Sind Männer Gesundheits-Muffel?

Text: Susanne Rosenberger
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Männer vergessen auf Vorsorgeprogramme, ignorieren kleinere Wehwehchen und leugnen erste Verschleißerscheinungen. Auf Leistung und Stärke getrimmt, überschätzen Männer gerne ihr rasantes Tempo auf der Überholspur des Lebens – bis sie vom Hormonabfall in der Andropause und dem Eintritt in die Pension auf null herabgebremst werden.

Neulich saß ich beim Internisten und wartete auf meine jährliche Gesundenuntersuchung, als ich nicht drum herumkam, einem Gespräch zwischen zwei Männern in den späten Fünfzigern zu lauschen, die sich ebenfalls im Warteraum aufhielten. Der Habitus und die Kleidung des einen deuteten darauf hin, dass es sich um einen erfolgreichen Geschäftsmann handelte. Er berichtete seinem Sitznachbarn von 70 Arbeitswochenstunden, anstrengenden Geschäftsreisen, gepaart mit Schlaf- und Herz-Rhythmusstörungen, die während der letzten Wochen stark zugenommen hatten. „Meine Frau gibt sowieso keine Ruhe, bis ich mich nicht auf Herz und Nieren untersuchen lasse. Aber mir fehlt ja sowieso nichts!“, verteidigte er seinen Gesundheitszustand. „Mich schickt auch meine Frau“, gab der andere kleinlaut zu. „Sie behauptet, mein ungesunder Lebensstil würde mich noch ins Grab bringen. Ich bin hingegen der Meinung, je öfter man zum Arzt geht, desto eher wird auch etwas gefunden.“

Während ich die angeregte Diskussion der beiden Herren belauschte, frage ich mich im Stillen, ob ich auch meinen Mann später zu den Vorsorgeuntersuchungen anstoßen werde müssen. Viele Männer im fortgeschrittenen Alter brauchen nämlich tatsächlich die Aufforderung ihrer Partnerin, um sich zu Vorsorgeprogrammen anzumelden und jährlich beim Hausarzt durchchecken zu lassen. Ist Männern ihre Gesundheit wirklich so wenig wert?

Mehr als die Prostata allein
Unter dem Begriff „Männergesundheit“ versteht man viel mehr als die regelmäßige medizinische Abklärung der urologischen und andrologischen Organe. Der Begriff beinhaltet sowohl die sozialen und kulturellen Bedingungen des Aufwachsens von Jungen bis hin zum Mannsein, als auch den genderbezogenen spezifischen Umgang mit Gesundheit (Rollenbilder wie „Männer kennen keinen Schmerz“). Genau genommen umfasst der Begriff das Wohlbefinden des Mannes in allen Facetten – von Sport, Fitness, Ernährung und Kommunikation bis hin zu Sexualität und Potenz.

Während bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Lebenserwartung von Frau und Mann nahezu ident war, büßen Männer heute laut Statistik im Durchschnitt 5 Jahre ihrer wertvollen Lebenszeit ein. Dies resultiert daraus, dass Männer häufig einen ungesünderen Lebensstil pflegen als Frauen, sich schlechter ernähren und einen höheren Alkohol- und Zigarettenkonsum haben. Zudem erkranken Männer öfter an vermeidbaren, lebensstilabhängigen Krankheiten und haben eine erhöhte Mortalitätsrate durch Suizid oder Unfälle.

Kritische Lebensphasen
Beleuchten wir die verschiedenen Lebensphasen des starken Geschlechts: Der junge Mann ist meist geprägt vom Elternhaus und übernimmt die männliche Rolle des Vaters und anderer männlicher Vorbilder, dabei wird er bereits in jugendlichem Alter auf Leistung, Stärke und Lösungsorientierung programmiert. Im Erwachsenenalter kommt bei vielen Stress, Schlafmangel, ein zu hohes Arbeitspensum und eine übersteigerte Risikobereitschaft hinzu – Mann will schließlich erfolgreich sein und imponieren. Wenn Männer lange Zeit über ihre Grenzen gehen, landen sie gerne im Burn-out oder in einer Depression. Diese psychischen Krankheiten werden bei Männern im besten Alter häufig spät diagnostiziert, weil sie es vermeiden, über ihre Probleme und Ängste zu reden und sich ungern Hilfe beim Arzt holen.

Bei Männern ab dem 55. Geburtstag können typische Symptome einsetzen, die sich durchaus mit den weiblichen Wechseljahren vergleichen lassen – die Rede ist von der sogenannten „Andropause“. In dieser Lebensphase sinkt eine Vielzahl von Hormonen (Testosteron, Wachstumshormon, Östrogene) langsam und kontinuierlich ab. Männer können sich erschöpft, unruhig und nervös fühlen, weitere mögliche Symptome sind Depressionen, Herzbeschwerden, Haarausfall, Erektionsprobleme oder ein vermindertes sexuelles Verlangen.

Den nächsten kritischen Lebensabschnitt stellt der Übergang in den Ruhestand dar. Wenn sich ein leistungsfokussierter Mann von einem Tag auf den anderen nicht mehr gebraucht und wichtig fühlt, stößt dies so manchen Kandidaten unsanft in ein dunkles Loch. Mit dem letzten Gehaltsscheck scheinen viele Männer ihre Tatkraft, Abenteuer- und Unternehmungslust gänzlich ad acta zu legen. Ganz im Gegenteil zu ihren Ehefrauen, die im Rentenalter oft zu neuer Blüte auflaufen, zieht sich das starke Geschlecht gerne ins Häusliche zurück und sucht seine Ruhe – was wiederum zu einem veritablen Beziehungskonflikt führt.

Nicht verdrängen, sondern handeln!
Die Herausforderungen der einzelnen Lebensabschnitte zeigen auf, wie dringend Handlungsbedarf in der Männergesundheit besteht! Welche Lösungen gibt es also, um ein Männerleben in Balance zu halten? Das Beste für die Gesundheit ist immer noch ein aktives Leben mit Sport und viel Bewegung an der frischen Luft, dazu eine ausgewogene Ernährung. Männer sind grundsätzlich sehr technikaffin und aufgeschlossen gegenüber smarten Begleitern, mit deren Hilfe sich die täglichen Schritte, Trainingseinheiten, Herzfrequenz oder Schlafrhythmus messen lassen. Solche Smartwatches oder Handy-Apps bieten digitale Unterstützung, um den Gesundheitsstatus im Blick zu halten – ein gutes Gadget, um den inneren Schweinehund zu besiegen und zu einem „Healthy User“ zu werden.

Es kann zudem wahnsinnig befreiend wirken, mit einer vertrauten Person offen über finanzielle Schwierigkeiten, Ärger am Arbeitsplatz, Beziehungsprobleme oder lebensverändernde Momente zu sprechen – daher ist es wichtig, echte Freundschaften zu pflegen und den Kontakt zur Familie zu halten, um im Notfall einen geeigneten Gesprächspartner zur Seite zu haben.

Auch ein Blick in die Familiengeschichte kann Aufschluss geben über gesundheitliche Risiken u. a. für Krebs, Schlaganfall, Herz-/Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Dieses Wissen über Krankheiten lebender oder bereits verstorbener Angehöriger ist Gold wert! Denn erst, wenn man sein Risiko kennt, kann gezielt vorgesorgt werden. Auch die regelmäßige Selbstbeobachtung und -untersuchung des eigenen Körpers muss ernst genommen werden. Sobald die kleinste Veränderung auffällt, ist der Weg zum Arzt unumgänglich. Verdrängen hilft niemandem weiter, denn Früherkennung ist der wichtigste Faktor bei der Behandlung ernster
Erkrankungen.

Starkes Accessoire für die Oberlippe
Der November naht, also lass‘ dir einen Schnurrbart wachsen und hilf dabei, das Gesicht der Männergesundheit zu verändern. Egal welchen Schnurrbart Mann sich stehen lässt, der „Mo“ fordert Aufmerksamkeit im Umfeld und führt womöglich zu lebensrettenden
Gesprächen unter Männern.

Seit dem Start der Aktion MOVEMBER im Jahr 2003 in Australien wurden mehr als 1.250 Männergesundheitsprojekte auf der ganzen Welt finanziert – von der Vorbeugung von Prostata- und Hodenkrebs über psychische Gesundheit hin zu Suizidprävention. Das aus dem Englischen entlehnte Kofferwort „Movember“ setzt sich aus moustache (Kurzform mo, deutsch: Schnurrbart) und November (dem Monat, in dem die Aktion jährlich durchgeführt wird) zusammen.

Hier die heiligen Regeln des Movembers: Die Teilnehmer starten glatt rasiert am 1. November, halten den Mo den ganzen Monat über gepflegt und rasieren ihn am 1. Dezember ab. Je mehr Freunde, Kollegen und Familienmitglieder sich an der Aktion beteiligen, umso besser. Hinter allem steckt die Mission, über den persönlichen „Mo Space“ Gelder für innovative Projekte im Bereich der Männergesundheit zu sammeln und dadurch das Leben von Männern auf der ganzen Welt zu verbessern. (www.at.movember.com)

Allgemeine Vorsorge- und Früherkennungs-Empfehlungen der Österreichischen Krebshilfe:

– Selbstabtastung der Hoden: ab dem 20. Geburtstag monatlich

– Prostatauntersuchung durch Arzt/Ärztin: ab dem 45. Geburtstag jährlich

– Darm/Okkulttest: ab dem 40. Geburtstag einmal jährlich

– Darmspiegelung: ab dem 50. Geburtstag alle sieben Jahre

– Hautselbstuntersuchung: zumindest zweimal jährlich

– Hautuntersuchung durch Arzt/Ärztin: einmal jährlich, Risikogruppen öfter

– HPV Impfung