Pietät hat Vorrang

Text: Ulli Wright, Maria Russ
Fotos: wildbild/Herbert Rohrer

Seine Live-Berichte aus dem Balkan und der umkämpften Ostukraine sind Kult, und wohl kaum einer kennt den Ukraine-Konflikt hierzulande so gut wie er. Den meisten politikinteressierten Fernsehzusehern ist Christian Wehrschütz als Balkanexperte bestens bekannt. Seit 1999 berichtet der gebürtige Grazer als Korrespondent aus Belgrad über das ehemalige Jugoslawien und Albanien.

Wir treffen Christian Wehrschütz in Salzburg, wo der Vater von zwei erwachsenen Töchtern seit 2015 mit seiner Frau Elisabeth lebt. Bevor wir mit dem Interview starten, erzählt er uns, dass er mittags seine Enkeltochter vom Kindergarten abholen wird. Das kleine Mädchen hat sein Herz im Sturm erobert, und obwohl er berufsbedingt selten zu Hause ist, ist er ein absoluter Familienmensch. In seiner Bibliothek gibt er uns faszinierende Einblicke in sein spannendes und teilweise auch gefährliches Berufsleben. Er erzählt, wie wichtig es ist, sich als Journalist nicht manipulieren zu lassen, und verrät, dass sein ganz persönlicher Held Perry Rhodan aus der gleichnamigen Science-Fiction-Serie ist.

Herr Wehrschütz, Sie haben Jus studiert und 1985 Ihre Diplomarbeit über das „Aktiengesetz als Analogiebasis für das Sparkassenorganisationsrecht“ geschrieben. Wie sind Sie auf den Geschmack gekommen, Journalist zu werden?
Ich wollte eigentlich schon immer Journalist werden, meine zweite große Leidenschaft lag im Bereich der Verhaltensforschung oder der Genetik (Konrad Lorenz usw.). Der Journalismus, mit dem Ziel, Auslandskorrespondent zu werden, hat mich allerdings auch schon immer interessiert. Und das ist für mich heute immer noch die schönste Form des Journalismus.

Woher kommen Ihre Liebe und Ihre Leidenschaft für den Balkan?
Ich hatte keine spezielle Beziehung zu den Balkanländern und wollte ursprünglich nach Moskau gehen. Dort war jedoch kein Korrespondenten-Posten frei. Unmittelbar nach den Jugoslawienkriegen war das ORF-Büro in Belgrad verwaist, und der damalige Intendant des ORF OÖ-Landesstudios, Hannes Leopoldseder, hat gemeint, ich soll versuchen, ein Visum zu bekommen. Nach drei Monaten Einschulung in Brüssel habe ich am 23. Dezember 1999 das Visum bekommen, und am 14. Februar 2000 bin ich zum ersten Mal nach Belgrad gefahren.

Können Sie uns erzählen, wie das war?
Jugoslawien war damals unter Sanktionen. Wenn ich heute zurückdenke, dann sind wir das Ganze relativ dilettantisch angegangen. Ich bekam vom ORF ein Auto samt Benzinkanister und machte mich auf den Weg. Vorher habe ich mit meiner Familie noch den Geburtstag meiner älteren Tochter gefeiert und am Weg nach Belgrad meine Mutter in Graz besucht. Ich sprach damals bereits Russisch und Ukrainisch und habe mir nebenbei in Privatstunden Serbokroatisch angeeignet. Im Sheraton in Belgrad habe ich mich mit dem Produzenten getroffen und schon am nächsten Tag begann die völlige Reorganisation des Büros in Belgrad.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Das Büro war in einem relativ guten Bezirk in Belgrad, allerdings 20 Minuten mit dem Auto vom Stadtzentrum entfernt und auch technisch nicht am neuesten Stand. Wenn wir eine Geschichte fürs Radio machen wollten, mussten wir einen Tag vorher bei Radio Belgrad ein Studio bestellen. Das war für mich kein tragbarer Zustand, denn sollte plötzlich etwas ausbrechen, wären wir nicht handlungsfähig gewesen. Also habe ich das alte Büro aufgelassen und wir sind ins Stadtzentrum zur Agentur Beta gezogen. Dort konnten wir rund um die Uhr berichten und Radio-Geschichten über das Internet überspielen. Das hat uns eine aktuelle Berichterstattung über den Sturz von Slobodan Milošević am 5. Oktober 2000 überhaupt erst ermöglicht. Fernsehen funktionierte damals ausschließlich über Satelliten. Da das staatliche Fernsehstudio in Belgrad angezündet worden war, konnten wir unseren Beitrag erst zwei Tage nach dem Sturz senden. Das war mein Einstieg als Korrespondent in Belgrad. Am meisten geholfen haben mir mein Charakter und meine Ausbildung beim Bundesheer, wo ich das richtige Planen gelernt habe. Denn in einem Land, in dem in der Regel nichts mehr funktioniert, ist es ganz entscheidend, dass man Einsätze so perfekt wie möglich plant.

Wie groß sind Ihre jeweiligen Teams in den Ländern, in denen Sie tätig sind?
Meine Teams sind seit meinen Anfängen im Jahr 1999 immer gleich geblieben. Im ORF-Büro in Belgrad gibt es neben mir eine Office-Managerin. Alle anderen Mitarbeiter, wie der Cutter oder das Drehteam, werden zugekauft. In jedem einzelnen Balkan-Land steht mir ein Produzent zur Seite, der mir inhaltlich zuarbeitet und bei der Organisation hilft. In der Regel reisen nur der Cutter und ich, alle anderen sind jeweils vor Ort.

Sie sprechen acht Sprachen. Wie wichtig ist das in Ihrem Job?
Das ist für mich das Um und Auf. Ich arbeite in keinem Land längerfristig, in dem ich die Sprache nicht kann. Das ist mein Arbeitsprinzip, denn nur so kann man seriös arbeiten. Das ist allerdings nicht selbstverständlich, denn viele Korrespondenten und Medienhäuser können die Sprache der Länder, in denen sie unterwegs sind, nicht. Russisch und Ukrainisch habe ich schon während meines Jus-Studiums gelernt. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges und wollte die Sprache der zweiten Supermacht lernen, da ich nicht nur auf westliche Quellen angewiesen sein wollte. Wir sprechen auch in unseren Büros die jeweilige Landessprache: in Kiew Russisch und Ukrainisch, in Belgrad Serbisch.

Schon lange bevor in der Ukraine der Krieg ausgebrochen war, haben Sie sich mit diesem Land beschäftigt. Was hat Sie daran interessiert?
Nach dem Zerfall der Sowjetunion bin ich durch das Buch eines amerikanischen Sicherheitsberaters auf die geopolitische Bedeutung der Ukraine aufmerksam geworden und habe begonnen, mich mit diesem Land zu beschäftigen. Dass dieses ganze Wissen einmal völlig anwendbar werden würde, habe ich damals nicht gewusst.

In der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg. Sie berichten seither von dort. Mit welchem Gefühl sind Sie dort unterwegs?
Natürlich gibt es im Krieg immer Situationen, die man nicht planen kann. Wenn man in eine Stadt fährt, die mit Artillerie beschossen wird, kann man immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein. Scharfschützen kann man einigermaßen abschätzen und um die Minengefahr zu vermeiden, muss man gewisse Wegstrecken vermeiden – da ist vom Fahrer ein großes Wissen gefragt. Im Gegensatz zu vielen anderen Medienhäusern sind wir in der Ukraine ein sehr kleines Team, das nur aus drei Personen besteht. Das ist sicher ein Vorteil, da man nicht so auffällt. Alle unsere Einsätze werden im Team gemeinsam besprochen und geplant. Unsere Sicherheit hat Vorrang, wir sind ja nicht auf dem Todestrip unterwegs.

Kurz und einfach erklärt: Worum geht es in diesem Krieg überhaupt?
Der Krieg begann nach dem Sturz des „prorussischen“ Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar 2014 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew als politischer Konflikt. Meiner Ansicht nach fürchteten regionale Oligarchen in der ostukrainischen Stadt Donezk, dass nach Janukowitsch auch sie zum Handkuss kommen würden, und haben mit Unterstützung von Janukowitsch, der selbst aus dem Gebiet von Donezk stammt und dort auch Gouverneur war, mit dem Feuer des Separatismus gespielt. Das Ganze ist ihnen entglitten. Die Folge war die Abspaltung der zwei prorussischen so genannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Relativ rasch hat sich Russland, das direkt an die Ost­ukraine grenzt, eingemischt. Es gab auch dort separatistische Strömungen zur Abspaltung der Ostukraine, die nach der Annexion der Krim graduell gestiegen sind. Als diese Kräfte dort im Frühsommer durch die anlaufende Offensive der ukrainischen Streitkräfte – Präsident der Ukraine war seit 7. Juni 2014 der prowestliche Petro Poroschenko – und Freiwilligen-Bataillon an den Rand der Niederlage gedrängt wurden, hat Russland die Situation geschaffen, die im Grunde genommen seit März 2015 herrscht. Wobei man sagen muss, dass die Russen bereits bevor sie massiv mit regulären Truppen eingegriffen haben, von der anderen Seite der Grenze mit Artillerien herübergeschossen und ukrainische Truppen vernichtet haben. Da blieb kein Auge trocken, da waren Kräfte im Spiel, die Panzerfahrzeuge umgedreht haben. Das ist im Prinzip der Status quo seit Februar 2015.