Interviews & Persönlichkeiten

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„Ich bin kein Plan B-Typ“

Text: Ulli Wright

Fotos: Nils Schwarz, Prisma Film, Erikamayerphotography

Was ein Marcel Hirscher in der heimischen Skiszene war, ist Philipp Hochmair in der Kulturszene. Egal, was der 46-Jährige angeht, es wird zum Erfolg. Seine Vielseitigkeit und Flexibilität, sein Mut zu Neuem und sein unglaublicher Elan haben den Wiener ganz nach oben gebracht. Egal, ob er über Nacht für den erkrankten Tobias Moretti als Jedermann am Salzburger Domplatz einspringt, als korrupter Politiker Joachim Schnitzler die Wiener Vorstadt aufmischt oder sich als bequemer Ehemann in eine verhängnisvolle Affäre stürzt, wie in der Tragik-Komödie „Glück gehabt“, die am 20. Dezember im Kino startet – Philipp Hochmair ist ein Ausnahme-Schauspieler, der es schafft, jeder Rolle gerecht zu werden.  

In Pyjamahose und Leiberl schlapft Artur (Philipp Hochmair) durch die Wohnung. Zeichnungen an den Wänden und am Schreibtisch zeugen von einem Traum, den der talentierte, aber wenig ehrgeizige Comic-Zeichner einst hatte. Während seine Frau Rita (Larissa Fuchs) als Pädagogin die Karriereleiter nach oben rast, verdient er sein Geld unaufgeregt in einem Copy-Shop und als Nachhilfelehrer. Bis ihn die junge, attraktive Alice (Julia Roy) aus seiner routinierten Beziehung schleudert und sein Leben dramatisch umkrempelt. „Glück gehabt“ ist ein Film über Lebens- und Liebeslügen; eine Komödie, so schwarz wie die Nacht und so scharf wie ein Hackebeil. Ganz im Gegensatz zum korrupten und abgedrehten Politiker Schnitzler in „Vorstadtweiber“ glänzt Philipp Hochmair in „Glück gehabt“ (Kinostart 20.12.) als verkappter Künstler, der sich in seiner Bequemlichkeit suhlt. Im Talk verrät Philipp Hochmair, was Glück für ihn bedeutet, warum dieser Film eine besondere Herausforderung war und weshalb er keinen Plan B braucht. 

Herr Hochmair, am 20. Dezember startet die schwarze Komödie „Glück gehabt“ im Kino. Was bedeutet Glück für Sie?
Dass eben dieser Film so schön geworden ist, ist ein großes Glück für mich und bedeutet mir viel. Es war eine ganz neue Erfahrung für mich, in wirklich jeder Szene mitzuspielen. Ich kenne das eigentlich nur vom Theater, wo ich mir über einen langen Zeitraum Solo-Projekte erarbeitet habe. Aber im Film war das eine ganz neue und große Herausforderung. 

„Ich habe als Schauspielschüler den ‚Jedermann‘ am Domplatz gesehen und war enttäuscht, dass da so wenig passierte.“

Sie haben eine steile Karriere als Schauspieler und Künstler hingelegt. Wie oft haben Sie sich auf diesem Weg gedacht: „Glück gehabt!“?
Das denke ich mir seit der ersten Stunde immer wieder (lacht). Ich habe als Schauspieler vor 20 Jahren im Off-Theater-Bereich begonnen, und einige Produktionen von damals laufen sogar noch heute. Wie etwa mein erster Monolog „Werther!“ nach Goethes Briefroman, den ich unter anderem am Burgtheater oder am Berliner Ensemble gespielt habe. Davon gab es bis jetzt sicher mehr als 1.500 Vorstellungen. Und da dachte ich natürlich oft:  „Glück gehabt, dass es so ein kleines Stück vom Klassenzimmer bis ans Burgtheater schafft!“ Und Peter Payer, der Regisseur von „Glück Gehabt“, saß lustigerweise einmal in einer der „Werther!“-Vorstellungen und wurde so vor vielen Jahren auf mich aufmerksam. Und da dachte ich auch wieder: „Glück gehabt!“

Der Vater Ingenieur, die Mutter und der Bruder Mediziner – wann war für Sie klar, dass Sie einen ganz anderen Weg einschlagen werden?
Meine Mutter war Theaterärztin, wodurch ich als Kind immer wieder ins Burgtheater gekommen bin und schon damals von der Welt der Schauspieler fasziniert war. Das Theater wurde für mich dann zum Tor zu Welt. Meine Monologe wurden nach Russland, Südamerika und Australien eingeladen und so konnte ich meinen eigenen Weg gehen.

Wann war aus Ihrer Sicht Ihr Durchbruch?
Als junger Schauspieler hat man bereits im kleinen Off-Theater das Gefühl, den Durchbruch geschafft zu haben. Aber die eigentlichen Wendepunkte waren bei mir in jedem Fall der Schnitzler in „Vorstadtweiber“ und der Jedermann am Domplatz in Salzburg. Die Kombination aus diesen beiden Rollen hat mich einem breiteren Publikum bekannt gemacht. 

Hätte es auch einen Plan B gegeben?
Ich bin kein Plan B-Typ. Es gab auch am Domplatz, als Tobias Moretti plötzlich erkrankte, keinen Plan B. Ich war am 8. August 2018, als der Anruf aus Salzburg kam, im Studio mit meiner Band und habe das Album „Jedermann Reloaded“ aufgenommen, daher war ich mit dem Text von Hofmannsthal bestens vertraut. Deshalb konnte ich es wagen, die Vorstellung am 9. August für Tobias Moretti zu übernehmen. Ich gehe meinen Weg und wenn er Wurzeln schlägt oder aufblüht, dann ist es gut. Ich denke nicht darüber nach, ob etwas klappen könnte oder nicht; ich habe eine Idee, und die verfolge ich. Das war eben bis jetzt großes Glück, dass vieles funktioniert hat. 

Verhängnisvolle Affäre. Am 20. Dezember kommt die Tragikkomödie „Glück gehabt“ mit Philipp Hochmair ins Kino.

„Ich gehe einfach meinen Weg – und wenn der Wurzeln schlägt oder aufblüht, dann ist es gut.“

Welche Idee verfolgen Sie?
Das lässt sich vielleicht am Beispiel meiner Monologe erklären. Ich hatte die Idee, eine ganz persönliche Interpretation des „Jedermann “ als Monolog zu machen. Das wurde zu „Jedermann Reloaded“. Nachdem ich dieses Projekt bereits länger mit meiner Band „Die Elektrohand Gottes“ performt hatte, klingelte plötzlich das Telefon und ich wurde gefragt, ob ich am nächsten Tag am Domplatz einspringen könne. Das war natürlich für alle Beteiligten ein Risiko. Für mich war es der Plan A. Und der ist aufgegangen. Das war in dieser so außergewöhnlichen Situation das einzig Wichtige.

Schiller, Goethe, Hugo von Hofmannsthal – Texte der Hochkultur, die Gymnasiasten gerne als Qual bezeichnen, übersetzen Sie in die Gegenwart. Wie sind Sie darauf gekommen? 
Dieses Trauma, dass man zwar so tolle Inhalte betrachten muss, aber nicht so recht verstehen lernt, weil der Lehrplan und der Druck der Schule so dominant sind, hat mich geprägt. Ich wollte diese Juwele der deutschen Klassik auf meine Art zum Leuchten bringen. Ich habe als Schauspielschüler den „Jedermann“ am Domplatz gesehen und war irgendwie enttäuscht, dass da so wenig passiert. Also habe ich mir gedacht, wie kann man die Geschichte ganz persönlich und modern erzählen, das Publikum direkt ansprechen – frei von jeder Theaterkonvention. 

Ist das auch der Grund, warum „Jedermann Reloaded“ oder der „Schiller-Rave“ immer im Nu ausverkauft sind?
Ja, vielleicht. Ich darf mit meiner Band jeden Abend die Stimmung des Publikums neu aufgreifen und wie bei einem Rockkonzert integrieren. Ich wollte das Bild vom ordentlichen Schauspieler, der bei Harfenmusik Gedichte rezitiert, brechen und habe eine sehr persönliche Sicht zu diesen Themen und eine Verbindung zu mir selber gesucht. Durch diese andere Auseinandersetzung mit dem Text habe ich offenbar einen Schlüssel gefunden, der auch junge Leute begeistern kann, ins Theater zu kommen und diesen Stoffen eine neue Chance zu geben. 

Christoph Waltz studierte wie Sie am Max-Reinhardt-Seminar und hat mit Filmen wie „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“ international den Durchbruch geschafft. Streben Sie eine vergleichbare Karriere an? 
Ich denke, davon träumen alle Schauspieler. Aber dahinter steckt sehr harte Arbeit. Ich bin jedenfalls für alles offen. 

In „Vorstadtweiber“ spielen Sie den korrupten, schwulen Politiker Joachim Schnitzler. Wie geht es bei den Vorstadtweibern weiter. Gibt es Zeichen, dass sich die Serie abnützt? 
Ich drehe aktuell die fünfte Staffel und bin selber der größte Fan der Serie. Ich glaube nicht, dass sie sich abnützt. Uli Brée ist ein toller Autor und das Format sehr gelungen. Ich komme viel in der Welt herum und treffe immer wieder Leute, die mich begeistert auf die Serie ansprechen. Selbst in Australien haben mich Auslandsösterreicher auf der Straße als Schnitzler erkannt. Das war sehr lustig! Der Schnitzler ist eine Art Lieblingsrolle und ein schöner Kontrast zu Artur in „Glück gehabt!“ oder zum blinden Kommissar im Krimi  „Blind ermittelt“. 

Am 24. und 25. Oktober begeisterte Philipp Hochmair gemeinsam mit Lisi Fuchs und der Philharmonie Salzburg das Salzburger Publikum. Im Bild mit Elisabeth Rabeder und Doris Thallinger (beide SALZBURGER).

Sie können sich mittlerweile sicher die Rollen aussuchen. Wie wählen Sie aus? 
Der Film „Glück gehabt!“ ist ein schönes Beispiel: Da gab es mit dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian eine tolle Vorlage, mit Peter Payer einen großartigen österreichischen Regisseur und dann noch ein ganz wunderbares Ensemble. Da fiel mir die Wahl nicht schwer! Wir hatten auch eine sehr besondere Drehzeit und ich muss sagen, dass ich von dem Film rundum begeistert bin. 

Sie sind in jeder Szene des Films präsent. Wie anstrengend waren die Dreharbeiten? 
Der Film spielt im vorweihnachtlichen Wien. Wir haben viel in der Nacht gedreht, an vielen für mich bis dato unbekannten Orten. Und wenn ich zurückdenke, wirkt alles wie ein skurriler Traum. Die Erfahrung, immer als Erster zu kommen und als Letzter zu gehen, war für mich ganz neu und hat viel von mir gefordert. Ich war praktisch zwei Monate lang rund um die Uhr in der Rolle.

Wer waren Ihre Mentoren?
Klaus Maria Brandauer hat mich als Lehrer sehr geprägt und mich auf das harte Showbusiness vorbereitet. Nach der Schauspielschule gab es viele unterschiedliche Menschen, die mir sehr geholfen haben. Aber im Speziellen haben Kathi Zechner, die Programmdirektorin vom ORF, und Karin Bergmann, die ehemalige Direktorin des Burgtheaters von Anfang an an mich geglaubt und mir die Chance gegeben, interessante Rollen zu spielen und mich auszuprobieren.

Im „Jedermann“ geht es auch um den Glauben. Wie stehen Sie dazu, sind Sie gläubig?
Die Zeit, in der ich Ministrant in der großen, stattlichen Dorfkirche in Haag am Hausruck war, hat mich diesbezüglich sehr geprägt. Die großen Begräbnisse und vielen Dorfhochzeiten haben bis heute Eindruck hinterlassen. Ja, ich würde mich als einen gläubigen Menschen bezeichnen. 

Sie werden oft interviewt – welche Frage würden Sie gerne gestellt bekommen?
Ich freue mich immer, wenn Leute mit mir gemeinsam in ein Thema reingehen. Wenn mir die Journalistin oder der Journalist zum Beispiel sagt, was er oder sie im Film „Glück gehabt“ erlebt hat und mit mir die Eindrücke teilt und mich so auch zum Nachdenken und Reflektieren bringt. Denn im Prinzip mache ich Filme wie „Glück gehabt“ oder auch „Vorstadtweiber“ oder „Blind ermittelt“, um mich zu verändern und etwas auszuprobieren. 

Sie sind mittlerweile einer der Größten in der heimischen Kulturszene. Ich würde das mit dem sportlichen Erfolg eines Marcel Hirscher vergleichen. Was machen Sie anders als andere?
Das kann man nicht planen oder benennen. Und diese Hun­derts­tel­se­kun­de, die man eben einmal schneller sein darf, ist letztendlich ein göttliches Geschenk. 

Um noch einmal auf den Film „Glück gehabt“ zurückzukommen: Artur beginnt eine leidenschaftliche Affäre und landet letztendlich wieder bei seiner Frau. Was ist die Message des Films?
Es ist eine skurrile Komödie. Eine Art Gedankenspiel oder vielleicht der Tagtraum eines Suchenden? Artur ist ein begabter Zeichner, der sein Leben wie eine Comic-Geschichte erlebt. Er ist auf der Suche nach sich selbst und wird plötzlich von der Muse geküsst. Leider beginnt daraufhin sein Leben ordentlich zu schwanken... Seine Ehe gerät in Gefahr und wir erleben eine ordentliche Krise. Aber Artur und seine Ehefrau gehen gestärkt heraus.

In der Literatur ist verbotene Liebe häufig das Thema. Wie stehen Sie dazu?
Wie kann eigentlich Liebe verboten sein? Das neunte Gebot: „Du sollst nicht begehren deines nächsten Weib“ – das muss letztendlich jeder selbst entscheiden. Die Welt wird diesbezüglich weniger kategorisch und offener und individueller.

Die Welt wird aber auch immer schneller und digitaler. Wie gehen Sie damit um?
Einerseits werden wir beschenkt, weil es eine Freiheit gibt, die es vorher nicht gab. Andererseits wird uns auch etwas genommen. Wenn ich an meine Kindheit in Haag denke, dieses Haag meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Mein Großvater war regelmäßig im Wirtshaus am Stammtisch, aber dieses Beisammensein findet heute nicht mehr statt. Die vielen Leichenschmause, die ich in Haag erlebt habe... – das löst sich auf, weil sich jeder immer mehr separiert, zu Hause bleibt und sich seine individuellen Bedürfnisse digital erfüllt. Der soziale Zusammenhalt bricht weg. 

Sie wechseln zwischen Soloabenden und Filmrollen, machen vieles parallel. Wie schaffen Sie dieses Pensum, wo tanken Sie Energie?
Ich lebe sehr gesund und passe gut auf mich auf. Yoga und die Natur erden mich. Eines meiner Geheimrezepte sind lange Spaziergänge.

ZUR PERSON:

Geboren 1973 in Wien. Ausgebildet am Max Reinhardt Seminar als Meisterschüler von Klaus-Maria Brandauer, studierte Philipp Hochmair ein Jahr am Pariser „Conservatoire“ (Conservatoire National Supérieur d‘Art Dramatique) und landete schnell am Burgtheater (2003-2009). Von 2009 bis 2016 war er Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater.

Wichtigste Rollen: Mephisto, Dorfrichter Adam, Jedermann, Torquato Tasso. Uraufführungen von Peter Handke und Elfriede Jelinek. Im Sommer 2018 sprang Philipp Hochmair erfolgreich für den erkrankten Tobias Moretti als Jedermann bei den Salzburger Festspielen ein.
2019 gewann Philipp Hochmair mit der Romy den Österreichischen Publikumspreis in Kategorie „Beliebtester Schauspieler“.

Kino- und Fernsehen: Philipp spielte u.a. Golo Mann in „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“, in „Die Vaterlosen“, „Kater“ und „Tiere“. Größere Bekanntheit erlangte er als Minister Joachim Schnitzler in der ORF/ARD-Serie „Vorstadtweiber“. In der Krimi-Serie „Blind ermittelt“ mimt er den blinden Kommissar Alexander Haller.
Hochmair tourt national und international mehrsprachig mit seinen Soloprojekten „Werther!“ (nach Goethes Briefroman), „Prozess“ (nach Franz Kafka) und „Amerika“ (nach Franz Kafka) durch die Welt. „Jedermann Reloaded“ ist Hochmairs Rockkonzert-Variante von Hofmannsthals „Jedermann“ mit seiner Band Elektrohand Gottes. Im November 2018 erschien das Rock-Spektakel auf CD, LP und auf iTunes sowie Spotify, und er trat damit im ausverkauften Wiener Stephansdom sowie zusammen mit der Philharmonie Salzburg im Großen Festspielhaus auf. 
Sein Werther-Monolog wurde im November 2019 ebenfalls als CD, auf iTunes und Spotify veröffentlicht.
www.philipphochmair.com

IN KÜRZE:
Glücklich macht mich ... meine Freiheit.
Schwach werde ich bei ... gutem Essen wie Schweinsbraten und Zwetschkenpofesen.
Meine letzten Worte sollen sein ... Danke!
Mein Lebensmotto ... „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit!“.