Interviews & Persönlichkeiten

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Jagd ist Naturschutz

Text: Stephan Kaindl-Hönig

Fotos: Sodia; Christoph Burgstaller; Janni - stock.adobe.com

Die Jagd ist viel mehr als das bloße Erlegen von Wild: Sie ist Naturverbundenheit, gemeinsames Erleben und „grüne Matura“ in einem. Reinhold Sodia im Gespräch mit Herausgeber Stephan Kaindl-Hönig.

Dein Unternehmen ist besonders tief verwurzelt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde der erste Sodia-Betrieb gegründet und auch heute noch genießen die Sodia-Eigenprodukte einen sehr hohen Sammlerwert. Zudem darf die Familie Sodia seit 1981 per Dekret das österreichische Staatswappen im geschäftlichen Verkehr führen. Das muss dich doch mit Stolz erfüllen?
Ja, die Geschichte unseres Hauses ist durchaus beeindruckend. Die Anfänge liegen tatsächlich 1869 in Feistritz im heutigen Slowenien. Meine Familie ist über den Loiblpass gekommen und hat sich dann in Ferlach niedergelassen. Anton Sodia und Franz Sodia waren die zweite Generation, da hat dann auch die Trennung der Familienzweige stattgefunden: Anton Sodia verschlug es nach Unterferlach, Franz Sodia blieb in Ferlach und baute Sodia zu dem Produktionsbetrieb aus, der fast 100 Jahre eigentlich alle Staatsoberhäupter rund um die ganze Welt belieferte. Aus dieser Zeit stammt auch die Verleihung des österreichischen Staatswappens. Sodia war damals in den 1960er-Jahren der größte Kärntner Industriebetrieb mit über 130 Büchsenmachern. Das war unsere goldene Zeit. Heute sind die damals gefertigten Waffen auf der ganzen Welt verteilt und der Name Sodia ist gerade bei Jägern immer noch ein sehr bekannter.

In den 40er-Jahren wurde der Betrieb in die Rüstungsindustrie eingegliedert und dann von den slowenischen Partisanen besetzt. Insofern hat der Betrieb an einem großen Stück Weltgeschichte teilgehabt…
Diese Zeit muss eine wahnsinnig bewegte gewesen sein und mehr als aufregend – eine Zeit, die man aber ganz sicher nicht noch einmal erleben will. Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten wurde der Betrieb als damaliger Waffenfertigungsbetrieb in Beschlag genommen. Damals wurde in diesem Betrieb das Hitlerjugend-Wehrsportgewehr gebaut – natürlich nicht freiwillig…
Nachdem dann der Zweite Weltkrieg verloren war, sind die jugoslawischen Tschetniks über den Urlpass gekommen. Sie haben auch die Waffenfabrik meines Großvaters beschlagnahmt, bis die alliierte Besatzungsmacht sie schließlich zurückgeworfen hat. Das war dann unser Neubeginn: Natürlich hat es noch einige Zeit gedauert, aber wir konnten wieder in die normale Jagdwaffenfertigung einsteigen. Da begann unser Aufschwung, der dann in den 60er- und 70er-Jahren seinen Höhepunkt erlebte.

Der Name Sodia ist auch heute aus der Szene nicht wegzudenken und du führst die Geschäfte bereits in der fünften Generation.
Genau, mein Bruder und ich sind die fünfte Generation und es gibt auch schon eine sechste Generation mit meinen Zwillingen Antonia und Franziska, die übrigens diese Namen von den Firmengründern Anton und Franz Sodia haben. Entscheidende Wendung in der Geschichte unseres Hauses waren die 60er-Jahre, als mein Großvater gesagt hat, seine Söhne müssen hinaus, um in anderen Teilen Österreichs Niederlassungen zu gründen. So wurde 1962 in Salzburg und dann 1970 in St. Pölten eine Niederlassung gegründet, das war dann eigentlich der Einstieg in den Handel. Mein Vater hat Ende der 60er-Jahre angefangen, in der Ausbildung der Jungjäger mitzuwirken. Das machen wir bis heute: Wir begleiten die Jungjäger in Salzburg zur Jagdprüfung, natürlich in Zusammenarbeit mit der Salzburger Jägerschaft.

Man hört Gerüchte, dass auch deine Kinder schon ein bisschen „in Ausbildung“ sind. Was sagst du dazu?
Ich muss zugeben: Franziska und Antonia werden schon vorbereitet (lacht). Es ist meiner Frau und mir ganz wichtig, dass wir die Kinder naturverbunden aufwachsen lassen – und dazu gehört natürlich auch das Wissen, welche Tiere denn eigentlich im Wald leben. Da lernen sie beispielsweise automatisch die Tierlaute spielerisch gleich mit.

Ist auch bei dir Expansion ein Thema – wie bei deinen Vorfahren? In den letzten Jahren seid ihr ja gründlich gewachsen…
Ja, wir haben mit den letzten Jahren eine relativ rasante Zeit hinter uns. Wir waren tatsächlich auf der Überholspur unterwegs. Innerhalb von sechs Monaten haben wir haben wir zwei Geschäfte dazubekommen - eines in Golling übernommen und eines in Mondsee neu eröffnet - das war ein Kraftakt. Rückblickend war es aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Zusätzlich hat meine Frau Nadine heuer im Jänner die Sodia Akademie gegründet – eine Art Privatschule zur Weiterbildung. Dort bringen wir den Leuten alles näher, was mit der Natur und der Jagd zu tun hat.

Wie hast du denn eigentlich deine Frau kennengelernt? Wie war Reinhard Sodia diesbezüglich auf der Jagd?
(Lacht) Das hat sich ergeben – meine Frau kommt eigentlich aus der Nähe von Dortmund, aber es hat sie damals beruflich nach Salzburg verschlagen. Sie ist eigentlich Architektin, hat sich aber immer schon für die Jagd interessiert. In Salzburg hat sie sich dann entschlossen, die Jagdprüfung zu machen. Und wie gesagt, ich bin da in der Ausbildung tätig – genau in einem dieser Kurse haben wir uns kennengelernt. Das Ergebnis ist bekannt.

Jagdausflüge sind ja generell bekannt für lustige Geschichten. Erzähle uns doch eine lustige Anekdote, eine, die man auch erzählen darf.
Tatsächlich etwas, das mir selbst passiert ist: Ich wollte auf die Jagd gehen und es war wieder einmal recht hektisch. Ich habe also alles zusammengepackt und ins Auto geworfen, den Hund hineingebracht und so weiter. Schon im Losfahren, aber auch später im Wald, hatte ich das unangenehme Gefühl, etwas vergessen zu haben. Erst als ich am Hochstand angekommen bin, habe ich festgestellt, dass ich gar kein Gewehr dabei hatte…
Es blieb an diesem Abend zwangsläufig beim bloßen Genießen der Natur.

Apropos Natur: Ich weiß, dass dir auch die respektvolle Entnahme und der Umgang mit der Natur sehr wichtig sind. Was kannst du unseren Lesern von deiner persönlichen Philosophie zur Jagd mitgeben?
Ich empfinde die Jagd in der heutigen Zeit als wichtiger denn je, wobei man den Leuten einfach nahebringen muss, dass es dabei nicht um reines Schießen geht. Das gehört natürlich dazu, es muss ein gesunder Wildbestand erhalten bleiben und diesen muss man regulieren, weil er sich in unseren Breiten nicht mehr selbst reguliert. Aber grundsätzlich ist das nur ein Bruchteil unserer Tätigkeit. Die Jagd, das ist aktiver Naturschutz, die Verbundenheit mit der Natur. Ich sehe den Jäger heute eigentlich als Anwalt des Wildes: Der Lebensraum des Wildes wird immer kleiner. Man muss einfach versuchen, ein Miteinander zu finden und den Lebensraum der Tiere zu erhalten, so gut es geht. Ich sehe da die Jäger in der Pflicht, für das Wild zu sprechen, um eben diese Lebensräume zu erhalten.

Für viele ist der Reiz der Jagd ja auch das gemeinsame Erleben…
Genau, das ist es – man erlebt die Natur sehr intensiv. Klar, das Erlegen gehört dazu, aber man muss dazu sagen: Wenn heute Wild entnommen wird, dann produzieren wir – das ist wissenschaftlich nachgewiesen – das beste und gesündeste Fleisch, das es gibt. Gerade in der heutigen Zeit der Massentierhaltung, der Diskussionen über Tiertransporte etc. – da kann es doch nur im Interesse eines jeden sein, Wildfleisch aus den heimischen Revieren zu haben. Noch mehr bio geht nicht!
Anmerkung der Redaktion: Auf www.sbg-jaegerschaft.at finden Sie unter der Rubrik „Wild“ verschiedenste Wildbret-Bezugsquellen.

Was machst du in deiner Freizeit, abseits der Verpflichtungen?
Mein Leben ist natürlich durch die familiäre Entwicklung geprägt – unsere Zwillinge und die Geschäfte lassen nicht sehr viel Platz für Hobbys, aber meine ganz große Leidenschaft ist und bleibt das jagdliche Kugelschießen und vor allem das Wurfscheibenschießen. Das mache ich gerne in jeder freien Minute, auch wenn es momentan etwas zu kurz kommt. Aber es ist nach wie vor meine große Leidenschaft.

Und im Urlaub? Was ist euer favorisiertes Reiseziel?
Wir sind auch hier sehr naturverbunden. Unseren letzten Urlaub haben wir im nordholländischen Dünenreservoir verbracht – das ist ein ganz großer Nationalpark mit 3.500 Hektar. Dort ist eine Dünenlandschaft, die sich in verschiedenen Formen präsentiert: Wald, Steppe, Sand… Da kann man sehen, wie sich die Natur im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat.

Noch einmal zurück zur Jagd: Es gibt ja die ganz Hartgesottenen, die beispielsweise Würste im „Mankei“-Schmalz braten und so. Gehörst du auch dazu?
Nein, wir sind, was den Speiseplan betrifft, grundsätzlich etwas gemäßigter. Was für uns jedoch sehr wichtig ist, ist die möglichst vollständige Verwertung eines Tiers. Das ist auch die Verbindung zur Sodia-Akademie…

Dann bitten wir doch deine Frau Nadine, uns dazu etwas zu erzählen!
Nadine: Man soll vom erlegten Wild möglichst alles verwerten. Beispielsweise bieten wir Kurse an – für Jäger, aber auch für Nichtjäger. Bei einem dieser Kurse geht es um das Nutzen von Wildtierfetten. Da kommt ganz viel altes Wissen zusammen, das mit den Jahren oft verloren geht: Mankerl-Schmalz zum Einreiben, Dachs-Schmalz gegen Rheuma etc. Wir bieten auch Kräuterwanderungen an, um Interessierte zu lehren, welche Kräuter sie am Wegesrand finden und was man damit machen kann. Die meisten Menschen wissen das heutzutage nicht mehr. Das ist eine der Aufgaben der Akademie, nämlich gerade der urbanisierten Bevölkerung Dinge beizubringen, die sie sonst nicht über die Natur lernen können.

Ein wichtiger Aspekt…
Nadine: In der Tat! Es heißt ja nicht umsonst, die Jagd sei die „grüne Matura“ – ich kann sie jedem empfehlen. Unsere Erfahrung über viele Jahre ist, dass Leute, die die Jagdprüfung gemacht haben, mit offenen Augen durch den Wald gehen, weil sie plötzlich die Zusammenhänge im Ökosystem Wald erkennen. Unsere Akademie bietet dann in weiterer Folge Kurse an – mit sehr hochkarätigen Vortragenden. Das wird wirklich hervorragend angenommen! Unser Ziel ist es auch, eine Plattform zu bieten für den Austausch zwischen Jäger und Nichtjäger.

Nadine, ihr fördert ja auch die Institution „RESPEKTIERE deine Grenzen“ – beispielsweise, was das Thema unangeleinte Hunde im Wald angeht. Da werden ja leider oft die Wildtiere in ihrem Lebensraum irritiert, gerade jetzt in der Winterzeit…
Nadine: Uns liegt „RESPEKTIERE deine Grenzen“ tatsächlich sehr am Herzen. Wir arbeiten mit dem Verein eng zusammen – um den Leuten näherzubringen, dass beispielsweise das Frühjahr die Kinderstube des Waldes ist. Die Kombination aus Jungtieren, die um diese Zeit geboren werden, und Menschen, die nach einem langen Winter hinausströmen und oft auch ihre Hunde frei laufen lassen – das ist ein Problem, dessen sich der Verein „RESPEKTIERE deine Grenzen“ angenommen hat. Man muss sich bewusst sein, welche Folgen das haben kann. Neben dem Frühjahr ist auch der Winter ein Thema, denn er ist die sogenannte „Notzeit“ – das bedeutet, dass der Körper des Wildes komplett zurückfährt. Die Herzschläge gehen zurück, das Wild ist auf Ruhe eingestellt und körperlich auch nicht in der Lage, große Fluchtstrecken zurückzulegen. Die Tiere können heute nicht mehr in die ursprünglichen Fütterungsstände zurückgehen so wie früher. Das heißt, man muss sie irgendwo in Einständen füttern – die sogenannte Winterfütterung. Wenn das funktionieren soll, brauchen sie Ruhe.

Es wird doch auch auf der Website der Jägerschaft gezeigt, wo diese Fütterungen sind, sodass man diese meiden kann.
Reinhold: Exakt. Denn es gibt wirklich nichts Schlimmeres, als wenn beispielsweise ein Skitourengeher bei der Abfahrt durch einen Fütterungsplatz fährt – das ist für das Wild eine Katastrophe und endet meistens in einem elenden Hungertod irgendwo in den Tiefschneemassen. Dessen sind sich viele Menschen gar nicht bewusst.

Infos

Die größten Irrtümer der Jagd
Der Hirsch ist der Vater des Rehs.
Falsch: Es handelt sich dabei um zwei ganz verschiedene Wildarten! Der Rehbock ist der Vater des Rehkitzes und die Mutter nennt man Ricke.
Ein Jagdhund ist ein Hund, der ständig dem Wild hinterherjagt.
Falsch: Ein Jagdhund ist der hochausgebildete Helfer eines Jägers, der durch seine Sinneswahrnehmungen wichtige Arbeit leistet. Ein großer Bereich der Jägerschaft beschäftigt sich mit dem Jagdhundewesen. Es ist ein langer Weg, einen Jagdhund bis zur Verbandsgebrauchsprüfung zu bringen.

Interessante Links
www.jagdfakten.at
www.respektieredeinegrenzen.at
www.sbg-jaegerschaft.at
www.sodia-akademie.at
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