„Mozart ist ein extrem wichtiger Teil meines Lebens geworden“

Text: Doris Thallinger
Fotos: Wolfgang Lienbacher, Andreas Hechenberger

Als Tenor auf der ganzen Welt zuhause, ist Salzburg wohl mittlerweile ein Stück weit seine zweite Heimat geworden: Seit 2017 verantwortet Rolando Villazón das künstlerische Programm der Mozartwoche, vergangenen Sommer hat er zudem die künstlerische Leitung der Internationalen Stiftung Mozarteum übernommen. Über seine Liebe zu Mozart, seine vielschichtige Arbeit und sein Leben spricht er im Interview.

Wann und wie haben Sie Ihre Liebe zu Mozart entdeckt?
Interessanterweise war die erste Oper, die ich als junger Student am Konservatorium in Mexiko gesungen habe, von Mozart: Il re pastore. Danach habe ich mich eher dem romantischen Repertoire zugewandt, was sicher auch daran lag, dass dieses Repertoire in Mexiko sehr beliebt ist. Vor über zehn Jahren kam Mozart dann zurück in mein Leben – und das mit voller Macht. Ich war eingeladen, den Don Ottavio zu singen und aufzunehmen. Zur Vorbereitung habe ich Mozarts Briefe gelesen und dabei einen wahren Freund fürs Leben gefunden. Seitdem habe ich sieben weitere Partien Mozarts gesungen und alle seine Konzertarien. Mozart ist ein extrem wichtiger Teil meines Lebens geworden und bringt mir unglaubliche Freude. Er ist ein wunderbarer, der beste Begleiter für mich geworden.

Welches Projekt fordert derzeit Ihre meiste Aufmerksamkeit und Leidenschaft?
Das ist gar nicht so leicht zu sagen – ich bin froh, dass ich mich nicht entscheiden muss. Gerade muss der Sänger im Vordergrund stehen, ich habe drei wichtige Werke vorzubereiten: Monteverdis L‘Orfeo, den ich Ende Oktober konzertant im Musikverein Graz singe, meinen ersten szenischen Papageno, den ich auf Englisch an der Met in New York singe und die Tenorpartie in Beethovens Neunter Sinfonie – die kommt zum Jahreswechsel in Philadelphia. Außerdem bereite ich meine nächste Regiearbeit vor und arbeite mit Vollgas an den Mozartwochen 2022 und 2023 und den anderen Konzerten der Stiftung Mozarteum. Da gibt es natürlich in dieser Phase irre viel zu tun und wir haben große Herausforderungen vor uns – mit Corona, immer noch, und unserem Umbau. Aber es sind tolle Herausforderungen, die ich gerne annehme. Ich liebe meine Arbeit in Salzburg!

Wenn man Ihren Konzertplan und all Ihre Aktivitäten darüber hinaus verfolgt, könnte man meinen, Sie sind 24 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche produktiv. Woraus schöpfen Sie Ihre Energie?
Ja, ich mache viel, singe, inszeniere, schreibe, zeichne, habe kürzlich die künstlerische Leitung der Stiftung Mozarteum übernommen, binnen kürzester Zeit eine Konzertsaison auf die Beine gestellt und da ist natürlich noch die Mozartwoche, das klingt alles in allem nach einem großen Pensum. Aber es gibt auch Tage, an denen ich gar nichts tue, die ich mir bewusst freihalte. Dann flaniere ich durch die Straßen, sitze in einem Café, lese ein Buch, beobachte die Menschen. Solche Tage sind Kraft- und Energiequellen für meine Projekte.

Was inspiriert Sie zu Ihrem Schaffen?
Ich finde immer aufs Neue Inspiration – in einem Buch, das ich gerade lese; einer Ausstellung, die ich besuche; und ganz besonders in Menschen, denen ich begegne. Das Leben ist tatsächlich eine große Inspirationsquelle, an Ideen mangelt es bei mir selten.

Sie sind stets auf Reisen, haben Ihren Wohnsitz in Paris – wie viel Zeit verbringen Sie in Salzburg?
Ich bin ein- bis zweimal im Monat in Salzburg, jeweils für ein paar Tage. Die sind dann dicht vollgepackt mit Terminen. Mit meinem Team an der Stiftung Mozarteum spreche ich fast jeden Tag per Zoom-Konferenz.

Was lieben Sie an Salzburg und was vermissen Sie hier?
Oh, da gibt es so vieles, das ich liebe: den Mozartsteg, den Blick in die Berge und den hinunter ins Tal, die kleinen Gassen und urigen Geschäfte, das Wiener Schnitzel – im Sacher, im Triangel, in der Blauen Gans und im Goldenen Hirschen… und natürlich ganz besonders „meine“ Stiftung. Ich überlege, was ich vermisse, wenn ich hier bin: meine Familie natürlich, wenn sie nicht mit mir reisen kann. Ansonsten aber bin ich sehr glücklich hier.

Was sind Ihre Lieblingsplätze – wo kann man Sie mit ein wenig Glück tatsächlich antreffen?
Ich bin wie gesagt gerne in der Stadt unterwegs, dann spaziere ich über den Mozartsteg zum Mozartplatz, wenn dort kaum Menschen unterwegs sind. Ich habe ein Ritual, ich grüße Wolfgang Amadé auf seinem Sockel mitten auf dem Platz: „Hola, mi querido amigo!“ Das mache ich immer, wenn ich in Salzburg bin, das ist schon eine Tradition geworden.

Begleitet Sie Ihre Familie auf Ihren Reisen? Wie schaut das Familienleben eines Rolando Villazón aus?
Meine Söhne sind (beinahe) erwachsene Männer – der eine studiert bereits im Ausland, der andere schließt nächstes Jahr die Schule ab. Wir stehen uns sehr nah und sprechen viel und häufig miteinander, aber ich bin stolz darüber, wie selbstständig und unabhängig beide sind. Die Corona-Zeit war natürlich für uns als Familie nochmals ganz besonders intensiv. Meine Frau reist jetzt, wo es wieder losgeht, viel mit mir, das ist sehr schön.

Als gebürtiger Mexikaner und französischer Staatsbürger haben Sie auch Wurzeln in Österreich. Was wissen Sie über Ihre Vorfahren aus Österreich?
Nicht allzu viel – nur, dass es einen Fußballspieler gab, der dann in Mexiko große Erfolge feiern konnte. Und ich denke, meine Vorliebe für Schnitzel und Marillen-Palatschinken stammt auch von ihnen.

Welche Konzerte und Projekte stehen im kommenden Jahr bei Ihnen am Programm, was planen Sie in nächster Zukunft?
Ich hatte ja eingangs erwähnt, was nun bis Jahresende kommt: L‘Orfeo in Graz und Paris, die Zauberflöte in New York, Beethovens Neunte. Nächstes Jahr wird sehr spannend: Ich singe meinen ersten Loge in Wagners Rheingold und mache eine große Tournee mit einem neuen Liedprogramm; es kommt eine neue Inszenierung und los geht es natürlich gleich im Januar mit der Mozartwoche. Ich kann es kaum erwarten!

Gibt es noch einen beruflichen Traum, den Sie sich unbedingt erfüllen möchten? Was sind Ihre Wünsche für die Zukunft?
Ich bin gerade, ehrlich gesagt, sehr erfüllt. Kurz vor meinem 50. Geburtstag kann ich sagen: Es geht mir gut, als Sänger, als Intendant, als Regisseur, als Schriftsteller, als Künstler, als Mensch. Das ist ein großes Privileg, das weiß ich, und ich bin dafür dankbar.