlichkeiten

Lesezeit: 11 Minuten

Stillstand ist Rückschritt

Text: René Herndl

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Ein „anderes“ Interview mit Christoph Takacs, Direktor des ORF-Landesstudios Salzburg

Herr Takacs, Sie sind eigentlich gebürtiger Ischler. Zum Einstieg gleich die Frage, wie kommt ein Ischler nach Salzburg?
Die Geschichte, die mich nach Salzburg führt, ist eine Familien-Geschichte über drei Generationen. Meine Großmutter mütterlicherseits, eine gebürtige Innviertlerin wollte schon immer nach Salzburg, kam aber nur bis Wels. Meine Mutter hatte mit Salzburg dasselbe Ziel, kam aber nur bis Bad Ischl, wo sie meinen Vater kennengelernt hat. Und in der dritten Generation habe ich es nun geschafft, in Salzburg „aufzuschlagen“.

Also sind Sie eigentlich eher im Innviertel verwurzelt?
Für österreichische Verhältnisse bin ich ein Kosmopolit (lacht). Ich bin immer zwischen Land und Großstadt gependelt. Aufgewachsen in der ländlichen Region, Schule und Studium in Wien, dann wieder zurück, die ersten Arbeitsschritte, dann kam ich aus beruflichen Gründen wieder nach Wien. Wobei ich finde, dass mein Geburtsort Bad Ischl und das Salzkammergut quasi exterritorial sind.

Damit kommen wir schon in den persönlichen Bereich: Wenn Sie als Ischler, als Oberösterreicher und jetzt als Salzburger…
…da kommt noch etwas dazu. Im Jahr 1956 flohen 160.000 Ungarn vor dem Kommunismus, davon blieben etwa 20.000 in Österreich – und einer davon war mein Vater, ein anderer der Vater meiner Frau. Die beiden haben sich nicht gekannt – dementsprechend habe ich Innviertler Wurzeln, ungarische Wurzeln, Ischler Wurzeln und geheiratet hat mich eine Salzburgerin.

Wie sehen Sie Ihren kulturellen Bezug zu Ischl als Operettenstadt, die alte Kaiser-Sommerfrische samt Umgebung und deren Einflüsse?
Der Bezug ist sehr groß, vor allem auch, weil Ischl mittlerweile Kulturhauptstadt 2024 ist. Nach meinen Recherchen war der Plan, zu den Salzburger Festspielen etwas Ergänzendes zu finden – so wollen sich die Lehar‘schen Operettenwochen verstanden wissen. Irgendwie verständlich. Ischl befindet sich nur vier Kilometer hinter der Landesgrenze zu Salzburg. So wie auch das steirische Salzkammergut als Herz des Salzkammerguts bezeichnet wird, herrscht von Ebensee bis Bad Mitterndorf das Bewusstsein vor, dass die Menschen vor allem Salzkammergutler sind.

Themenwechsel: Sie haben Jus studiert – wie kamen Sie zum Journalismus?
(Lacht) Das ist ganz einfach erklärt. Ich musste arbeiten. Der unmittelbare Grund war jedoch ein anderer: Ich fuhr eines Tages, noch während meines Studiums, von einer Party im Salzkammergut ganz spät weg. Auf der Westautobahn, Höhe Vorchdorf, etwa 3 oder 4 Uhr früh, sehe ich ein unbeleuchtetes Fahrzeug gegen die Fahrtrichtung auf der Überholspur stehen. Ich habe dieses Fahrzeug, es war ein großer Transitbus, abgesichert (es war wenig Verkehr). Der Mann hinter dem Steuer schlief!!! Ich habe den Schlafenden aus dem KFZ geholt, in Sicherheit gebracht und die Autobahngendarmerie alarmiert. Am nächsten Tag war medial die Hölle los. Zeitungen und ORF führten Interviews mit mir. Die Schlagzeilen lautenden am nächsten Tag: „Student verhindert Autobahndrama.“ Mich hat für den ORF OÖ der damalige Chefredakteur, Franz Rohrhofer vor das Mikrofon gebeten. Danach habe ich den Chefredakteur abermals angerufen und gefragt: „Wie wird man eigentlich Journalist?“ Die Antwort war, dass ein Talentwettbewerb zu absolvieren wäre, was ich auch gemacht habe – und mit Bomben und Granaten durchgefallen bin. Daraufhin hatte ich Frust, aber ich habe nicht aufgegeben, mich zu bewerben.

„Kochen finde ich sexy, da ist alles Mögliche drinnen, Kreativität, Genuss und Kultur.“

Als Journalist mit dem Ziel, Intendant bzw. Landesdirektor zu werden…
(Lacht wieder) Gar keine Rede. Tatsache ist, dass irgendwann meine Bewerbung ganz oben lag und ich dann einen Monat lang als journalistischer Praktikant arbeitete – der Chefredakteur hat mich unter seine Fittiche genommen. Jahre später hat er mir gesagt: „Ich glaub, es war ein Fehler, dass wir Sie damals nicht gleich genommen haben.“ So wurde ich Journalist, freier Mitarbeiter! Für meine Familie, mehrere Juristen darunter, und insbesondere für meine Mutter, war ich dann das „schwarze Schaf“. Quasi, der Bub hat keinen anständigen Brotberuf: Journalist – eine Familien-Katastrophe. Mein Praktikum hat dazu geführt, dass ich acht Jahre später angestellter Redakteur wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt hat mich meine Mutter regelmäßig angerufen, wenn sie mich mal nicht im Radio gehört oder im TV gesehen hatte und durchaus süffisant gefragt: „Haben sie dich aussighaut?“ Damals wollte sie einfach bestätigt wissen, dass ich die falsche Wahl getroffen und sie mit ihrer Skepsis Recht hatte. Sie hatte unrecht, heute weiß sie das und ist stolz.

Womit wir bei einer Kernfrage wären, Ihrem privaten Verständnis von Journalismus. Und zwar im Spannungsfeld zwischen einem öffentlichen Sender, der einen gesetzlichen Auftrag hat, und Ihrem privaten Verständnis in Richtung eines investigativen Journalismus.
Grundsätzlich glaube ich – ich versuche, es in Bildern zu erklären –, dass wir nicht die Guten oder die Bösen sind. Was heißt das? Journalistinnen und Journalisten müssen objektiv und sachlich berichten, die private Meinung darf keine Rolle spielen. Die einzige Ausnahme ist der Kommentar und der muss als solcher deutlich ausgeschildert sein! Ich habe in meiner ganzen Laufbahn einen einzigen Kommentar geschrieben, nämlich für die Presse am Sonntag. Es ging um die Hypo-Alpe-Adria, damals ein großes Thema, wobei ich endlich einmal kein meinungstechnisches Neutrum sein musste. Zweitens sollten Journalisten, jedenfalls ich hab es immer so gehalten, „überall dabei, aber nirgends drinnen sein.“ Der dritte wichtige Punkt ist für mich: Wir machen keine Realität, sondern wir spiegeln sie wider. Das ist das, woran ich mich halte. Ich glaube, dass der österreichische Rundfunk ein Premium-Anbieter ist, der aktuell, objektiv und informativ zu sein hat und auch ist, wie eine repräsentative Studie aus dem Vorjahr zeigt. Demnach ist der ORF – laut deutlich überwiegender Mehrheitsmeinung – nach wie vor das glaubwürdigste Medium.

Wie wir wissen, hat im ORF die Politik – Stichwort Stiftungsrat – Einfluss, auch in Salzburg. Was sagen Sie dazu?
Ich durfte im ORF wirklich viele Funktionen innehaben, meist solche, bei denen Sendungen oder Formate neu aufzubauen oder umzubauen waren. Ein einziges Mal – in 29 Jahren ORF – war ich mit einem Interventionsversuch konfrontiert und den habe ich damit beendet, dass ich gesagt habe: „Na dann kommen Sie halt nicht in die Sendung.“ Das war‘s. Das ist ein Faktum und die natürlichen Feinde von Gerüchten sind Fakten.

Auch keine weltanschauliche?
Es ist vollkommen einerlei, welche Weltanschauung ich habe. Den Konsumenten interessiert meine Weltanschauung nicht, es interessiert ihn das Faktum, die Information, anhand dessen sich jeder und jede eine Meinung bilden kann. Ob ICH zu etwas positiv oder negativ stehe, ist uninteressant. Natürlich habe ich eine Haltung, ja klar. Die ist aber meine Privatsache und spielt ON AIR keine Rolle und darf auch keine spielen.

Daraus ergibt sich die Frage, wie Sie zur Lage der Kultur wie auch zum Kulturbegriff insgesamt stehen. Es gibt eine sogenannte Hochkultur, eine eher reproduzierende, und andererseits eine freie, kreative Kultur…
Schauen Sie, ich habe einen sehr weit gefassten Kulturbegriff. Schon wenn wir hier sitzen und reden, dann ist das bereits Kultur, jedenfalls eine Kulturtechnik! Wenn wir das bei einem guten Essen machen würden, dann würden wir uns einer weiteren Kulturform bedienen, der Kulinarik. In Sachen Kultur ist Salzburg ein ganz besonderes Pflaster. Denn wenn Sie durch Salzburg fahren, ich meine Stadt und Land, dann gibt es kaum einen Ort und kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo eine Kulturveranstaltung, eine Vernissage, ein Konzert und, und, und stattfindet. Hier ist das Wort „Kultur“ mit prallem Leben erfüllt. Selbst die Entwicklung von Salzburg als Tourismus-Hochburg fußt in Wahrheit auf Kunstschaffen. Künstler waren fasziniert von der Region, malten Landschaftsbilder zu Hauf und diese Bilder haben Salzburg berühmt gemacht. In der Folge kamen und kommen Heerscharen von Touristinnen und Touristen. Salzburg und Kultur gehören zusammen wie „Salz“ und „Burg“. Und noch etwas ist in Salzburg genial: Tradition und Moderne schaffen hier etwas ganz Neues. Ein kleines banales Beispiel: Mein Sohn ist weit weg von klassischer Tracht, aber dass er mit einer Lederhose, Sneakers und einem karierten Hemd unterwegs ist, ist ein typisches Zeichen dafür, dass Tradition und Moderne etwas Neues bewirken können und es auch tun.

Das kann auch nur Zeitgeist sein. Wie weit ist das nachhaltig, also kulturell dauerhaft?
Ich sage es aus der Sicht eines Medienmachers. Ich bin der Überzeugung – was beispielweise ORF3 beweist –, dass Qualität auch Quote macht. Auch wenn es viel „Trash“ gibt, so existiert so etwas wie eine Sehnsucht nach etwas „Wertigem“. Ich glaube, Kultur ist genau das. Wertig! Salzburg ist ein Herzensort, wegen der sogenannten Hochkultur wie den Festspielen, wegen Mozart, wegen Sound of Music, wegen der traditionellen Volkskultur und auch wegen der vielen zeitgenössischen Initiativen.

Gegen Ende noch eine persönliche Frage: Was hätten Sie anstatt Ihres jetzigen Berufs gerne gemacht, als Alternative?
Eigentlich nichts. Ich hatte immer die Möglichkeit, dort tätig zu sein, wo Veränderung zu bewerkstelligen war, das ist immer auch ein bisserl Abenteuer. Obwohl ich ein sicherheitsdenkender, risikominimierender Mensch bin. Meine Chefs, damals wie heute, gaben mir immer Aufgaben, die mir viel Freude bereitet haben. Gemeinsam mit den jeweiligen Teams konnte ich österreichweit die Verkehrsinformationen aus der Luft realisieren. Mit „Heute in Österreich“ damals die längste Informationssendung im ORF mit ganz starker Beteiligung der Landesstudios aus der Taufe heben. Als ORF3-Chefredakteur Teil des Gründungsteams eines ganz neuen Senders sein. Hier in Salzburg mit Jedermann/Jedefrau das erste Kulturmagazin im ORF2-Vorabend erfolgreich starten. Ich glaube, dass ich einfach gerne agiere und starkes Interesse an Neuem habe. Im Übrigen (Achtung Satire): Zwillingen sagt man nach, sie würden immer nach Neuem streben. Nun, ich bin vom Sternzeichen Zwilling mit Aszendent Zwilling und ich habe auch vier Vornamen. Wenn Sie mich fragen, welcher von den vier Zwillingen gerade jetzt hier sitzt, kann ich es Ihnen nicht sagen (lacht). Im Ernst, um ihre Frage zu beantworten: Ich würde mich als Kapitän auf einem Expeditionsschiff sehr wohl fühlen.

Die letzte Frage: Welche Hobbys oder spezielle Interessen haben Sie?
Ich koche für mein Leben gerne und zwar nicht nur „Männerkochen“, sondern auch ganz klassische Alltagsküche. Kochen finde ich sexy, da ist alles Mögliche drinnen, Kreativität, Genuss, Kultur, auch das Kennenlernen anderer Kulturen, es macht offen – siehe das berühmte Sprichwort vom „über den Tellerrand schauen“, was schon sehr viel aussagt. Darüber hinaus beschäftige ich mich mit Ausdauer, ich gehe gerne Skitouren. Aber sicherheitsbewusst, also nur dort, wo es unter Garantie sicher ist. Ich tauche gerne, war als freiwilliger Wasserretter immer wieder im Einsatz, früher bin ich auch gerne geritten. Wenn sie mich fragen, welche beiden Dinge ich in meinem Leben wieder machen würde und welche nicht, dann würde ich sagen, ich würde alles anders tun, weil ich glaube, dass Stillstand Rückschritt ist. Nur zwei Dinge würde ich in jedem Fall genauso tun: Erstens meine Frau wieder heiraten und zweitens mich dort ansiedeln, wo ich heute lebe, nämlich in Salzburg.