Interviews & Persönlichkeiten

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Pensionsschock – nein danke!

Text: Ulli Wright

Fotos: Disney, Nordica, Beweg dich schlau!, Privat/Instagram

Mitte März 2019 beendete mit Felix Neureuther, einer der charismatischsten Skirennläufer der vergangenen Jahre, seine 16-jährige Karriere als Spitzensportler. Langeweile kennt Deutschlands erfolgreichster Slalom-Athlet nicht. Mittlerweile brachte der 35-Jährige sein drittes Kinderbuch auf den Markt, betreut verschiedene Projekte im Kindersportbereich und wird im Winter zum zweiten Mal Vater. Wir haben unseren Lieblingsdeutschen zum Interview getroffen. Und ja, er ist wirklich so locker und sympathisch, wie man ihn vom Fernsehen kennt.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht kommt Felix Neureuther zum Pressetermin. Mit im Gepäck hat er seine Frau Miriam, Töchterchen Matilda und eine Schüssel voll Zaubermüsli, das nach der Präsentation seines dritten Kinderbuches aus der beliebten „Ixi-Reihe“ verkostet werden darf. Während Papa Felix den Journalisten Rede und Antwort steht, plauscht Töchterchen Matilda munter am Schoß von Mama Miriam drauf los.
Die erfolgreiche Karriere seiner Eltern Rosi Mittermaier und Christian Neureuther war für Felix lange Zeit kein Thema. Bodenständig und naturverbunden sind er und seine Schwester Ameli in Garmisch-Partenkirchen aufgewachsen. Seine 16-jährige Profikarriere als Skirennläufer brachte ihm insgesamt 13 Weltcup-Siege, drei WM-Medaillen, aber auch Rückschläge. Trotz zahlreicher Verletzungen hat er sich immer wieder an die Spitze zurückgekämpft.
Seit zwei Jahren ist Felix Neureuther mit der Biathletin und Ernährungsexpertin Miriam Gössner verheiratet. Schon bevor er im Oktober 2017 selbst Vater wurde, hat er sich im Rahmen verschiedener Projekte für Kinder eingesetzt und unter anderem vor fünf Jahren gemeinsam mit der TU München sein Projekt „Beweg dich schlau! mit Felix Neureuther“ entwickelt. Mittlerweile hat der Ex-Skistar unter dem Titel „Ixi, Mimi und das Zaubermüsli“ sein drittes Kinderbuch veröffentlicht, in dem auch andere Sportstars wie Bastian Schweinsteiger oder Marcel Hirscher als Charaktere vorkommen. Ganz aus der Öffentlichkeit und vor allem vom Bildschirm wird Neureuther zum Glück nicht verschwinden. Die ARD konnte den humorvollen Bayern als Weltcup-TV-Experten gewinnen. Was ihm bei der Berichterstattung wichtig ist, warum er ohne Marcel Hirscher nie so erfolgreich gewesen wäre und wer sein größtes Vorbild im Skisport war, erzählt Felix Neureuther im Interview.

Herr Neureuther, im März dieses Jahres gingen Sie beim Slalom in Soldeu/Andorra zum letzten Mal an den Start. Wie ist es Ihnen am Tag nach der Verkündung Ihres Karriereendes gegangen. Mit welchem Gefühl sind Sie aufgewacht?
Da war ich ehrlich gesagt ein bisschen angeschlagen vom Feiern in der Nacht davor. Wir waren in Barcelona und auch als ich zurück nach Deutschland kam, war extrem viel los, sodass ich gar nicht die Zeit hatte, das alles zu realisieren. Das ist erst später gekommen.

Hatten Sie einen Pensionsschock?
Nein, überhaupt nicht. Ich hatte von Anfang an relativ viel zu tun. Langweilig ist mir nicht geworden.

Sie sind unser Lieblingsdeutscher, Konkurrent und guter Freund von Marcel Hirscher. Wie wichtig war Marcel in Ihrer Karriere und in Ihrem Leben?
Sehr wichtig, denn ohne Marcel wäre ich vom Skifahrerischen her nie auf dieses Niveau gekommen. Er hat aus jedem Einzelnen das Maximale rausgeholt und das gesamte Niveau extrem angehoben. Da mussten wir einfach mithalten. Ohne Marcel hätte ich zwar mehr gewonnen, wäre aber nie so gut Ski gefahren (lacht).

16 Jahre lang waren Sie auf Weltklasse-Niveau im alpinen Skizirkus unterwegs. Im Slalom gelten Sie als erfolgreichster deutscher Athlet ever. Was war für Sie persönlich der größte Erfolg?
Mein erster Sieg im Jahr 2010 in Kitzbühel war natürlich schon etwas ganz Besonderes. Ich habe lange darauf hingearbeitet und auch meine Eltern waren vor Ort dabei. Das war sehr emotional. Aber auch die Weltmeisterschaft 2013 in Schladming wird mir für immer unvergesslich bleiben. Von der Stimmung her wird es nie wieder so ein Skirennen im Skisport geben. Das war gewaltig!

SKIPENSIONISTEN.
Bei der Sporthilfe-Gala in Wien wurde Marcel Hirscher zum Sportler des Jahres gewählt. Felix Neureuther berührte seinen Freund mit einer emotionalen Laudatio.

„Ohne Marcel hätte ich zwar mehr gewonnen, wäre aber nie so gut Ski gefahren.“

Was war die größte Niederlage bzw. der schwärzeste Tag in Ihrer Karriere?
Das war mit Sicherheit die Heimweltmeisterschaft in Garmisch im Jahr 2011. Da habe ich völlig zurecht so richtig eine auf den Sack bekommen. Ich habe auf ganzer Linie versagt und mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passieren wird. So war es dann auch.

Sie sind mit zwei Jahren erstmals auf Skiern gestanden. Wann wussten Sie, dass Sie Profiskifahrer werden möchten?
Das ist schwer zu sagen. Man geht halt seinen Weg und hat auch Vorbilder. Bei mir war das Alberto Tomba. Ich wollte immer so fahren wie er und auch irgendwann im Weltcup mitmischen. Das ist mir gelungen und damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Ihre Eltern waren nicht Ihre Vorbilder?
Nein, denn in meiner Kindheit war mir gar nicht bewusst, wie erfolgreich meine Eltern waren. Meine Schwester und ich sind ganz normal und bodenständig aufgewachsen.

Beide Eltern waren Skistars und im Skizirkus bestens bekannt. Wie war es für Sie, mit diesem Namen und diesen prominenten Eltern?
Natürlich wird man permanent verglichen. Aber wie schon gesagt, es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das realisiert habe. Als ich in den Weltcup gekommen bin und die Öffentlichkeit auf mich aufmerksam wurde, ging es rund in den Medien. Das war nicht einfach für mich als jungen Burschen, der immer perfekt funktionieren sollte. Aber wenn man lange genug kämpft und nicht daran zugrunde geht, dann schafft man es. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass ich mich da so durchgebissen und nicht aufgegeben habe.

Ist Aufgeben je zur Debatte gestanden?
Ja, es waren durchaus Momente dabei, wo das im Raum gestanden ist.

Wie ist beim Spitzenskisport das Verhältnis zwischen körperlicher und mentaler Fitness?
Man muss mental sehr stark sein. Manche Jungs müssen diesbezüglich sehr viel trainieren, bei anderen ist es gottgegeben – siehe Marcel Hirscher. Körperliche Fitness ist die Grundvoraussetzung, um überhaupt konkurrenzfähig sein zu können. Wenn diese passt und man weiß, dass man top ist, dann ist das gleichzeitig ein mentales Training. Da man aus Erfahrung weiß, dass man es schaffen kann.

Mit seinem Projekt „Beweg dich schlau!“ bringt Felix Neureuther seine Erfahrungen als Profisportler ein, um Kinder zu mehr Sport zu motivieren und ihre Lebensgewohnheiten sowie ihren Lebensstil nachhaltig positiv zu beeinflussen.

„Wir leben eigentlich nur mehr dafür, dass unsere Kinder glücklich durchs Leben gehen können.“

Hatten Sie während Ihrer Profikarriere einen Mentaltrainer?
Nein, ich bin aber auch nicht der Typ dazu, weil ich nie auf jemanden angewiesen sein wollte. Mir war es immer wichtig, meine eigenen Erfahrungen zu machen und ganz genau zu wissen, wie ich in bestimmten Situationen reagieren werde und welche Schräubchen ich drehen muss, damit ich funktioniere. Es wäre für mich furchtbar gewesen, wenn ich jemanden gebraucht hätte, der mir das sagt.

Sie haben sich bei Skirennen selbst interviewt, ziemlich erfolgreich ein Lied herausgebracht und sich durch Ihre lockere und lustige Art in die Herzen der Fans gefahren. Wie wichtig ist Humor?
Vor allem der Galgenhumor ist sehr wichtig (lacht). Aber so bin ich einfach! Ich bin grundsätzlich ein sehr positiver Mensch, der Spaß hat an dem, was er macht, und ich bin vom Kopf her noch ein Kind geblieben.

Auf ARD wird man Sie künftig als Experte für den alpinen Ski-Weltcup sehen können. Was ist Ihnen bei der Berichterstattung wichtig?
Normalerweise habe ich immer den österreichischen Sender geschaut, jetzt wechsle ich die Fronten (lacht). Nein, Spaß beiseite. Ich will den Zuschauern vor allem Emotionen vermitteln. Der Skisport an sich lebt von Emotionen, damit schafft man es auch, das Publikum zu begeistern.

Sie betreuen verschiedene Projekte, die Kindern Sport nahebringen sollen und Sie sind auch sehr erfolgreich unter die Kinderbuchautoren gegangen. Wie kann man Kinder begeistern?
Kinder sind sowieso wahnsinnig begeisterungsfähig, man muss es ihnen nur vorleben und ihnen als Eltern die Zeit schenken, die sie brauchen. Dann funktioniert das ganz von alleine. Man muss Kindern die Freude am Leben vorleben. Das versuchen meine Frau und ich auch ganz stark unserer Tochter mitzugeben. Es ist nicht immer alles so einfach, das ist bei uns genauso der Fall. Aber letztendlich ist man verantwortlich für ein Kind. Es ist das größte Glück auf dieser Welt und gleichzeitig auch das Anstrengendste, was es gibt. Wir leben eigentlich nur mehr dafür, dass unsere Kinder glücklich durchs Leben gehen können. Alles andere ist uns als Eltern ziemlich wurscht.

Mit Ihren Kinderbüchern möchten Sie der digitalen Demenz und Bewegungslosigkeit sowie dem damit verbundenen Suchtpotenzial entgegenwirken. Können Sie uns das näher erklären?
Kinder haben einen wahnsinnigen Bewegungsdrang und werden durch das ganze digitale Zeug extrem eingeschränkt, das ist ein Wahnsinn. Klar ist es einfach, mit einem Handy oder Tablet Zeit totzuschlagen oder die Kleinen ruhigzustellen. Aber das ist nicht das reale Leben. Das echte Leben findet draußen in der Natur statt und nicht im viereckigen Telefon. Daher wehre ich mich mit Händen und Füßen dagegen. Die Digitalisierung gehört zu unserer Zeit dazu, man muss das Ganze aber in einem bestimmten Rahmen nutzen. Man muss schauen, dass man wieder mehr zur Mitte findet, daher setze ich mich auch so dafür ein. Auch durch meine Stiftung „United Kids Foundations“ und mit meinen Kinderbüchern. Damit Kinder schon von klein auf klar gemacht wird, wie viel Spaß und Freude Bewegung macht.

Welche Werte wollen Sie Ihren Kindern vermitteln?
Bodenständigkeit, dass sie respektvoll mit ihren Mitmenschen umgehen und Spaß im Leben haben.