Langlaufen – der ultimative Fitnesstest?

Text: Dominic Schafflinger
Fotos: IKO Europe GmbH, David Grubinger, Jonathan Forsthuber, Ronny Katsch, SLT-Michael Größinger, TVB Schladming Dominik Steiner, ÖSV

Nordic Skiing, so der neudeutsche Begriff fürs Langlaufen, steht noch immer ein wenig im Schatten des alpinen Skisports. Dabei ist es eine hervorragende Möglichkeit, auch im Winter regelmäßig an die frische Luft zu kommen und den ganzen Körper zu trainieren. Gerade das Skaten, die schnelle Langlaufvariante, ist etwas für ganze Kerle, wie folgender Selbstversuch zeigt.

Vor Jahren probierte ich den Sport das erste Mal. Klassischer Langlauf, das ist nichts für mich, aber Skaten konnte nicht schwieriger sein als Eislaufen, so meine mehr oder minder qualifizierte Meinung. Als ich dann die ersten Male dank Gleichgewichtsverlusts im Schnee lag und so mancher Mitfünfziger entspannt an mir vorbeizog, hatte ich schon eine Ahnung davon, dass ich vielleicht eine Trainerstunde nehmen sollte. Trotzdem, der Wille zum Langlaufen war gebrochen – bis zu diesem Beitrag.

Das Beste ist zu gut
Mein erster Weg führt mich zu den IKO-Bergsportspezialisten in Hallwang. Daniel Niederreiter, der Bereichsleiter für nordische Sportarten, nimmt mich in Empfang: „Hier ist ein Mittelklasseset, das ist perfekt für dich.“ Ich begehre auf, Profi-Equipment muss her, schließlich will ich auf der Loipe die beste Figur machen. Daniel bleibt beharrlich: „Je professioneller die Ausrüstung, desto besser muss die Technik sein. Als Anfänger fällst du so nur über deine eigenen Skier. Bricht dabei ein Stock, ist der Tag gelaufen.“ So stehe ich am Ende mit einem Set aus Fischer AEROLITE SKATE 70 inklusive Bindung, dazu passenden RC3 Skate Schuhen und leichten Storm 6 Carbonstöcken von One Way da. Als Sportkleidung tut es meine Winterlaufbekleidung und die Polar oder Garmin Pulsuhr wird erst später zum Must-have. Jetzt aber ran ans Training!

Herbstliche Loipen
100 km von Salzburg entfernt, am Dachstein erstrecken sich die längsten Gletscherloipen der Welt auf 2.700 Metern ü. M. Hier können schon jetzt im Oktober die Skier angeschnallt werden. Ich sitze mit David Grubinger in der ersten Gondel des Tages. Der Obmann der Sport Union Nordic Thalgau, der seit seinem 10. Lebensjahr auf den schmalen Skiern steht und über langjährige Wettkampferfahrung als Trainer wie auch als Athlet verfügt, soll mich skatingfit machen. „Wenn du die Grundtechniken nicht gelernt hast, dann geht auf der Loipe auch nichts weiter“, erklärt er mir, als ich ihn auf meine erste Langlauf-Erfahrung anspreche.

Technik ist alles
Als wir ankommen, taucht die Sonne den Dachstein in goldenes Licht und ich fühle mich wie ein angehender Olympiasieger. Jetzt geht es ans Techniktraining. Erst Schlittschuhschritt, also Skaten ohne Stockeinsatz, so bekomme ich ein Gefühl für Skier und Gleichgewicht. Dann kommen die asymmetrischen Schritte zum Gleiten, die linke oder die rechte Führungshand brauchen wir, wenn’s bergauf geht. Auf der Geraden und bergab werden symmetrische Techniken gelaufen. Nun ist Üben angesagt, bald muss ich wieder pausieren und David erklärt mir, es langsam anzugehen, um wirklich schnell zu werden: „Viele langjährige Langläufer trainieren permanent am Pulslimit, entwickeln sich aber nie weiter. Nur durch Technik kannst du ganz locker laufen.“ Am Gletscher braucht es viele Pausen wegen der dünnen Luft. Nach dem Mittagessen wage ich eine Runde allein, es skatet sich schon viel besser und ich gebe Vollgas bis zur unvermeidbaren Verschnaufpause. Nur bergab verliere ich noch das Gleichgewicht auf den schmalen Skiern und lande peinlich im Schnee, ab jetzt wechsle ich bei abschüssigem Gelände auf die klassische Spur.

Laktat in jeder Faser
Abends ist mein ganzer Körper schwer und ausgelaugt, fühlt sich aber trotzdem toll an. Tags darauf habe ich den Muskelkater meines Lebens. Oberschenkel- und vorderer Schienbeinmuskel, Adduktoren, der gesamte Rumpf, Trizeps und Rotatorenmanschetten, überall macht sich das Training schmerzhaft bemerkbar. Beim Skaten ist die aerobe Grenze schnell erreicht, weil neben den Beinen auch die Arme mitarbeiten und die letzte Faser des Körpers läuft mit Laktat voll. „Früher stand die Ausdauer beim Langlaufen im Mittelpunkt, heute zählt eher Impulskraft und wieviel man im Sprint mobilisieren kann“, erzählt mein Trainer bei der Nachbesprechung. Ich melde mich für einen Skating-Kurs in Thalgau an, stadtnah in schönster Winterkulisse. Als ich anmerke, dass Skaten gegenüber der klassischen Technik einfach männlicher ist, meint mein Trainer nur: „Echte Langlaufsportler machen beide Techniken. Klassisch kann genauso sportlich gelaufen werden wie Skaten.“ Eines ist für mich aber sicher, moderner Skating-Langlauf, das ist der ultimative Fitnesstest.

Interview mit Stefan Rettenegger

Der 20-jährige Pongauer ist der Shooting Star unter den Nordischen Kombinierern. Letzten Winter gewann er Gold bei der Junioren-WM in Zakopane und belegte beim Sommer-Grand-Prix in Tschagguns im September den ausgezeichneten 3. Platz.

Wie bist du zu den nordischen Sportarten gekommen?
Ich habe mit 4 Jahren mit dem Skispringen angefangen, weil mein Onkel Trainer war, und wir trainierten auch Langlaufen. Diese abwechslungsreiche Kombination hat mir gefallen.

Was macht den Reiz des Langlaufens im Gegensatz zu anderen Ausdauersportarten aus?
Man verwendet den kompletten Körper, um die Kraft in Geschwindigkeit umzuwandeln. Aber am schönsten ist es, an einem kalten Wintermorgen als erster auf der Loipe zu stehen, den Sonnenaufgang zu sehen und in Bewegung zu sein.

Welche Strecken sind deine Favoriten im Salzburgerland?
Ich liebe Werfenweng, meine Heimstrecke. Die Ramsau hat unglaublich viele Langlaufkilometer und zusätzlich die Weltcupstrecke, das ist richtig cool. Obertauern ist mein Geheimtipp für den Frühling.

Die Ramsauer Langlauflegende Alois Stadlober hat einmal gesagt, Langlaufen macht sexy…
Auf jeden Fall, weil man einen komplett durchtrainierten Körper bekommt, bei dem alle Muskelgruppen gleichmäßig aufgebaut werden. Ich würde aber grundsätzlich sagen, Sport macht sexy.

Was steht diesen Winter bei dir im Fokus?
Bei der WM in Planica möchte ich um Medaillen mitlaufen. Aber auch die Heim-Weltcups in Seefeld und in der Ramsau sind mir extrem wichtig.