„Musik ist für mich ein wichtiges Ventil“

Als Meister der Steirischen Harmonika, der Klarinette und einer ganzen Reihe weiterer Instrumente hat Herbert Pixner die Grenzen traditioneller Volksmusik neu definiert und bis heute eine eigene, unverkennbare Klangwelt geschaffen. Seine Musik verbindet Virtuosität mit Leidenschaft, Tradition mit Innovation und zieht das Publikum immer wieder in ihren Bann.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Barbara Wirl – wirlphoto

Neue Besetzung – neues Album – neues Programm. So wird die Tour des Herbert Pixner Projekts, die am 24. Juli startet, angekündigt. Wann erscheint das neue Album, wie wird es heißen und was wird zu hören sein?

Wir sind gerade mitten in der Studioarbeit für das neue Album. Da wir unser Quartett nun personell zu einem Quintett erweitert haben, tüfteln wir zurzeit intensiv an neuen Klangfarben, Rhythmen und Arrangements. Das Album sollte dann allerspätestens bis zum Tourstart erhältlich sein. Der Titel ist noch streng geheim und wird im Laufe der nächsten Wochen auf unserer Homepage und Social-Media-Kanälen bekanntgegeben.

Das Herbert Pixner Projekt ist nun als Quintett auf der Bühne zu erleben, von nun an mit Alessandro Trebo am Piano. Wie ist es zur Entscheidung, das Projekt um ein Instrument zu erweitern, gekommen? Hat etwas gefehlt?

Die Idee, einen Konzertflügel mit in die Besetzung aufzunehmen, entstand 2021, als wir in der Coronazeit auf Tour waren. Damals musste unser Gitarrist Manuel Randi kurzfristig in Quarantäne – einen Tag vor einem fünftägigen Konzertblock. Ich wollte die Konzerte, die bereits vorher schon einige Male verschoben wurden, nicht nochmal verschieben und so fragte ich bei Alex an, ob er sich vorstellen könnte, im ausverkauften Wiener Konzerthaus, ohne Probe anstelle von Manuel Randi mit uns ein Konzert zu spielen? Er sagte spontan zu. Wir spielten ein großartiges, adrenalingeladenes Konzert und seit diesem Abend war für mich klar, dass wir irgendwann fix mit Klavier spielen. Jetzt ist es so weit.

Und schließlich das neue Programm: Mehr als 60 Konzerte von Ende Juli bis Ende November. Worauf darf das Publikum sich freuen, was habt ihr euch Neues einfallen lassen?

Das neue Programm wird etwas ganz Besonderes. Es gibt viele neue Stücke und selbstverständlich auch altbewährte Klassiker im neuen Gewand.

Wie schaffen Sie es, bei jedem einzelnen Konzert so eine intensive Verbindung zum Publikum herzustellen?

Das kann ich persönlich schwer beurteilen. Wir lassen uns seit jeher viel Freiraum für Improvisation, interagieren sehr spontan auf der Bühne und versuchen jeden Abend das Allerbeste zu geben. Vielleicht ist es auch die ganz bewusste Entscheidung, nicht in Stadien oder zu großen Hallen und Festivals zu spielen, um unserem Publikum weiterhin die notwendige Intimität unserer Konzerte bieten zu können.

Was möchten Sie mit Ihrer Musik den Menschen vermitteln?

Unser Publikum kommt aus unterschiedlichsten Gründen zu unseren Konzerten. Wahrscheinlich weil wir so gut aussehen (lacht), oder weil wir handwerklich nicht die Schlechtesten sind. Und weil wir eine der wenigen Bands sind, die in jeder Musikrichtung daheim sind. Trotzdem haben wir einen eigenen Stil entwickelt und spielen ausschließlich Musik, die ohne Text auskommt.

Ihnen scheint immer wieder etwas Neues einzufallen. Woher nehmen Sie all die Ideen und Impulse?

Das ist immer unterschiedlich. Musik ist für mich ein ganz wichtiges Ventil, mit dem ich alles Erlebte musikalisch verarbeiten kann. Ein Spiegelbild meiner Seele sozusagen.

Wie gestaltet sich der kreative Prozess, bis ein neues Stück steht?

Normalerweise komponiere ich die Stücke am Instrument. Es gibt keine geschriebenen Noten. Beim neuen Album habe ich erstmals einige Stücke gemeinsam mit Manuel Randi und Alex Trebo komponiert. Wir haben uns für ein paar Tage auf einer Alm in Salzburg in Quarantäne begeben und zusammen komponiert.

Sie experimentieren mit vielem – geht auch öfter einmal was schief?

Selbstverständlich geht immer wieder mal was schief. Aber das gehört zum Livespielen dazu und ist auch gut so.

Sie sind bekannt dafür, kaum zu proben, gerne zu improvisieren – sind Ihnen auch schon gröbere Hoppalas auf der Bühne passiert?

Richtig: Wer übt, hat’s nötig! (lacht) Nein – so leicht ist es auch wieder nicht. Es passieren natürlich immer wieder mal Hoppalas auf der Bühne. Wenn man zum Beispiel im Eifer des Gefechtes die Harmonika mit der falschen Tonart nimmt und beim ersten Ton merkt, dass etwas nicht stimmt. Dann beginnt man das Stück halt nochmal. Oder wenn man bei der Begrüßung im Konzert schon mal die falsche Stadt ankündigt, in der man grad spielt. Wir nehmen solche Hoppalas immer mit Humor. Ich bin zwar auf der Bühne sehr perfektionistisch veranlagt, aber solange etwas nicht aus Gleichgültigkeit und in geistiger Abwesenheit passiert, habe ich kein Problem damit.

Mit welchem Künstler/welchen Künstlern würden Sie gerne einmal zusammenarbeiten?

Da gibt es sehr viele auf der Liste. Mich reizen Gegensätze, aber das Wichtigste ist die Chemie untereinander. Musikmachen ist für mich ein sehr intimer Akt. Da kann jemand noch so gut spielen und die berühmteste Koryphäe sein. Wenn es menschlich nicht passt, dann kann ich nicht wirklich sinnvoll und ernsthaft mit jemandem zusammenarbeiten.

Auf welcher Bühne dieser Welt zu stehen ist Ihr größter Traum?

Wir durften bereits in den bedeutendsten Konzerthäusern konzertieren. Da kommt man sehr schnell zur Erkenntnis, dass nicht das Haus oder der Ort das Wichtigste ist, sondern es von vielen anderen Faktoren abhängt, ob es ein unvergessliches Konzert wird, oder nicht. Da kann ein kleines unbekanntes Theater in der Provinz oft mehr Charme und Ausstrahlung haben als eine komplizierte Hochglanz-Location. Wenn, dann würde ich gerne mal in der Arena in Verona spielen.

Anfang des Jahres stand das Herbert Pixner Projekt zusammen mit der Philharmonie Salzburg sowie erstmals mit einem 200-Stimmen-Chor auf der Bühne des Festspielhauses. Wie haben Sie diese Crossover Konzerte empfunden?

Bei solchen Projekten ist man bereits Monate vorher mit Komponieren, Arrangieren und in der Organisation involviert. Das sind hunderte Stunden Vorarbeit. Aber wenn man dann zum ersten Mal die Band zusammen mit großem Orchester und Chor hört und merkt, dass alles stimmt, dann ist das schon ein gutes Gefühl! Erst recht, wenn man dann mit diesem Projekt vier Mal in Folge das Festspielhaus ausverkauft.

Nach mittlerweile insgesamt einigen tausend Konzerten – wie bleibt man so motiviert, so inspirierend, so sprühend?

Ich liebe die Interaktion mit meinen Musikerinnen und Musikern auf der Bühne. Jeden Abend im Konzert etwas Neues zu kreieren. Und es gibt noch unzählige musikalische Ideen, die ich verwirklichen möchte.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute Stücke aus Ihren Anfängen hören? Was würden Sie heute anders machen?

Es gibt ein paar Sachen, die ich heute etwas anders machen würde, aber dann gibt es wieder ein paar Stücke, bei denen ich mir denke: Schon cool, was mir da vor 30 Jahren eingefallen ist. (lacht)

Sie werden verglichen mit Jimi Hendrix, Frank Zappa, Paganini, Piazzolla… Wie geht es Ihnen mit solchen Bildern von sich?

Oh, da gäbe es weitaus schlimmere Vergleiche. Mit solchen Größen verglichen zu werden, die Musikgeschichte geschrieben haben, das ehrt mich natürlich.

Und wieviel Bergbauernbub steckt noch in Ihnen?

Wenn man auf einem Bergbauernhof aufgewachsen ist, bleibt man ein Leben lang im Herzen ein Bauernbub.

Sie gelten als „Rebell der Volksmusik“, Ihre Musik wird gern als „progressive Volksmusik“ bezeichnet – Sie verbinden Tradition mit immer Neuem. Wie wichtig sind Ihnen Traditionen im Leben?

Als Rebell würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen. Wenn, dann vielleicht ein sehr sanfter. (lacht) Ich spiele zufällig ein Instrument, das der traditionellen Volksmusik zugerechnet wird, das heißt aber noch lange nicht, dass ich dann auch „nur“ tradierte Volksmusik damit spielen darf. Ich möchte einfach nur Musik machen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das möchte ich mir von keinem Traditionalisten der Welt verbieten lassen.

Gibt es in Ihrem Leben so etwas wie eine Work-Life-Balance? Wie bekommen Sie alles unter einen Hut: Musik zu schreiben, zu machen, Alben aufzunehmen, viele Tage im Jahr auf Tour zu sein, für die Familie da zu sein?

Die letzten Jahre oder besser gesagt die letzten zwei Jahrzehnte waren sehr arbeitsintensiv. Man ist ständig im Studio, im Büro oder auf Tour. Aber ich nehme mir immer wieder eine kleine Auszeit – und wenn es nur ein zwei Tage sind. Anders ist dieses Pensum kaum zu schaffen.

Was macht ein Herbert Pixner, wenn er sich einmal nicht mit Musik beschäftigt? Was sind Ihre Hobbys? Ihre persönliche Energietankstelle?

Zum einen bin ich gerne in der Natur unterwegs – im Wald oder auf dem Berg und zum anderen habe ich eine große Leidenschaft für alte Autos, sprich für klassische Automobile. Allerdings blieb für Hobbys in den letzten Jahren wenig Zeit. Leider.

Im Pass Italiener, gebürtiger Südtiroler, wohnhaft in Österreich. Was bedeutet Heimat für Sie? In welchem Land würden Sie am liebsten leben, wenn alles möglich wäre?

Heimat ist für mich da, wo man aufgewachsen ist, wo Freunde, Familie und dein soziales Umfeld sind. Ich lebe seit einigen Jahren in Nordtirol und fühle mich hier daheim. Ich komme gar nicht auf den Gedanken, irgendwo anders leben zu wollen.

Sind Sie auch als „Privat“-Mensch so umtriebig und aktiv, dass Sie ständig Neues anpacken möchten?

Ja, schon.

Welche Ängste, Sorgen oder Befürchtungen erfassen Sie in Hinblick auf die Zukunft? Unsere und vor allem die der kommenden Generationen?

Wenn wir so weitermachen, wird es nicht mehr allzu lange dauern und die Welt kollabiert. Aber ich sehe es mittlerweile recht pragmatisch. Die Erde wird sich auch ohne uns Menschen noch lange weiterdrehen. Wir sollten uns da nicht zu wichtig nehmen.

Was ist am Ende das Wichtigste im Leben? Die Quintessenz? Worum geht es?

Da hat wohl jeder für sich seine persönlichen Parameter. Für mich ist es ein großes Privileg, meine Passion und Leidenschaft ausleben zu können und auch zu dürfen. Jeden Tag halbwegs fit und gesund aus dem Bett zu steigen, meine Familie und Freunde um mich zu haben. Das ist alles nicht selbstverständlich und da bin ich sehr demütig, was das betrifft. Ich bin meinen Prinzipien immer treu geblieben, habe ein großartiges Team um mich und gehe selten Kompromisse ein. Weder mit meinem Umfeld noch mit mir selbst. Ich werde allerdings nächstes Jahr 50 und habe mir vorgenommen, in den nächsten Jahren ein paar Gänge zurückzuschalten. Es gibt schließlich nur ein Leben vor dem Tod. (lacht)

2025 steht ein großes Jubiläum an: 20 Jahre Herbert Pixner Projekt. Was ist im Jubiläumsjahr geplant?

Wir sind mitten in der Planung für das Jubiläumsjahr. Es wird ein ganz spezielles Programm geben und wir werden dieses Jubiläum selbstverständlich gebührend feiern.

Zur Person:

Herbert Pixner wird am 11. Oktober 1975 in Meran geboren und wächst mit seinen fünf Geschwistern am elterlichen Bergbauerhof in Südtirol auf. 2005 gründet er zusammen mit seiner Schwester Heidi Pixner und Werner Unterlercher das Herbert Pixner Projekt, mit dem er bald die bekannten Konzerthäuser über die Grenzen hinaus füllt. Darüber hinaus ist Pixner Teil und Initiator vieler Musikprojekte der unterschiedlichsten Musikrichtungen. Herbert Pixner lebt in Gnadenwald/Tirol, wo er auch sein Tonstudio „Gnadenlos-Studio“ betreibt.

Tourtermine 2024: www.herbert-pixner.com