Klein sparsam KULTIG
Text: Dominic Schafflinger
Fotos: Alexander Gasteiger, Stellantis, BMW AG, Viktor Allnoch, Volkswagen AG
Sie wurden gebaut, um den Traum vom Automobil für jedermann zu realisieren. Das Credo in der Entwicklung lautete: einfache Technik und leistbare Fortbewegung. Heute kennt beinahe jeder Käfer, Ente und Fiat 500, dass aber diese Autos irgendwann Kultstatus genießen würden, damit rechnete anfangs niemand.
Nicht modernste Technik, Geschwindigkeit oder luxuriöse Verarbeitung machen aus diesen Autos Legenden. Mit ihnen wird Autofahren erschwinglich und so werden sie in Europa zum Inbegriff der Freiheit. Sie erinnern an den ersten Italienurlaub am Meer, den Mauerfall oder an die ‚ Trente Glorieuses‘, die 30 goldenen Aufschwung-Jahre nach dem zweiten Weltkrieg und Woodstock. Sie werden oft kopiert, doch niemals erreicht. Diese Autos retteten ihre Unternehmen, revolutionierten Designverständnisse und standen für ökologisches Denken und verlässliche Technik.
VW 1600 Mexico Käfer 1978-2003 | Luftgekühlter 4-Zylinder-Boxermotor mit 1584 cm3 und 46 PS Max. Geschwindigkeit: 140 km/h Leergewicht: 810 kg
Das deutsche Autowunder
VW Käfer und Bulli stehen stellvertretend für das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Während der Käfer auf den Entwurf des sogenannten KdF-Wagens von Ferdinand Porsche, aus den Zeiten des Nationalsozialismus, zurückgeht und die erste, von den Alliierten in Auftrag gegebene Serie gleich nach Kriegsende im Dezember 1945 vom Band läuft, startet die Produktion des Bulli erst 1950. Ihre Spitznamen, Käfer und Bulli, setzen sich erst mit der Zeit durch, ursprünglich werden die beiden einzigen VW-Modelle simpel Typ 1 und Typ 2 genannt. Den Kosenamen Käfer übernimmt man aus den USA, in die er seit 1949 erfolgreich exportiert wird und Bulli ergibt sich vermutlich aus der Kombination aus Bus und Lieferwagen.
Seit der Markteinführung entwickelt sich der Bulli zum Verkaufsschlager, von dem bis 1967 1,8 Millionen Fahrzeuge gefertigt werden, als Kastenwagen, Kleinbus und als Pritschenwagen befeuert er den deutschen Wiederaufbau. In den 50er und 60er Jahren trifft er voll den Zeitgeist und erlangt endgültig Kultstatus, als amerikanische Hippies ihn für sich vereinnahmen und der Flower-Power Bulli zum Symbol für die 68er-Bewegung wird. Sein Ende ist bis heute nicht in Sicht.
Der Käfer wird weltweit über 21 Millionen Mal produziert und avanciert in den 50er Jahren zum Symbol des deutschen Aufschwungs und der neuen Reiselust. So geht es im Käfer mit der ganzen Familie über Brenner und Tauern nach Italien. 1978 schließt das letzte deutsche Käferwerk in Emden. In Mexiko wird er noch bis 2003 gebaut, aber in Europa schon 1997 durch den New Beetle ersetzt, der die Legende in modernem Gewand bis 2010 weiterleben lässt.
VW T1 (Typ 2) Bulli Samba | 1953-1960 Luftgekühlter 4-Zylinder-Boxermotor mit 1.192 cm3 und 30 PS Max. Geschwindigkeit: 80 km/h Leergewicht: 1.110 kg
British Gentleman
1957 wird Großbritannien von der Suezkrise und dem damit verbundenen Anstieg der Kraftstoffpreise erfasst. Sir Leonard Percy Lord reagiert prompt und beauftragt seinen besten Ingenieur mit der Entwicklung eines effizienten Kleinwagens mit geringem Verbrauch, der in der Lage sein soll, vier Erwachsene zu transportieren und für alle Einkommensklassen erschwinglich ist. So kommt ein Entwurf mit bedeutenden Innovationen zustande. Die Reifen werden weitestmöglich an die Ecken gesetzt, um mehr Platz für die Fahrgäste zu erhalten, der Motor quer montiert und mit dem Getriebe gemeinsam aus der Ölwanne geschmiert. Das sorgt für Platzersparnis und ist revolutionär für die Zeit. Die weit auseinanderliegenden Räder und die harte Federung sorgen für Go-Kart Feeling und für Fahrspaß in allen Kurven. So schlägt der erste Mini mit 34 PS in allen Bevölkerungsschichten ein und wird schnell zum gefragten Gefährt.
1961 entdeckt der erfolgreiche Rennfahrer John Cooper den Mini für sich und entwickelt den legendären Mini Cooper, der mit stärkerem Motor, vergrößerten Bremsen und weiteren Adaptierungen unter anderem 1964–1967 die Rally Monte Carlo gewinnt und die Konkurrenz alt aussehen lässt. 1999 wird der kleine Engländer, der auch als Kombi und Pick-up produziert wird, zum „European Car of the Century“ gekürt und damit endgültig geadelt. 2001 geht der neue Mini von BMW/Rover an den Start und setzt die Erfolgsgeschichte fort.
Mini Cooper S | Ab 1964 4-Zylinder Benziner mit 1.071 cm3 und 70 PS Max. Geschwindigkeit: 148 km/h Leergewicht: 670 kg
BMW Isetta 250 | Ab 1955 1-Zylinder-Viertakter mit 245 cm3 und 12 PS Max. Geschwindigkeit: 85 km/h Leergewicht: 370 kg
Konzernretter
Die BMW Isetta ist eine Ikone der Automobilgeschichte und verdankt ihren Erfolg einer Notlage, denn Mitte der Fünfziger steht BMW kurz vor der Pleite. Die Lösung findet sich am Turiner Autosalon 1954, wo Iso Rivolta ein Dreirad mit Fronteinstieg vorstellt. Man erwirbt umgehend die Lizenzrechte. Motor und Fahrwerk werden verfeinert, anstatt der drei Reifen erhält die deutsche Version vier Räder und einen Einzylinder-Viertaktmotor aus der BMW R25 mit 250 cm³ und 12 PS. 1956 erscheint die drehmomentstärkere Version mit 300 cm³ und 13 PS Leistung. Beide schaffen bis zu 85 km/h. Die Knutschkugel bewegt man im Großstadtverkehr unglaublich flink und sie ist der einzige Kabinenroller, bei dem zwei Fahrgäste nebeneinandersitzen können. Das serienmäßige Stoffverdeck dient aber nicht dazu, Cabriowünsche zu befriedigen, sondern ist als Notausstieg vorgeschrieben. Mit 161.728 verkauften Stück wird sie eines der erfolgreichsten Einzylinder-Autos der Welt. 1962 geht die Isetta-Ära auch schon wieder zu Ende, denn mit Zunahme des deutschen Wohlstandes will man jetzt vollwertige Autos fahren, doch da ist BMW schon gerettet und genau in seinem Element. Gerade heute gewinnen kleine Stadtflitzer wieder an Bedeutung. Als Neuinterpretation der Isetta fährt seit 2022 der Schweizer Microlino rein elektrisch auf Europas Straßen und orientiert sich an denselben Werten wie einst die Isetta – klein, günstig, Knutschkugel.
Steyr-Puch 500 | 1957–1959 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor mit 493 cm3 und 16 PS Max. Geschwindigkeit: 100 km/h Leergewicht: 470 kg
Italian Connection
Für die italienische Autogeschichte ist der Fiat Nuova 500, wie die Autolegende aus dem Jahr 1957 korrekt bezeichnet wird, herausragend. Dante Giacosa, der legendäre Technik-Chef von Fiat entwickelt hier die wohl abgespeckteste Großserienproduktion der Welt. Ohne Rücksitze oder versenkbare Fenster. Mit seinem luftgekühlten 479 cm³ Heckmotor leistet er gerade mal 13,5 PS, was das Auto kaum über 80 km/h befeuert. Die Verkaufszahlen springen erst an, als man den Preis reduziert und eine stärkere Version inklusive Rücksitze anbietet.
Diesem Leistungsminimum auf vier Rädern nimmt sich der bekannte österreichische Rennfahrer und Unternehmer Carlo Abarth an und stellt im gleichen Jahr den Fiat 500 Elaborata Abarth vor, der 20 PS bei 5000 Umdrehungen leistet. Abarth bleibt dem 500er treu und entwickelt stetig neue Modelle, die den kleinen Italiener auch im Rennsport erfolgreich werden lassen.
Aus der Karosserie des Fiat 500 entsteht auch der Steyr-Puch 500. Die Steyr-Puch Werke entwickeln Motor, Getriebe und Fahrwerk in Graz komplett neu, um den österreichischen Bergstraßen besser trotzen zu können. Zwischen 1957 und 1975 werden drei Ausführungen mit jeweils 16, 19 und 27 PS auf die Straße gebracht. Der Puch ist ein Sparmeister, der 4 bis 5 Liter auf 100 km verbraucht und mit 4 Gängen bis zu 130 km/h erreicht. Anfangs gibt es ihn nur mit Fetzendach, später folgt die Hardtop Version. Da das „Pucherl“ günstig genug ist, um vielen Österreichern den Traum von der Mobilität zu erfüllen, kann es 1959 einen Marktanteil von 62 Prozent in seiner Klasse erobern. Im Ausland darf er aufgrund von Lizenzklauseln mit Fiat nicht verkauft werden und ist so auch trotz italienischem Aussehen ein eingeborener Österreicher.
Fiat Nuova 500 Jolly-Spiaggina | 2-Zylinder mit 479 cm3 und 13,5 PS Max. Geschwindigkeit: 80 km/h Leergewicht: 470 kg
Toute Petite Voiture
Bereits Mitte der 30er Jahre entwickelt Citroën eine „Toute Petite Voiture“, ein ganz kleines Auto für Bauern und Arbeiter. Citroëns Ansprüche werden genau definiert, vier Fahrgäste und 50 kg Zuladung bei einem Verbrauch von 3 Litern Benzin auf 100 km und einer erreichbaren Geschwindigkeit von 60 km/h. Dann kommt der 2. Weltkrieg dazwischen und erst auf dem Pariser Autosalon 1948 wird der 2CV offiziell präsentiert. Zwar bezeichnet ein Journalist das Gefährt als „hässliches Entlein“, aber beim französischen Publikum ist es Liebe auf den ersten Blick. 1950 beträgt die Wartefrist auf eine neue Ente 6 Jahre. Der Grund dafür ist der niedrige Preis (die Hälfte eines Käfers), günstige Betriebskosten und die weiche Federung für jedes Gelände. Die Wagenverkleidung wird auf einem Kastenrahmen verschraubt und der luftgekühlte Frontmotor macht den Kofferraum frei für reichlich Gepäck. Durch den tiefen Schwerpunkt ist das Gefährt beinahe kentersicher. Hat die erste Ente noch 9 PS, laufen die letzten Modelle 1990 mit 28 PS vom Band und alle können mit einer Kurbel an der Front des Autos gestartet werden. Entenfahrer sind Entdeckungsreisende, egal ob es damit durchs französische Hinterland, in die Sowjetunion oder in die Wüste geht. Als Saharaversion wird der wackere Enterich mit Reservereifen auf der Motorhaube und zwei separaten Motoren an Hinter- und Vorderachse ausgestattet. Zusätzlich produziert man ab 1951 auch einen Kastenwagen. In unglaublichen 40 Jahren finden über 5 Millionen Enten ihren Besitzer.
Citroën 2CV „Ente“ | Ab 1949–1955 2-Zylinder-Viertakt-Boxermotor mit 375 cm3 und 9 PS Max. Geschwindigkeit: 65 km/h Leergewicht: 560 kg
Die 2CV Sahara beim Welttreffen in Ericeira, Portugal