Interviews & Persönlichkeiten

Lesezeit: 20 Minuten

Pietät hat Vorrang

Text: Ulli Wright, Maria Russ

Fotos: wildbild/Herbert Rohrer

Seine Live-Berichte aus dem Balkan und der umkämpften Ostukraine sind Kult, und wohl kaum einer kennt den Ukraine-Konflikt hierzulande so gut wie er. Den meisten politikinteressierten Fernsehzusehern ist Christian Wehrschütz als Balkanexperte bestens bekannt. Seit 1999 berichtet der gebürtige Grazer als Korrespondent aus Belgrad über das ehemalige Jugoslawien und Albanien.

Wir treffen Christian Wehrschütz in Salzburg, wo der Vater von zwei erwachsenen Töchtern seit 2015 mit seiner Frau Elisabeth lebt. Bevor wir mit dem Interview starten, erzählt er uns, dass er mittags seine Enkeltochter vom Kindergarten abholen wird. Das kleine Mädchen hat sein Herz im Sturm erobert, und obwohl er berufsbedingt selten zu Hause ist, ist er ein absoluter Familienmensch. In seiner Bibliothek gibt er uns faszinierende Einblicke in sein spannendes und teilweise auch gefährliches Berufsleben. Er erzählt, wie wichtig es ist, sich als Journalist nicht manipulieren zu lassen, und verrät, dass sein ganz persönlicher Held Perry Rhodan aus der gleichnamigen Science-Fiction-Serie ist.

Herr Wehrschütz, Sie haben Jus studiert und 1985 Ihre Diplomarbeit über das „Aktiengesetz als Analogiebasis für das Sparkassenorganisationsrecht“ geschrieben. Wie sind Sie auf den Geschmack gekommen, Journalist zu werden?
Ich wollte eigentlich schon immer Journalist werden, meine zweite große Leidenschaft lag im Bereich der Verhaltensforschung oder der Genetik (Konrad Lorenz usw.). Der Journalismus, mit dem Ziel, Auslandskorrespondent zu werden, hat mich allerdings auch schon immer interessiert. Und das ist für mich heute immer noch die schönste Form des Journalismus.

Woher kommen Ihre Liebe und Ihre Leidenschaft für den Balkan?
Ich hatte keine spezielle Beziehung zu den Balkanländern und wollte ursprünglich nach Moskau gehen. Dort war jedoch kein Korrespondenten-Posten frei. Unmittelbar nach den Jugoslawienkriegen war das ORF-Büro in Belgrad verwaist, und der damalige Intendant des ORF OÖ-Landesstudios, Hannes Leopoldseder, hat gemeint, ich soll versuchen, ein Visum zu bekommen. Nach drei Monaten Einschulung in Brüssel habe ich am 23. Dezember 1999 das Visum bekommen, und am 14. Februar 2000 bin ich zum ersten Mal nach Belgrad gefahren.

Können Sie uns erzählen, wie das war?
Jugoslawien war damals unter Sanktionen. Wenn ich heute zurückdenke, dann sind wir das Ganze relativ dilettantisch angegangen. Ich bekam vom ORF ein Auto samt Benzinkanister und machte mich auf den Weg. Vorher habe ich mit meiner Familie noch den Geburtstag meiner älteren Tochter gefeiert und am Weg nach Belgrad meine Mutter in Graz besucht. Ich sprach damals bereits Russisch und Ukrainisch und habe mir nebenbei in Privatstunden Serbokroatisch angeeignet. Im Sheraton in Belgrad habe ich mich mit dem Produzenten getroffen und schon am nächsten Tag begann die völlige Reorganisation des Büros in Belgrad.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Das Büro war in einem relativ guten Bezirk in Belgrad, allerdings 20 Minuten mit dem Auto vom Stadtzentrum entfernt und auch technisch nicht am neuesten Stand. Wenn wir eine Geschichte fürs Radio machen wollten, mussten wir einen Tag vorher bei Radio Belgrad ein Studio bestellen. Das war für mich kein tragbarer Zustand, denn sollte plötzlich etwas ausbrechen, wären wir nicht handlungsfähig gewesen. Also habe ich das alte Büro aufgelassen und wir sind ins Stadtzentrum zur Agentur Beta gezogen. Dort konnten wir rund um die Uhr berichten und Radio-Geschichten über das Internet überspielen. Das hat uns eine aktuelle Berichterstattung über den Sturz von Slobodan Milošević am 5. Oktober 2000 überhaupt erst ermöglicht. Fernsehen funktionierte damals ausschließlich über Satelliten. Da das staatliche Fernsehstudio in Belgrad angezündet worden war, konnten wir unseren Beitrag erst zwei Tage nach dem Sturz senden. Das war mein Einstieg als Korrespondent in Belgrad. Am meisten geholfen haben mir mein Charakter und meine Ausbildung beim Bundesheer, wo ich das richtige Planen gelernt habe. Denn in einem Land, in dem in der Regel nichts mehr funktioniert, ist es ganz entscheidend, dass man Einsätze so perfekt wie möglich plant.

Wie groß sind Ihre jeweiligen Teams in den Ländern, in denen Sie tätig sind?
Meine Teams sind seit meinen Anfängen im Jahr 1999 immer gleich geblieben. Im ORF-Büro in Belgrad gibt es neben mir eine Office-Managerin. Alle anderen Mitarbeiter, wie der Cutter oder das Drehteam, werden zugekauft. In jedem einzelnen Balkan-Land steht mir ein Produzent zur Seite, der mir inhaltlich zuarbeitet und bei der Organisation hilft. In der Regel reisen nur der Cutter und ich, alle anderen sind jeweils vor Ort.

Sie sprechen acht Sprachen. Wie wichtig ist das in Ihrem Job?
Das ist für mich das Um und Auf. Ich arbeite in keinem Land längerfristig, in dem ich die Sprache nicht kann. Das ist mein Arbeitsprinzip, denn nur so kann man seriös arbeiten. Das ist allerdings nicht selbstverständlich, denn viele Korrespondenten und Medienhäuser können die Sprache der Länder, in denen sie unterwegs sind, nicht. Russisch und Ukrainisch habe ich schon während meines Jus-Studiums gelernt. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges und wollte die Sprache der zweiten Supermacht lernen, da ich nicht nur auf westliche Quellen angewiesen sein wollte. Wir sprechen auch in unseren Büros die jeweilige Landessprache: in Kiew Russisch und Ukrainisch, in Belgrad Serbisch.

Ausgleich und Entspannung findet Christian Wehrschütz im Science-Fiction-Helden Perry Rhodan.

Schon lange bevor in der Ukraine der Krieg ausgebrochen war, haben Sie sich mit diesem Land beschäftigt. Was hat Sie daran interessiert?
Nach dem Zerfall der Sowjetunion bin ich durch das Buch eines amerikanischen Sicherheitsberaters auf die geopolitische Bedeutung der Ukraine aufmerksam geworden und habe begonnen, mich mit diesem Land zu beschäftigen. Dass dieses ganze Wissen einmal völlig anwendbar werden würde, habe ich damals nicht gewusst.

In der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg. Sie berichten seither von dort. Mit welchem Gefühl sind Sie dort unterwegs?
Natürlich gibt es im Krieg immer Situationen, die man nicht planen kann. Wenn man in eine Stadt fährt, die mit Artillerie beschossen wird, kann man immer zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sein. Scharfschützen kann man einigermaßen abschätzen und um die Minengefahr zu vermeiden, muss man gewisse Wegstrecken vermeiden – da ist vom Fahrer ein großes Wissen gefragt. Im Gegensatz zu vielen anderen Medienhäusern sind wir in der Ukraine ein sehr kleines Team, das nur aus drei Personen besteht. Das ist sicher ein Vorteil, da man nicht so auffällt. Alle unsere Einsätze werden im Team gemeinsam besprochen und geplant. Unsere Sicherheit hat Vorrang, wir sind ja nicht auf dem Todestrip unterwegs.

Kurz und einfach erklärt: Worum geht es in diesem Krieg überhaupt?
Der Krieg begann nach dem Sturz des „prorussischen“ Präsidenten Viktor Janukowitsch im Februar 2014 in der ukrainischen Hauptstadt Kiew als politischer Konflikt. Meiner Ansicht nach fürchteten regionale Oligarchen in der ostukrainischen Stadt Donezk, dass nach Janukowitsch auch sie zum Handkuss kommen würden, und haben mit Unterstützung von Janukowitsch, der selbst aus dem Gebiet von Donezk stammt und dort auch Gouverneur war, mit dem Feuer des Separatismus gespielt. Das Ganze ist ihnen entglitten. Die Folge war die Abspaltung der zwei prorussischen so genannten Volksrepubliken Donezk und Lugansk. Relativ rasch hat sich Russland, das direkt an die Ost­ukraine grenzt, eingemischt. Es gab auch dort separatistische Strömungen zur Abspaltung der Ostukraine, die nach der Annexion der Krim graduell gestiegen sind. Als diese Kräfte dort im Frühsommer durch die anlaufende Offensive der ukrainischen Streitkräfte – Präsident der Ukraine war seit 7. Juni 2014 der prowestliche Petro Poroschenko – und Freiwilligen-Bataillon an den Rand der Niederlage gedrängt wurden, hat Russland die Situation geschaffen, die im Grunde genommen seit März 2015 herrscht. Wobei man sagen muss, dass die Russen bereits bevor sie massiv mit regulären Truppen eingegriffen haben, von der anderen Seite der Grenze mit Artillerien herübergeschossen und ukrainische Truppen vernichtet haben. Da blieb kein Auge trocken, da waren Kräfte im Spiel, die Panzerfahrzeuge umgedreht haben. Das ist im Prinzip der Status quo seit Februar 2015.

„Ein Grundfehler vieler Journalisten ist, moralische und nicht politische Maßstäbe anzulegen.“

Was bedeutet der Krieg im Alltag für die Bevölkerung?
Für die Bevölkerung ist es tragisch. Die sogenannten Volksrepubliken – die Militärrepubliken von Donezk und Lugansk – sind nirgendwo anerkannt. Auf dem Gebiet von Donezk leben rund 2,5 Millionen Menschen, auf dem Gebiet von Lugansk rund 1,5 Millionen Menschen; diese befinden sich rechtlich und politisch im Nirwana. Die Wirtschaft und die soziale Lage sind sehr angespannt. 30.000 Menschen queren täglich die Übergänge und Kontrollpunkte unter sehr schwierigen Bedingungen. Viele Menschen arbeiten in Russland, und durch massive Schmuggelbewegungen kommt es zur Kriminalisierung der Wirtschaft. Dass sie keinen klaren Status haben, ist für die Menschen das Schlimmste.

Wie wirkt sich das aus?
Dokumente von Menschen, die in den Militärrepubliken leben, werden zum Teil nicht anerkannt. So ist es etwa extrem schwierig, sich von Rechtswegen scheiden zu lassen. Oder ein anderes Beispiel: Der Kameramann, mit dem ich in Kiew arbeite, ist in Lugansk geboren. Sein Vater ist vor neun Monaten gestorben. Es hat sieben Monate gedauert, bis die Todesurkunde auf Kiewer Seite anerkannt wurde. Egal ob Scheidungspapiere, Totenschein oder Pensionsauszahlungen – für die Menschen entstehen große bürokratische Hürden und der gesamte Alltag ist durcheinander.

Ende des Vorjahres bekamen Sie ein Einreiseverbot in die Ukraine. Was war Ihrer Meinung nach ausschlaggebend dafür?
Das Einreiseverbot wurde mir unter der Ägide des ehemaligen Präsidenten Poroschenko verhängt. Man war mit meiner Berichterstattung nicht zufrieden, weil ich berichtet habe, wie sehr alles ins Autoritäre abgleitet und Journalisten bedroht werden. Im Grunde hat man sich mit dem Einreiseverbot aber ins eigene Fleisch geschnitten, weil die negativen Reaktionen für großes Aufsehen gesorgt haben. Es wäre unauffälliger gewesen, wenn man mich einfach berichten lassen hätte.

Wie geht es der Zivilbevölkerung in diesem Krieg?
Hier muss man zwei Gegebenheiten unterscheiden. Für jene Menschen, die in den frontnahen Gebieten geblieben sind, ist der Krieg das Schlimmste, was es gibt. Viele können aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit nicht weg, es gibt aber auch welche, die ihre Heimat nicht verlassen wollen. Sie stehen permanent unter Stress. Im Hinterland, wo nicht geschossen wird, überwiegen die normalen Strukturen und Alltagsprobleme. Es werden allerdings viele Familien auseinandergerissen und es gibt einen enormen Schmuggel. In diesen Gebieten gibt es so etwas wie ein Streben nach Normalität.

Wie wird dieser Krieg bei uns wahrgenommen?
Obwohl Wien von Kiew nur etwas mehr als eine Flugstunde entfernt ist, verdrängen wir die Kriegssituation komplett. Als dann im Sommer 2015 die Migrationskrise ausbrach, verdrängte diese Völkerwanderung den Krieg in der Ukraine fast völlig. Auch in der Ukraine gab es enorme Flüchtlingsströme, diese haben sich allerdings anders verteilt und es gab kaum Bilder. Das ist auch ein mediales Phänomen: Wenn keine Bilder vorhanden sind, fehlt es an der Vorstellung.

Im amerikanischen Parlament tobt gerade ein Streit über die „Ukraine-Affäre“ von Präsident Donald Trump. Wie sehen Sie das Debakel und die Veröffentlichung von Gesprächsprotokollen?
Die Ukraine hatte für die USA drei Bedeutungen: Erstens war sie unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion aufgrund der Stationierungen der drittgrößte Staat mit Atomwaffen auf der Welt. Das Land hatte aber nie die Codes und hätte auch die Atomwaffen nie aufrechterhalten können. Zweitens setzt man die Ukraine als Element gegen Russland ein. Denn Russland hat durch die Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 drastisch an Einfluss in Osteuropa verloren. Und der dritte Punkt ist, dass dort auch immer wieder innenpolitische Faktoren eine Rolle spielen. Die Ukraine hat bereits lange vor der Präsidentschaft von Donald Trump versucht, die Clintons zu beeinflussen. Als Hillary Clinton Außenministerin war, war ein ukrainischer Oligarch einer der größten Geldgeber der Clinton-Stiftung.

„Ich bin zu weit von Putin oder Trump entfernt, um alle ihre politischen Schachzüge einschätzen zu können.“

Drei Bücher hat der Korrespondent bereits geschrieben.

Welche Positionen hatten Joe und Hunter Biden in der Ukraine inne?
Als Joe Biden Vizepräsident der USA wurde und sich mit der Ukraine beschäftigt hat, wurde sein Sohn Hunter in den Vorstand einer der größten privaten Gashandelsgesellschaften des Landes gewählt, die damals ausgerechnet aus Großbritannien eine riesige Korruptionsuntersuchung am Hals hatte. In dieser Funktion soll Hunter Biden 50.000 Dollar im Monat verdient haben. Ob Joe Biden für seinen Sohn interveniert hat oder sich tatsächlich nur mit der Ukraine beschäftigt hat, sei dahingestellt, aber diese Optik ist natürlich fatal. Es ist ein Interessenkonflikt vorhanden und die Ukraine hat während des Wahlkampfes Trump gegen Clinton ganz massiv auf Hillary Clinton gesetzt. In der Ukraine herrschte Grabesstimmung, als Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Jetzt, wo sich der nächste Wahlkampf nähert und Joe Biden als möglicher Konkurrent gilt, hat Trump den Spieß umgedreht und gesagt: „Schaut mal nach, was ihr gegen Biden an Material habt.“ Daran sieht man, dass es ein Fehler ist, wenn sich ein Land in eine innerpolitische Auseinandersetzung eines anderen Landes hineinziehen lässt. Vor allem dann, wenn es um den amerikanischen Präsidentenposten geht.

In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es, dass Trump und Putin als die „Bad Boys“ hingestellt werden. Sind sie das wirklich? Wie sehen Sie das?
Ich bin zu weit von Trump oder Putin entfernt, um alle ihre politischen Schachzüge einschätzen zu können. Aber ich glaube, dass es ein Grundfehler vieler Journalisten ist, moralische und nicht politische Maßstäbe anzulegen. Das Trump-Bashing kommt mir sehr heuchlerisch vor. Vor allem im Verhältnis zu seinen Vorgängern. Donald Trump hat bisher keinen Krieg geführt. Georg W. Bush hat den Afghanistan-Krieg und den Irak-Krieg geführt, Barack Obama hat die Franzosen und Großbritannien im Krieg gegen Libyen unterstützt. Die Migrationskrise hat gezeigt, dass uns der Krieg gegen Libyen mehr geschadet hat als der Krieg in der Ostukraine. Auch die Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf „Trump gegen Clinton“ schien mir sehr einseitig. Man hat nicht beachtet, wie unpopulär die Clintons als Personen waren. Ich denke nur daran, was Bill Clinton mit Monica Lewinsky aufgeführt hat. Stellen Sie sich vor, das hätte ein österreichischer Politiker am Ballhausplatz gemacht! (lacht)
Im Fall von Putin ist klar, dass er mit der Annexion der Halbinsel Krim eine Völkerrechtsverletzung begangen hat. Putins Politik hat Russland im Verhältnis mit der Ukraine sehr geschadet. Aber warum ist Putin der Böse und all jene, die Kriege geführt haben, um Regimewechsel herbeizuführen, nicht? Man sollte hier schon dieselben Dinge immer auch gleich bewerten und Äpfel mit Äpfeln vergleichen.

Um noch einmal auf den Krieg in der Ukraine zurückzukommen: Wie viele Tote haben Sie dort in den letzten Jahren gesehen?
Das kann ich in Zahlen nicht ausdrücken. Das Schlimmste war mit Sicherheit der Dreh am Abschussort der malaysischen Boeing MH17 im Jahr 2014. Da das Flugzeug durch eine Luftabwehrrakete abgeschossen wurde, waren große Trümmer der Maschine am Absturzort. 95 Prozent des gedrehten Materials haben wir nicht auf Sendung gebracht. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass man Krieg nicht zeigen soll, sondern aus Pietät gegenüber den Angehörigen. Die Leichen waren zum Teil nur mit Unterwäsche bekleidet, da es einem bei derartigen Turbulenzen die Kleidung vom Leib reißt.

Wo sagen Sie Stopp? Wie entscheiden Sie, was Sie senden und was nicht?
Meiner Meinung nach muss man sehr pietätvoll vorgehen und darf nur Bilder zeigen, auf denen Menschen ihre Angehörigen nicht erkennen können.

Wie verarbeiten Sie persönlich derart schreckliche Bilder?
Das kann ich Ihnen nicht sagen. Beim ORF hat mich jedenfalls noch nie jemand gefragt, ob ich belastet bin. Aber wenn man das nicht aushalten könnte, würde man nicht als Kriegsberichterstatter arbeiten. Meine Frau erzählt mir immer wieder, dass ich nach einem schwierigen Einsatz manchmal im Schlaf rede. Bei diversen Geräuschen erschrecke ich viel schneller, weil ich sensibilisiert bin und dadurch besser hinhöre und auch genauer aufpasse.

Tragen Sie und Ihr Team schusssichere Westen?
Wir ziehen Splitterschutzwesten an, wenn wir wissen, dass wir direkt an die Frontlinie oder in die Nähe der Front gehen. Wenn die Artillerie einschlägt, helfen die Westen allerdings auch nicht.

Waren Sie schon einmal in Lebensgefahr?
Ja, während des Mazedonien-Krieges wollte ein Albaner in einen Kontrollposten, in dem ich mit meinem Team war, eine Handgranate werfen. Die mazedonischen Polizisten haben den Mann vor unseren Augen erschossen, bevor er die Granate werfen konnte. Wir hatten ein Riesenglück.

Sie sind verheiratet, haben zwei Töchter (37 und 31 Jahre) und eine kleine Enkeltochter. Was hält Ihre Familie von Ihrem Job?
Im Jahr 2001, während der Zeit des Mazedonien-Krieges, wollten meine Töchter nicht in die Schule gehen. Vor allem deswegen, weil die Lehrer fragten, ob sie nicht Angst um den Papa hätten. Das haben meine Kinder gehasst. Von meinen haarigsten Einsätzen wussten nur zwei Kollegen und eine Kollegin vom ORF Bescheid.

Sie sind schon seit gut 20 Jahren in Kriegsgebieten unterwegs. Hat man dort Freunde oder baut freundschaftliche Beziehungen auf?
Ich habe gute Bekannte, und es gibt auch Familien, die ich immer wieder besuche. Wenn zum Beispiel eine Schule einen Drucker braucht, versuchen wir zu helfen. Je tragischer die Situation von Menschen ist, über die wir eine Geschichte machen, desto mehr Zeit versuche ich mir für den Dreh zu nehmen. Ich will verhindern, dass diese Menschen glauben, dass ich ein Voyeur bin, der das Elend filmen will. Wir haben vor Kurzem in einer Schule direkt an der Front gedreht und den Kindern Süßigkeiten gekauft. Wir sind neu­trale Beobachter und zeigen, dass wir mit der Zivilbevölkerung mitfühlen.

„Das Schlimmste, was ich gesehen habe, war der Abschussort der malaysischen Boeing MH17 in der Ukraine.“

Was hat sich seit Ihren Anfängen im Jahr 1999 verändert?
Von der Technik her hat sich im Prinzip alles zum Positiven verändert. Ich drehe heute selber mit einer GoPro-Kamera. Sie hat eine 4K-Auflösung, einen Stabilisator, und ich kann ein Stativ anhängen. Das ist genial, denn je kleiner die Kamera ist, desto weniger fällt man auf und desto eher kann man an der Frontlinie oder auch bei Demonstrationen arbeiten. Abgesehen von der Bedeutung des Fernsehens spielt sich heute alles über soziale Netzwerke ab. Telegram, Facebook, Twitter und Instagram sind ganz zentrale Medien. Bevor Wolodymyr Selenskyj heuer zum Präsidenten gewählt wurde, folgten ihm bereits 3,9 Millionen Menschen auf Instagram. Wenn man sich damit nicht beschäftigt, ist man blind. Was der ukrainische Präsident zu sagen hat, sagt er über Telegram oder Facebook. Auch YouTube-Kanäle sind ganz wichtig und ein zentrales Recherchemittel. Tageszeitungen spielen in Kiew kaum eine Rolle.

Was ist Telegram?
(Zeigt mir am Handy Videos von Selenskyjs Partei) Telegram ist eine Art Messenger, ähnlich wie bei uns WhatsApp.

Wie schaut es mit dem Medienkrieg in und um die Ukraine aus?
Das ist natürlich ein Problem. Wir haben zum Glück im Büro einen Server vom ORF, dort können wir auch die prorussischen Seiten sehen. Die russischen Kanäle sind in der Ukraine geblockt, die ukrainischen auf dem Gebiet der Separatisten von Donezk und Lugansk.

Was ist Ihr journalistischer Anspruch?
Ich halte mich diesbezüglich am Historiker Leopold von Ranke, der gemeint hat, die Aufgabe eines Historikers ist, zu beschreiben, wie es gewesen ist. Das ist auch mein journalistischer Anspruch. Ich will den Zuhörern und Zusehern einen Beitrag nach bestem Wissen und Gewissen präsentieren, der ihnen ermöglicht, eine Lage zu bewerten. Vor Kurzem habe ich eine Story über Leihmutterschaft in der Ukraine gemacht. Sie handelte von einem fast vierjährigen Mädchen, das als Frühgeburt zur Welt gekommen war. Die Leihmutter stammte aus dem Kriegsgebiet der Ostukraine und war nach der Geburt sofort wieder weg. Die amerikanischen Eltern haben sich geweigert, das Kind zu nehmen. Bei der Berichterstattung ging es mir nicht darum, Leihmutterschaft zu verteufeln, sondern die verschiedenen Facetten der Problematik zu zeigen. Als Journalist sollte man einen Sachverhalt so gut wie möglich ausrecherchieren und dem Rezipienten die Möglichkeit bieten, sich seine eigene Meinung zu bilden. Die Aufgabe eines Journalisten ist es auch, sich nicht manipulieren zu lassen. Unsere Aufgabe ist es zu hinterfragen.

„Ich will den Zuschauern einen Beitrag präsentieren, der ihnen ermöglicht, eine Lage zu bewerten.“

Gab es einen Mentor oder journalistische Vorbilder?
Ja, aber die meisten meiner journalistischen Vorbilder sind tot. Der Schriftsteller Karl Kraus zum Beispiel ist für mich ein Magier der deutschen Sprache. Ich habe die Originalausgabe seiner satirischen Zeitschrift „Die Fackel“ zu Hause. Auch Günter Schmidt, der Leiter des ORF-Korrespondentenbüros in Brüssel, hat mir viel beigebracht. Er hat immer gesagt: „Ein Journalist ist nur so gut wie sein Telefonbuch“ und meinte damit die Fähigkeit, im entscheidenden Augenblick jemanden anrufen zu können.

Sie sind Fan der Science-Fiction-Serie Perry Rhodan. Was fasziniert Sie daran?
Die Serie gibt es seit 55 Jahren, Perry Rhodan ist im Prinzip der Karl May der Science-Fiction- Szene. Es ist eine in der Zukunft angesiedelte Geschichte der Menschheit, und mittlerweile sind wir bei Heft 3031. Es ist für mich Ausgleich und Entspannung. Wenn ich fernsehe, dann brauche ich keine Dramen. Meine Frau und ich lieben Serien wie „Navy CSI“ und „The Mentalist“. Da will ich nicht große Probleme wälzen, sondern entspannen.

Ihr größter beruflicher Traum?
Ich würde gerne Goethes „Faust“ oder „Der Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner inszenieren.

Wie lautet Ihr Lebensziel?
Ich möchte so alt wie möglich werden, damit meine Enkeltochter einmal sagen kann: „Er war wirklich ein super Großvater!“

ZUR PERSON
Der studierte Jurist Christian Wehrschütz wurde am 9. Oktober 1961 in Graz geboren.
Im ORF ist er seit 1991: zunächst acht Monate in der „Teletext“-Redaktion, dann sieben Jahre im ORF-Hörfunk.
Seit Ende 1999 ist Wehrschütz Balkan-Korrespondent. Aus der Ukraine berichtet er seit der Maidan-Revolution 2014, als Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektierte.
Wehrschütz berichtet über Serbien, Montenegro, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Slowenien, den Kosovo und Albanien.
Privat ist der Milizoffizier (Dienstgrad Major) mit Elisabeth verheiratet, hat zwei Töchter und eine Enkeltochter. Seit 2015 lebt er in Salzburg; zuvor lebte er in Wien, wurde aber nie ein Wiener.
Wehrschütz spricht acht Fremdsprachen, darunter Russisch und Ukrainisch.
2014 veröffentlichte Christian Wehrschütz das Buch „Brennpunkt Ukraine. Gespräche über ein gespaltenes Land“. Davor sind die beiden Sachbücher „Brennpunkt Balkan. Blutige Vergangenheit, ungewisse Zukunft“ (2013) und „Im Kreuzfeuer. Am Balkan zwischen Brüssel und Belgrad“(2009) erschienen.

IN KÜRZE
Lieblingsmusik: Meine Mutter hat mich zur Oper gebracht, mein Vater zum Jazz. Die Bandbreite schwankt also zwischen Richard Wagner und Benny Goodman.
Lieblingsbuch: Mein Lieblingsbuch ist Goethes „Faust“. Aber ich mag auch Werke von Friedrich Schiller oder Immanuel Kant. Darum heißt meine jüngere Tochter auch Immanuela.
Lieblingsspeise: Eiernockerl.
Liebstes Urlaubsland: Überall dort, wo meine Familie ist.
Lebensmotto: „Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns als allgemeines Sittengesetz gelten könnte!“ (Immanuel Kant). Das bedeutet: Versuche, ein anständiges Leben zu leben und sei dir dessen bewusst, dass es jederzeit aus sein kann.