„Im Zirkuszelt geht eine Vision in Erfüllung“

Text: Doris Thallinger
Fotos: www.kaindl-hoenig.com, Anna-Maria Löffelberger

Von 7. Mai bis 22. Juni entführt das Salzburger Landestheater sein Publikum in die faszinierende Welt des Zirkus. Während der Sanierungsarbeiten des Stammhauses verzaubern vier Produktionen im nostalgischen Zirkuszelt am Messegelände. Wir haben während des Aufbaus Intendant Carl Philip von Maldeghem zum Interview in der Manege getroffen.

Herr von Maldeghem, was macht für Sie die Faszination des Theaters aus?
Theater ist ein Freiraum, in dem sich Menschen begegnen können und wir verschiedene Schicksale durchspielen können: Was sein könnte, wenn die Welt etwas anders wäre. Theater bietet auch eine Art Schutzraum, in dem man sich überlegen kann: Was wäre, wenn man einmal sein Leben hinter sich lassen würde, wenn man ganz anders agieren würde. Jeder von uns hat seine Biografie. Am Anfang hätten wir alle alles werden können. Irgendwann mussten wir entscheiden, was wir sein wollen. Dadurch verwenden wir – wenn man sagt, das Leben ist wie eine große Tastatur – nur zwei Oktaven. Im Theater kann man sich überlegen, wie es wäre, wenn das Leben auch die anderen Oktaven umfassen würde.

Apropos Biografie: Sie gelten als Spätberufener, was Bühne und Theater betrifft. Was gab den Ausschlag, nach dem Studium der Rechtswissenschaften auf Schauspiel umzusatteln?
Für mich hat das Theaterspielen – ein Stück weit übrigens auch der Zirkus – immer schon eine große Faszination ausgeübt. Schon als Kind habe ich mit meinen Cousins und Geschwistern auf dem Dachboden Theater gespielt. Auch auf meiner Schule, auf der Humanismus sehr großgeschrieben wurde, gab es die Tradition des Theaterspielens. Insofern war das Theater schon immer in meiner Biografie angelegt, aber zuerst habe ich einmal Jus studiert – und das mit großer Freude und Konzentration. Danach hatte ich den Wunsch, auch diese andere Möglichkeit des Theaters auszutesten.

Wie hat Sie Ihr Weg schließlich nach Salzburg geführt?
Mein erstes Jobangebot im Theater war die Position des Pressesprechers bei den Sommerfestspielen. Dort habe ich einen Sommer lang als Pressesprecher für Gerard Mortier gearbeitet. Es war ein toller Sommer und Gerard Mortier hat mir danach die Position seines persönlichen Referenten angeboten. So war ich drei Jahre als Pressesprecher und Referent des Intendanten in Salzburg. Davon profitiere ich bis heute: Erstens von der Prägung durch Mortier als Theaterpersönlichkeit, zweitens, weil Salzburg eine Kulturstadt ist, die ich seitdem gut kenne.

Sie konnten von Beginn an für ein Besucherplus und steigende Auslastung sorgen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Das Faszinierende an der Arbeit in Salzburg ist, dass man ein interessantes Opernprogramm machen kann und muss, dass es ein hochinteressiertes Schauspielpublikum gibt und dass wir ein Tanztheater-Programm machen: Das ist eine große Vielfalt an Aufgaben und wir haben von Anfang an mehr Produktionen gespielt, mehr Vorstellungen gegeben als zuvor. Damit sind wir natürlich ein Risiko eingegangen, aber wir haben diese Produktionen mit unserem eigenen, fest angestellten Ensemble geschaffen. Und es ist eine große Freude und macht den Erfolg aus, dass wir uns gemeinsam über mehrere Jahre künstlerisch und programmatisch entwickeln konnten. Theater ist immer Teamarbeit, eine soziale Kunst: Alleine kann ich weder als Darsteller noch als Regisseur erfolgreich sein.

Wie oft führen Sie selbst noch Regie?
Mir ist es wichtig, das Theater so zu führen, dass ich über die Entwicklungen in den einzelnen Sparten Bescheid weiß. Da ist es sehr produktiv, wenn man ein oder zwei Mal im Jahr eine eigene Produktion macht, weil man dann automatisch mit allen Mitarbeitern zu tun hat. Das ist mir sehr wichtig.

Was betrachten Sie selbst als Ihren größten Erfolg?
Das ist schwer zu sagen. Ein herausragendes Theater-Experiment war auf jeden Fall unser Abend „Dionysien“, bei dem wir zwei Schauspiele, ein Tanztheaterstück und eine Oper in der Felsenreitschule aufgeführt haben. Dieses Ineinanderfließen, das Ineinandergreifen aller Sparten war ein großer Moment. Ebenfalls ein großer Moment war, als ich mit gerade einmal 30 Jahren die Operninszenierung „Simon Boccanegra“ mit Claudio Abbado in Ferrara erarbeiten durfte, die live von Rai Uno übertragen wurde. Claudio Abbado war, neben Gerard Mortier und Peter Stein eine der drei Persönlichkeiten, die mich sehr geprägt haben. Damals war ich so im Glück, das zu erleben, dass ich gar nicht begriffen habe, was es bedeutet.

Was ist Ihre Vision für das Salzburger Landestheater?
Im Moment geht mit unseren Aufführungen hier im Zirkuszelt eine Vision in Erfüllung! Das Schöne ist, dass man hier auch auf mehreren Oktaven der Klaviatur unterwegs sein kann – das Nahziel ist nun, eine spektakuläre, faszinierende Serie in diesem Zelt zu spielen. Wir gehen out of the box, aus unserer Komfortzone und wollen das Thema Zirkus in vier Produktionen durchspielen.

Worauf konkret dürfen sich die Besucher freuen?
Die erste Premiere ist das Volksstück „Kasimir und Karoline“. Das Stück spielt eigentlich auf dem Oktoberfest, bei uns spielt es im Zirkuszelt. Das dominante Element der Inszenierung wird das „Wheel of Steel“ sein. So stellen wir das Oktoberfest über diese Art Fahrgeschäft, die ja zum Zirkus gehört, dar. Die Oper „Carmen“ spielt in unserem Fall nicht in den spanischen Bergen, bei den Schmugglern, sondern in einer Zirkus-Kompanie. Ohnehin perfekt in ein Zirkuszelt passt das Musical „Cabaret“ und auch das Musical „Peter Pan“ mit dem Jugendchor wird eine spektakuläre Angelegenheit, bei der hoch geflogen wird und das Publikum die Fantasie fliegen lassen kann.

Wo sehen Sie die Zukunft des Theaters? Wie kann man Menschen in unserer Zeit, im Zeitalter der Digitalisierung für Theater begeistern?
Es hat uns zwei Jahre lang eine Pandemie ereilt, die Digitalisierung beschäftigt uns seit 20 Jahren und trotzdem spüre ich, dass nach wie vor ein ungebrochenes Interesse des Publikums besteht, das Live-Erlebnis in einem Raum gemeinsam mit Darstellern zu erleben. Insofern glaube ich, dass das Theater, das unmittelbare Anwesendsein von Personen, die eine Geschichte erzählen, nach wie vor eine große Kraft hat und haben wird. Gleichzeitig ist im Theater nichts so stetig wie der Wandel und so müssen wir immer unsere Geschichten und Erzählweisen neu überprüfen. Sehr wichtig ist, dass wir nie elitär werden, nur für die Menschen, die uns ohnehin schon gut finden, arbeiten! Es soll keine Hemmschwelle geben, ins Theater zu kommen. Mein Anspruch ist, dass jemand, der viel über Theater weiß, sich in unseren Arbeiten erkennt, aber auch jede und jeder, der ohne Vorwissen zu uns kommt.

Interview mit Intendant Carl Philip von Maldeghem

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