Monstertrucks: Brachiale Power auf vier Rädern

Wir sind mit ihnen aufgewachsen, auch wenn viele von uns noch nie einen live gesehen haben. Kaum ein Bub, der nicht ein Monstertruck Spielzeugauto im Kinderzimmer stehen hatte. Seien es die klitzekleinen Hot Wheels oder ein funkferngesteuerter Bigfoot gewesen. Ein Traum für große und kleine Männer. Made in USA!
Text: Dominic Schafflinger
Fotos: Adobe Stock, Pixabay

Da ist etwas, das uns ganz tief in unserem Mann-Sein anspricht, wenn ein derart mächtiges Gefährt mit mannshohen Reifen Autos plattrollt, oder wie ein ferngesteuertes Spielzeug über Rampen springt, Saltos schlägt oder auf zwei Reifen Kopf steht. Und da ist jenes Gefühl, mit dem gerade die Kinder der 80er aufgewachsen sind: Die Faszination des US-amerikanischen Showbusiness und dessen Motto: GRÖSSER – WEITER – STÄRKER. Monstertrucks gehören irgendwie in die gleiche Kategorie wie Hulk Hogan, Superbowl und die American Gladiators. Es ist der geballte American Way of Life aus dem letzten Jahrtausend, in dem wir noch nicht woke waren, Prügeleien noch als legitimer Meinungsaustausch gesehen wurden und uns auch das Klima keine schlaflosen Nächte bereitete. Verdammt waren wir frei…

Bigfoot, der erste Monstertruck

Frei war auch Bob Chandler, wenn er an den Wochenenden mit seinem Ford 250 Pickup in St. Louis, Missouri über Stock und Stein bretterte, leider schwand die Freiheit schnell, wenn das Auto mal wieder länger ausfiel, weil keine Ersatzteile zu bekommen waren und der Service in den Werkstätten grottenschlecht war. Aus Ärger darüber gab er seinen Job auf, tat sich kurzerhand mit seinem Nachbarn Jim zusammen und gründete 1975 eine erfolgreiche Werkstatt für 4×4 Offroadfahrzeuge – Midwest Four Wheel Drive. Dort schraubte der Querdenker dann ständig an seinem Truck herum, bis eines Tages ein wahres Monster mit dem Unterbau eines militärischen Topladers inkl. Allradlenkung und 48 Zoll Reifen (1,2 Meter Durchmesser) vor ihm stand: Bigfoot, der erste Monstertruck. Um Bigfoots ganze Größe voll auszukosten, stellte Bob zwei schrottreife Autos auf ein Feld und filmte sich selbst dabei, wie er sie mit dem Monstertruck zerquetschte. Bob Chandler war nicht der Einzige, der das ziemlich gut fand und so war er mit seinem Bigfoot bald überall in den USA bekannt. Kurz darauf schossen in unzähligen Kleinstädten die ersten Monstertruckveranstaltungen aus dem Boden und unzählige Autofreaks begannen, immer stärkere und größere Monstertrucks zusammenzuschrauben. Diese zeigten immer spektakulärere Kunststücke, zogen große LK-Trucks oder lieferten sich Rennen in Steinbrüchen und brachten damit die Menschen zum Staunen.

Klotzen, nicht kleckern

Seit Bob Chandler vor über 40 Jahren mit seinem Bigfoot auf Tour ging, haben sich auch die Monstertrucks massiv weiterentwickelt, besonders in Bezug auf ihre technischen Daten. Die meisten der Ungetüme sind etwa drei Meter hoch, fast vier Meter breit und über 5 Meter lang. Große Show-Teams verwenden heute Spezialmotoren. Und wenn es bei den Amerikanern Spezialmotor heißt, dann ist dieser natürlich auch speziell groß. Mit einem Hubraum von 8,8 Litern erzeugt beispielsweise ein riesiger Big-Block-Chevy-Blown-Alcohol-Motor, der mit Methanol betrieben wird, bis zu 1.500 PS und 9000 Newtonmeter. Damit lassen die Monstertrucks einen Formel 1 Wagen wie einen Fiat Panda aussehen – nicht nur größenmäßig. Die Motoren sind mit einer Vielzahl von Hochleistungskomponenten ausgestattet, darunter Brodix-Zylinderköpfe, Callies-Kurbelwellen und COMP Cams-Nockenwellen. Alle Teile sind auf extremste Belastungen ausgelegt, denn wenn die 5-Tonner nur durch pure Beschleunigungskraft einen Wheelie machen oder über Sprungrampen brettern und bis zu 12 Meter hoch durch die Luft fliegen, wirken unglaubliche Kräfte auf die Motoren ein. Damit die Stunts das Gefährt nicht sofort in Schrott verwandeln, wird der Rahmen aus DOM-Rohren gefertigt, die aus hochwertigem gewalztem Bandstahl bestehen. Aber das Wichtigste sind die riesigen Stoßdämpfer aus Stahl, die mit Stickstoff gefüllt sind und einem Druck von bis zu 2100 PSI standhalten müssen. Das Einzige, was an einem Monstertruck wirklich ganz gewöhnlich von der Stange gekauft werden kann, sind die Reifen, denn die kommen ganz einfach von großen Traktoren. Wer herausfinden möchte, wie gut ein Motorteil ist, schraube es auf einen Monstertruck, denn was immer in anderen Rennkategorien als langlebig gilt, hat in einem Renn-Monstertruck wesentlich geringere Überlebenschancen.

Born for the show

„Damn hell, they are so cool”, ist wohl der häufigste Kommentar, den US-amerikanische Kinder zu den Monstern auf vier Rädern abgeben. Was jenseits des großen Teiches zur normalen Abendunterhaltung gehört und in den Kids das Gefühl weckt, dass nichts groß genug sein kann, ist in Mitteleuropa gar nicht so oft zu finden, aber ein paar Möglichkeiten zu erleben, wie die Riesentrucks die Schwerkraft auszuhebeln scheinen, gibt es doch. Monster Jam bringt die Monstertrucks jedes Jahr in deutsche Großstädte. Auch dieses Jahr kann die spektakuläre Stadion-Show wieder in Berlin, Dresden, Gelsenkirchen und Frankfurt erlebt werden. Fahrer und Trucks kommen direkt aus den USA und bieten eine adrenalingeballte Vorstellung voller Action und cool gestylter Monstertrucks. Man könnte glauben, es handle sich um Spielzeugautos, wären die Dinger nicht so riesig. Zu Feuerwerken, Rauch und jeder Menge Dirt fahren El Torro Loco, Grave Digger, Max-D und andere spannende Rennen und zeigen spektakuläre Stunts.

Die Gebrüder Frank veranstalten noch eine Monstertruck- und Stuntshow der alten Schule. Es sind klassische Schausteller, die mit ihren Wohnwägen quer durch das Land ziehen und von ihren waghalsigen Shows leben. Mit im Gepäck haben sie zwei Monstertrucks, die auf Baumarktparkplätzen fröhlich Schrottautos platt machen. 2024 werden sie wohl wieder in Österreich gastieren, sollte mit den Genehmigungen alles klappen. „Gerade in Süddeutschland und Österreich wird es mit Behörden und Umweltauflagen immer schwieriger”, erklärt Lorenzo Frank, der gerade in Mitteldeutschland mit der Frankelli Monstertruck und Stuntshow unterwegs ist, etwas unglücklich: „Die Autos, die wir zerstören, dürfen keinen Tropfen Öl und Benzin mehr enthalten und wir müssen für die Feuerwehr und das Rote Kreuz vor Ort bezahlen, das gehört fast überall zu den Auflagen. Auch die Platzmieten werden immer teurer. Aber wenn man die faszinierten Augen der Kinder sieht, dann ist es das alles wert.” Angesichts der Diskussionen über Umweltschutz und Nachhaltigkeit mag mancher sich fragen, ob Monstertrucks mit ihrem riesigen Treibstoffhunger überhaupt noch auftreten sollten. Aber mal ehrlich, wenn Erwachsene Dinge bauen, die nur des Spaßes wegen existieren, ohne Rücksicht auf Verluste oder schlechtes Gewissen, dann ist das vor allem heutzutage ein Stück Freiheit in einer Welt mit zu viel ‘political correctness’.