So ein Kreuz!
In Anbetracht der hohen Prävalenz von Rückenschmerzen in Österreich ist es unerlässlich, das Bewusstsein für dieses Thema zu schärfen und die Bevölkerung über geeignete Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung zu informieren. Wir sprachen zu diesem Thema mit der Orthopädin Priv. Doz. Dr. Katja Emmanuel und dem Neurochirurgen Dr. Helmut Maier und ließen uns über geeignete konventionelle, minimal-invasive und operative Behandlungsmethoden informieren.
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock, Dr. Katja Emmanuel, Nicaela Emily
Rückenschmerzen sind ein echtes Volksleiden. Etwa 30 % der österreichischen Bevölkerung im Alter von 18 bis 65 Jahren erlebten in den letzten 12 Monaten Rückenschmerzen, ein Drittel dieser Schmerzgeplagten berichtet von chronischen Rückenschmerzen, die länger als drei Monate andauern. Das führt dazu, dass Rückenschmerzen eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit sind und die Lebensqualität vieler Menschen beeinträchtigen.
Früher war es die übermäßige Belastung durch die harte Arbeit, heute sind es die sitzende Tätigkeit im Büro und übermäßiger Stress, die zu Beschwerden an der Wirbelsäule führen. Auch im Jugendalter nehmen unspezifische Rückenschmerzen ohne klar identifizierbaren Grund und damit einhergehende Fehlhaltungen durch einen veränderten Lifestyle mit langer sitzender Tätigkeit und Bewegungsmangel zu. „Junge Menschen verbringen viel Zeit im Sitzen, sei es in der Schule, bei der Arbeit oder mit der Nutzung von Smartphones und Laptops. Dies führt zu schwachen Rumpfmuskeln und einer schlechten Haltung. Dazu kommt zu wenig körperliche Aktivität, die nicht nur zu Übergewicht und damit zusätzlicher Belastung für die Wirbelsäule, sondern oft auch zu muskulären Ungleichgewichten und zu einer Schwäche der Rücken- und Bauchmuskulatur führt“, erläutert die Orthopädin und Sportchirurgin Priv. Doz. Dr. Katja Emmanuel das Problem.
„Spezifische Rückenschmerzen entstehen durch eine erkennbare Ursache, sind oft von Schmerzen, Taubheit oder Schwäche in den Extremitäten begleitet und brauchen eine gezielte medizinische Intervention.“ – Priv. Doz. Dr. Katja Emmanuel
Falscher Lifestyle und Bewegungsmangel
Auch die Ursachen von Rückenschmerzen sind vielfältig. „Spezifische Rückenschmerzen entstehen durch eine erkennbare Ursache wie z.B. Bandscheibenvorfälle, Wirbelbrüche, Entzündungen oder Tumore. Sie sind oft von Schmerzen, Taubheit oder Schwäche in den Extremitäten begleitet, die auch meistens durch eine Bildgebung wie ein MRT oder CT nachweisbar sind. Diese brauchen in der Regel eine gezielte medizinische Intervention, wie Injektionen, also Spritzen, Physiotherapie oder sogar Operationen“, erklärt uns Priv. Doz. Dr. Emmanuel.
Unspezifische Rückenschmerzen hingegen haben keinen klar identifizierbaren Grund. Häufig sind sie das Ergebnis von Muskelverspannungen, Fehlhaltungen oder Stress und zeigen allgemeine unspezifische Schmerzen im Rücken, meist ohne neurologische Symptome, und können in der Regel mit Schmerzmitteln und Physiotherapie behandelt werden.
Wohin bei Rückenschmerzen?
Rückenschmerzen sind ein komplexes und häufiges Problem, das eine interdisziplinäre Herangehensweise erfordert. Die Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Fachärzten und Therapeuten ist entscheidend, um eine präzise Diagnose zu stellen und eine effektive Behandlung zu gewährleisten. Hausärzte sind oft die ersten Ansprechpartner und können nach einer ersten Einschätzung Überweisungen an Physiotherapeuten (zur Rehabilitation und Prävention durch gezielte Übungen oder Therapien) oder an Spezialisten ausstellen. Orthopäden sind auf Erkrankungen des Bewegungsapparates spezialisiert und können sowohl konservative als auch operative Behandlungen anbieten. Bei Verdacht auf Nervenbeteiligung oder neurologische Erkrankungen sind Neurologen oder Neurochirurgen die richtigen Ansprechpartner. Bei entzündlichen Erkrankungen (wie Morbus Bechterew oder rheumatoide Arthritis) hingegen ist die Konsultation eines Rheumatologen nötig.
Konventionelle Therapieansätze
Neben der Physiotherapie und einer suffizienten Schmerztherapie für den Patienten stehen weitere konservative Methoden wie Chiropraktik und physikalische Therapien (z.B. Ultraschall, Magnetfeld, Interferenzstrom, Moor) zur Verfügung. „Erst wenn die konservative Therapie nicht zum gewünschten Erfolg führt, oder der Schmerz zu stark ist, kann nach ausgiebiger Diagnostik zu invasiven Maßnahmen wie Injektionen oder sogar Operationen gegriffen werden“, so Priv. Doz. Dr. Emmanuel, der hierfür ein Netzwerk aus Spezialisten zur Verfügung steht, um eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten.
Einer dieser Salzburger Spezialisten ist der Neurochirurg Dr. Helmut Maier, der seinen Schwerpunkt auf Wirbelsäulen- und Bandscheibenerkrankungen legt und seine Privatordination im Dialyse- und Ordinationszentrum DOZ angesiedelt hat. „Wenn massive Schmerzen vorliegen, ein ausstrahlender Schmerz ins Bein oder Lähmungserscheinungen mit Taubheitsgefühl, sollte der Hausarzt den Patienten unverzüglich weiterschicken an einen Facharzt für Orthopädie oder Neurochirurgie“, informiert uns Dr. Maier über das weitere Vorgehen. „Im nächsten Schritt muss eruiert werden, ob ein Kreuzschmerz oder ein Beinschmerz vorliegt, denn nicht jeder Kreuzschmerz benötigt eine Bildgebung, ein Beinschmerz jedoch sehr wohl, weil es sich um Nervenschmerzen handelt.“
Kreuzschmerz bei Therapieresistenz wird in weiterer Folge mit röntgengezielten Infiltrationen behandelt. Wirbelgelenke oder Darmkreuzbeingelenke werden mit Nadeln punktiert, ein entzündungshemmendes Medikament wird eingespritzt. Dies sollte dem Patienten eine deutliche Besserung bringen, im Idealfall sogar Schmerzfreiheit. „Infiltrationen haben auch einen diagnostischen Wert“, so Dr. Maier, „denn wenn der Schmerz durch Infiltration nicht deutlich besser wird, dann brauche ich definitiv eine Bildgebung wie Röntgen, CT oder MRT, um zu untersuchen, welche andere Ursache dahintersteckt.“
Wenn ein operativer Eingriff erforderlich wird
Bei schweren Fällen, wie z.B. einem Bandscheibenvorfall, kann eine Operation notwendig sein, um Druck auf die Nerven zu entlasten. Man geht davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung einmal im Leben einen Bandscheibenvorfall erleidet. Diese Erkrankung kann Druck auf die Nerven ausüben und Schmerzen verursachen, die bis in die Beine ausstrahlen.
Die Hauptgründe für die Entstehung eines Bandscheibenvorfalls sieht Dr. Helmut Maier in genetischen Faktoren, aber auch im Stress und im Lifestyle, denn durch zu viel falsche und zu wenig richtige Bewegungen wird der Bewegungsapparat gestört. „Aber nur die wenigsten Bandscheibenvorfälle muss man operieren (nur bei Beinschmerz mit Lähmungserscheinung, bei Therapieresistenz nach Physiotherapie oder Infiltrationen), die meisten werden konservativ oder minimalinvasiv behandelt und lassen sich damit gut in den Griff bekommen“, beschwichtigt der erfahrene Neurochirurg.
„Wenn man an der Wirbelsäule behandelt, ist weniger mehr – wenig Trauma, wenig Blutverlust, kurze Operationszeiten, rasche Mobilisation, kurzer Krankenhausaufenthalt.“ – Dr. Helmut Maier
Neben den Bandscheibenvorfällen, die eher Patienten bis zu einem Alter von 60 Jahren betreffen, kommen ab 70+ die Stenosen (Wirbelkanalverengungen) vor. Das Gehen schmerzt, die Gehstrecken der Patienten verkürzen sich. „Gerade im Alter sind die Bewegung und die Mobilität das Wichtigste, die höchste Prämisse. Die Lebensqualität nimmt nach einer solchen Operation wieder extrem zu“, klärt uns Dr. Maier zu den positiven Effekten einer Stenosen-OP auf.
Knapp 400 bis 450 Interventionen an Hals-, Brust- und Lendenwirbelsäule führt der Neurochirurg jährlich in den modernen Operationssälen der Privatklinik Wehrle-Diakonissen durch, hauptsächlich minimalinvasive Eingriffe, aber auch mikrochirurgische Operationen (OPs unter dem Operationsmikroskop, etwa bei Stenosen oder Bandscheibenvorfällen), größere Stabilisierungsoperationen, u.a. minimalinvasiv, an der Hals- und Lendenwirbelsäule bei degenerativen Skoliosen oder Wirbelgleiten sowie Implantationen. „Wenn man an der Wirbelsäule behandelt, ist weniger mehr“, so Maier, „wenig Trauma, wenig Blutverlust, kurze Operationszeiten, rasche Mobilisation, kurzer Krankenhausaufenthalt. Durch minimalinvasive Operationen hat sich auf diesem Gebiet viel getan.“
Richtige Intensität, richtige Technik
Bewegungsmangel ist ein Hauptgrund für Rückenschmerzen und Probleme mit den Bandscheiben. Doch welche Sportarten eignen sich am besten, um Bauch- und Rückenmuskulatur zu trainieren? „Grundsätzlich eignet sich jede Sportart, die sich auf die Stärkung der Rumpfmuskulatur fokussiert. Die bekanntesten sind neben dem gezielten Krafttraining der Rumpfmuskulatur, das im besten Fall unter Kontrolle durchgeführt werden sollte, Pilates und Yoga. Natürlich ist auch Schwimmen, besonders Rückenschwimmen oder Rudern und Radfahren für die Rückenmuskulatur effektiv, während die Bauchmuskeln ebenfalls aktiviert werden“, fasst Priv. Doz. Dr. Emmanuel zusammen. Sie empfiehlt insgesamt die regelmäßige und abwechslungsreiche Bewegung, um die Muskulatur nachhaltig zu stärken und Rückenbeschwerden vorzubeugen. Als ehemalige Profisportlerin empfiehlt die Orthopädin, vor jeder sportlichen Beanspruchung die Muskulatur aufzuwärmen, auf die Regenerationszeiten zwischen den Trainingseinheiten zu achten und auch nicht auf das Dehnen vor und nach dem Training zu vergessen, um Verspannungen der Muskulatur, die zu Schmerzen führen können, vorzubeugen. „Um schmerzfrei Sport betreiben zu können, ist es generell wichtig, den richtigen Sport in der richtigen Intensität mit der richtigen Technik zu wählen. Meistens ist die falsche Technik, also die unsachgemäße Ausführung von Übungen, insbesondere beim Krafttraining, und zu intensives Training, also Übertraining ohne ausreichende Regeneration, Ursache für Überlastungen und Verletzungen.“
Prävention durch Bewegung, ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und regelmäßige ärztliche Kontrollen können somit helfen, Rückenschmerzen vorzubeugen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.