INTO THE WILD

Es gibt nur noch wenige Plätze auf der Welt, die als unberührt und wild eingestuft werden können. Wenn aber ein Land diese Prädikate verdient, dann ist es Alaska. Und seine raue Natur lässt sich am besten in einem Camper erleben – ein Trip zu endlosen Wäldern, krachenden Gletschern, reißenden Flüssen, Elchen und Grizzlys.
Text & Fotos: Andreas Feichtenberger

Es ist Anfang September, als wir den Flieger in Richtung Anchorage nehmen. Fast 20 Stunden Reisezeit liegen vor uns, die wir aber gerne in Kauf nehmen, denn uns erwartet die wahrscheinlich aufregendste Tour unseres Lebens. Leider haben wir nur 2 Wochen Zeit und das ist – wie wir feststellen mussten – nicht annähernd genug, um Land und Leute kennenzulernen. Aber es reicht für einen ersten Eindruck und die Gewissheit, dass wir mit Sicherheit noch einmal Alaska bereisen werden müssen. Der Flughafen in Anchorage empfängt seine Gäste bereits mit ausgestopften Elchen und Grizzlys und gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was kommen mag. Die Stadt selbst ist eine Mischung aus modernen Hochhäusern und alten Gebäuden, mit nur wenigen Highlights, aber umgeben von weißen Bergen und viel Natur. Im Hotel sagt man uns, dass man auch in der Großstadt damit rechnen müsste, auf einen Elch oder einen Schwarzbären zu treffen, aber es ist uns leider nicht vergönnt. Da man nach einem Langstreckenflug den Camper erst nach 24 Stunden abholen darf, vertreiben wir uns die Zeit mit einem Einkaufsbummel in den zahlreichen Souvenirshops entlang der 4. und 5. Avenue.

Über den Wolken

Der nächste Tag begrüßt uns mit Wolken und Regen – eine Wetterlage, die in Alaska leider viel zu oft vorkommt. Auf unserer Fahrt Richtung Denali Nationalpark bleibt uns daher der Blick auf den mit fast 6.200 m höchsten Berg Nordamerikas, den Mount Denali (früher Mount McKinley), leider verwehrt und auch die Berge entlang der Straße hüllen sich in dichte Nebel. Es ist dennoch eine phantastische Fahrt und die weite Landschaft, die der beginnende Herbst bereits in bunte Farben tunkt, gibt uns bereits einen ersten Eindruck, wie überwältigend dieses Land ist. Wir haben uns dazu entschlossen, den Denali Nationalpark, das Highlight der Reise, bereits zu Beginn zu besuchen, da im September viele Campgrounds schließen und auch so manche Attraktion nicht mehr besucht werden kann. Zudem ist es durchaus möglich, dass im September bereits erste Schneefälle über das Land ziehen. Und tatsächlich war unser erster Stellplatz angezuckert. Der Freude tut der Umstand aber keinen Abbruch. Wir haben für den Nationalpark drei Tage eingeplant. Das hört sich zunächst viel an, doch es reicht nicht annähernd, um den Park zu erkunden. Die nächsten zwei Tage haben wir strahlenden Sonnenschein, der Schnee schmilzt dahin und wir können erstmals die Weite und das imposante Panorama Alaskas erleben. Selbst der Mount Denali gibt uns die Ehre und nachts dürfen wir zum ersten Mal Nordlichter sehen – zwar noch sehr schwach, aber das sollte sich im Laufe der Reise noch ändern. Einige Campgrounds liegen mitten im Nationalpark und sind so der ideale Ausgangspunkt für die zahlreichen Trails, die den Park durchziehen. Wer nicht mit einem Camper unterwegs ist, kann per Bus in den Denali Nationalpark fahren und dann die Gegend durchwandern. Aber Achtung: Mitte September ist es mit den Bustouren vorbei! Hier gibt es nebst einer farbenprächtigen Tundra, zahlreiche Seen zu erkunden und mit etwas Glück trifft man auf einen der Big Five Alaskas – Elche, Bären, Karibus, Wölfe oder Dallschafe. Auch dieses Mal haben wir aber kein Glück.

Unendliche Einsamkeit

Doch alle schönen Dinge gehen einmal vorbei und wir machen uns über den Denali Highway in Richtung Osten auf. Was sich nach gut ausgebauter Straße anhört, ist in Wahrheit eine 220 km lange Schotterstraße ohne jede Infrastruktur. Mitte September ist man als Tourist alleine auf der Route, lediglich einige Jäger sind zu dieser Zeit unterwegs, um Elche oder Bären zu schießen. Die abenteuerliche Fahrt wird belohnt mit grandiosen Ausblicken auf endlose Gebirgsketten und eine durch den Herbst angefeuerte Farbenpracht. Etwa in der Mitte der Strecke stößt man auf die MacLaren River Lodge, wo man ein wenig Zivilisation schnuppern und ein paar Souvenirs einkaufen darf. Und auch hier überrascht uns Schneefall und es ist durchaus spannend, das fast 8 m lange Wohnmobil über eine verschneite Schlamm- und Schotterpiste zu manövrieren. Zur Entspannung nutzen wir eine Schnee- und Regenpause für eine kurze Wanderung in der Hoffnung, dem einen oder anderen Bewohner dieser unwirtlichen Landschaft zu begegnen – leider gehen wir aber auch hier leer aus. Unser nächster Halt ist der Wrangell-St.-Elias-Nationalpark, der noch größer und wahrscheinlich noch wilder als der Denali Nationalpark sein dürfte. Hier finden sich zahlreiche Gletscher und das Herzstück ist ein gewaltiger und nach wie vor aktiver Vulkan. Wer diesen Nationalpark erkunden möchte, braucht Zeit, sehr viel Zeit. Die meisten Besucher steuern die verlassene Kupfermine in Kennicott an, die mit ihren verfallenen roten Häusern ein Relikt der guten alten Zeit darstellt. Das Shuttle, das die Besucher zu der Mine bringt, ist Mitte September leider nicht mehr im Dienst und uns fehlt die Zeit für den Fußmarsch. Zudem warnt uns der Ranger vor zahlreichen Schwarzbären, die am Weg gesichtet worden sind. Wir müssen uns daher mit einem nur kurzen Ausflug zufriedengeben und fahren so weit in den Park, wie es uns mit unserem Wohnmobil erlaubt ist.

Bär in Sicht

Weiter geht es Richtung Süden, in die Stadt Valdez, von wo aus wir die Fähre nach Whittier nehmen wollen. Auf der Fahrt hat man die Chance, Wale beobachten zu können und passiert einige der spektakulären Gletscher Alaskas. Doch bevor wir in die Stadt einfahren, machen wir einen Stopp bei der Solomon Gulch Hatchery, die eine künstliche Fischleiter für die Lachse bereithält. Von Juli bis Oktober, wenn die Fische zum Laichen zurückkehren, präsentiert sich hier ein beeindruckendes Naturschauspiel. Bären, Seelöwen, Weißkopfseeadler und Otter genießen hier das schwimmende Buffet. Grizzlys und Schwarzbären sind uns aber auch hier nicht vergönnt. Leider haben wir auch nicht bedacht, dass wir uns einen Platz auf der Fähre hätten reservieren sollen. Vor Ort werden wir abgewiesen und müssen unsere Reiseroute spontan abändern. Also geht es über den Landweg zurück Richtung Westen mit einem Abstecher auf den Matanuska Gletscher, den wir mit einem Guide überqueren dürfen. Ein spektakulärer Ausflug über Gletscherspalten, gefrorene Seen und in blau glänzende Eisspalten. Unser nächster Halt war Seward, eine sympathische kleine Stadt am Meer, die mit ihren alten Stelzenhäusern einen lieblichen Anblick und zahlreiche Touristenattraktionen bietet – von Whale Watching mit dem Kanu bis zum Bootsausflug zum Gletscher. Da September nicht die beste Walsaison in Alaska ist, entscheiden wir uns für die Gletschertour. Bei strahlendem Sonnenschein verlassen wir den Hafen in Richtung Kenai Fjords Nationalpark. Er ist geprägt vom riesigen Harding Icefield, der sich in Form von einigen Gletschern in alle Richtungen ergießt. Warme Kleidung nicht vergessen, es wird richtig kühl in der Nähe der Gletscher und die Boote nähern sich den Eisriesen ziemlich stark. Nach dem wirklich empfehlenswerten Ausflug haben wir nachts das Glück, die Lichter der Aurora am Himmel tanzen zu sehen. Ein perfekter Tag könnte man sagen. Unsere letzte Station vor der Rückkehr nach Anchorage ist die Stadt Homer, die uns das letzte und vielleicht beste Abenteuer der Reise bescheren sollte – ein Flug im Wasserflugzeug in den Katmai- Nationalpark zur Grizzly-Beobachtung. Voller Euphorie steuern wir die zahlreichen Holzhütten an, die die unterschiedlichsten Angebote für die Touristen anbieten – aber leider nur bis Anfang September. Also blieb uns nur noch eines: Wir besuchen den Salty Dawg Saloon und kaufen uns ein Bier zum Trost. Das extravagante Lokal ist in Homer bekannt wie ein bunter Hund, denn es ist vollgepflastert mit 1-Dollar-Scheinen, auf denen sich die Besucher verewigen können. Am Weg zurück nach Anchorage verbringen wir noch zwei Nächte auf wildromantischen Campgrounds in aller Ruhe und Einsamkeit, dürfen ein weiteres Mal Nordlichter sehen und ließen die Reise entspannt ausklingen. Und weil es der Zufall so will, machen wir bei einem Wanderweg Halt, auf dem wir am vorletzten Tag in Alaska doch noch einen Schwarzbären treffen dürfen. Grizzly- und Walsichtungen bleiben aus, aber die sehen wir bei unserem nächsten Besuch. Wie anfangs schon gesagt: Wir kommen wieder!