Reportage & Wissen

Lesezeit: 8 Minuten

Manierliches Heldentum

Text: Doris Thallinger

Fotos: deagreez, Drobot Dean, Photographee.eu - stock.adobe.com; Susi Graf

Knigge, Etikette, Benimm – klingt alles nach angestaubten Regeln aus dem vorigen Jahrtausend? Ganz im Gegenteil: Wer möchte denn nicht als Held durch den Alltag gehen, die Lässigkeit der Souveränität für sich beanspruchen! Na eben: Man benimmt sich wieder!

Ganz ehrlich: Steckt nicht in jedem Mann, egal welchen Alters, ein moderner Ritter? Und sehnt sich nicht jede Frau manchmal ein bisschen nach genau diesem? (Und nein, das hat aber auch gar nichts mit Emanzipation zu tun, sondern nur mit respektvollem Umgang miteinander!) Fakt ist, dass gutes Benehmen einem das Leben leichter machen kann. Dass einem die Umwelt freundlicher entgegen kommt, dass Zwischenmenschliches besser funktioniert, wenn man sich nur an ein paar Regeln hält.
Und nichts anderes war es, was uns der vermeintliche Vater des Benimms, Adolph Freiherr von Knigge, mit seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ auf den Weg mitgeben wollte: Ein „Buch für diejenigen, die trotz gutem Willen, vorzüglichen Charaktereigenschaften, dem begeisterten Bestreben, in der Welt voranzukommen und dabei eigenes und fremdes Glück zu bauen, zu gar nichts gelangen.
Woher? Ihnen fehlt: Die Kunst des Umgangs mit den Menschen.“ So beschrieben steht es in der sprachlich modernisierten Version des Klassikers: „Der Original Knigge in modernem Deutsch“ von A. Freiherr von Knigge und Felix Goda. Und dabei beschränkt sich Knigge auch gar nicht auf den Umgang mit anderen, nein, auch dem Umgang mit sich selbst widmet er Beachtung. Quasi der Vorgänger der heute so florierenden Ratgeber-Literatur, immerhin auch nach 230 Jahren noch zu weiten Teilen aktuell. Auf jeden Fall was Respekt, Höflichkeit und Wertschätzung betrifft, anderen gegenüber ebenso wie sich selbst!

Der Charme des guten Benehmens
Wer will kein Ritter sein, fragt sich auch Alexander von Schönburg in seinem Buch „Die Kunst des lässigen Anstands“ und zählt gleich auf, was einen Ritter ausmacht: Er ist keck, selbstsicher, elegant, unverdreht, zeigt Rückgrat, ist ungeniert und überlegen – einfach souverän. Oder in heutiger Sprache: halt einfach cool. Denn in Zeiten zunehmend gefeierter Selbstbezogenheit sind heute die­jenigen, die so manche Tradition hochhalten, die wahren Rebellen! Laut von Schönburg muss die Nobilität nur neu konstruiert werden, Anstand und Ritterlichkeit in unsere Zeit übersetzt werden. Und dann ist es wie im Märchen: Der charmante Prinz, der edle Ritter kriegt am Ende die Prinzessin. Dafür zahlen sich ein paar Manieren doch wohl aus!

Wie mache ich’s richtig?
Natürlich gibt es Regeln der „Etiquette“, die kann man als heillos veraltet betrachten, andere wiederum werden ihre Gültigkeit wohl nie verlieren und sind Richtlinien des guten Benehmens, an denen auch heute jeder Mensch gemessen wird. Diese zu kennen, ist beruflich wie privat von Vorteil.
Insbesondere ein paar grundlegende Regeln sollte man verinnerlicht haben, um sich gefahrlos am Parkett zu bewegen, ohne auszurutschen. Den Überblick über die Regeln des Benimms oder „Alles, was Sie über gutes Benehmen wissen sollten“ findet man, von A wie Accessoires und Achtsamkeit bis Z wie Zyniker, im kürzlich neu erschienenen „Der große Elmayer“ von Thomas Schäfer-Elmayer. Das Buch beleuchtet so ziemlich jeden Bereich des Lebens, bis hin zu Clubbings, Dates und Chatten, Sex, Tattoos u.v.m. Mit diesem Nachschlagewerk passieren garantiert keine Hoppalas mehr!

Buchtipps

  • Thomas Schäfer-Elmayer: Der große Elmayer, erschienen im Verlag Ecowin
  • Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands, erschienen im Piper Verlag
  • A. Freiherr von Knigge und Felix Goda: Der Original-Knigge in modernem Deutsch: Über den Umgang mit Menschen (1788), erster Teil, erschienen im Perse­phone Verlag
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Grundlegendes in Kürze:
Begrüßung: Wer einen Raum betritt oder zu einer Gruppe stößt, grüßt als erster. Generell gilt: Der Jüngere grüßt den Älteren, der Herr die Dame. Ausnahme Business-Leben: Der Chef wird immer zuerst begrüßt, das Prinzip „Ladies First“ tritt außer Kraft. No-Go bei der Begrüßung: Sonnenbrillen!
Vorstellung: Nach demselben Prinzip funktioniert es, jemanden vorzustellen: Der Herr stellt sich der Dame vor, der Jüngere wird dem Älteren vorgestellt. Business: Dem Ranghöheren wird der Rangniedere vorgestellt.
Restaurant: Klassisch betritt der Herr vor der Dame das Restaurant, hält ihr die Türe auf und geleitet sie, hinter sich, zum Tisch. Bringt der Kellner die Gäste zu Tisch, folgt zuerst die Dame, erst dann der Herr. Wer einlädt, bestellt (nach den Wünschen seines Gastes) und bezahlt. Nach der Bestellung, spätestens beim Servieren legt man die Serviette, einmal quer gefaltet, mit der offenen Seite zu sich auf den Schoß, wo sie bis zum letzten Gang bleibt. Danach legt man sie mit der sauberen Seite nach oben links neben den Teller. Früher No-Go, heute durchwegs erlaubt: das Kosten vom Teller des Partners.


Ein Kommentar von Stefan Mandl, NLP-Experte

Höflichkeit ist das neue Cool
Ich gebe es zu: Ich bin einer von der „alten Schule“. In meinen Seminaren habe ich regelmäßig einen überdurchschnittlich hohen Frauenanteil, 80 % und mehr sind keine Seltenheit. Da passiert es schon einmal, dass ich zufällig neben einer Frau stehe, die sich gerade den Mantel anziehen oder durch eine Türe gehen möchte. Fast reflexartig helfe ich in den Mantel oder halte die Türe auf, und zwar nicht nur bei Frauen, sondern ebenso bei Männern. Die Reaktion ist meistens dieselbe: Man(n) und Frau freuen sich, bedanken sich fast immer und sind manchmal sogar überrascht – so selten erleben sie diese einfache Form der Höflichkeit im Alltag.
Gleichzeitig besuchen immer mehr Menschen Seminare und Vorträge, die Achtsamkeit, Wertschätzung und Respekt zum Inhalt haben. Hier lernen sie dann die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und mehr oder weniger raffinierte Methoden, um Anderen Wertschätzung und Achtsamkeit entgegen zu bringen. Besonders für Führungskräfte werden diese Inhalte immer beliebter.

Dabei kann es so einfach sein: Natürlich decken einfache, vielleicht schon in der Kindheit gelernte Gesten, wie das Aufhalten von Türen oder in den Mantel helfen nicht das ganze Spektrum von Wertschätzung, Achtsamkeit und Respekt ab. Es braucht auch noch Anderes, wie z.B. sein Gegenüber ausreden zu lassen, sie oder ihn ernst zu nehmen und sich aufrichtig für sie und ihn zu interessieren. Aber die Grundregeln der „guten alten Schule“ sind schon einmal ein wirklich guter Anfang. Denn es schickt zumindest ein Signal: Ich nehme dich wahr.