„Ich fühle mich angekommen“
Seit dem Release seines Albums „Prudence“ am 26. September sieht man Tobias Pötzelsberger nicht nur pünktlich um 19.30 Uhr als Moderator der Zeit im Bild, sondern auch auf den Bühnen unseres Landes. Während der Bandproben im Salzburger Rockhouse nahm sich der Moderator, Musiker und Singer-Songwriter Zeit, um im Interview über seine Musik, das Vatersein, seinen liebsten Zeitvertreib und seine Energietankstellen zu sprechen und hat uns verraten, warum er optimistisch in die Zukunft blickt.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Barnabas Wilhelm, kaindl-hoenig.com, Wolfgang Lienbacher
Am 26.09. ist dein neues Album „Prudence“ erschienen. Kurz zusammengefasst: Was ist die Quintessenz?
Ich versuche beim Musikschreiben immer, eine Art Wohnzimmergefühl zu schaffen, sodass man sich geborgen, gewärmt, irgendwie daheim fühlt in der Musik. Dazu passen der relativ sanfte Gesang, die Akustikgitarren, das Klavier, das eher leise Schlagzeug. Das ist Wohnzimmeratmosphäre. Inhaltlich kann man es nicht auf einen Punkt festmachen, das älteste der Lieder ist acht oder neun Jahre alt. Das Album ist also im Laufe längerer Zeit entstanden, in der mich unterschiedliche Dinge beschäftigt haben. Aber musikalisch ist die Idee ganz klar: daheim ankommen.
Wie entsteht ein Song? Was ist zuerst da – der Text oder die Melodie?
Es läuft fast immer nach demselben Prinzip: Ich spiele jeden Tag Gitarre, und sei es nur für 15 Minuten auf der Akustikgitarre „Herumdudeln“. Dabei mache ich mir keinen großen Druck, weil ich weiß, manchmal kommt der Moment, an dem ich zufällig irgendwas greife, das sich für mich neu oder interessant anhört. Aus solchen Ideen entwickle ich dann über Tage, manchmal Wochen oder manchmal Jahre hinweg einen tatsächlichen Song. So passiert das in 95 % der Fälle.
Für das Album Prudence war es nun aber erstmals der Fall, dass ich mich hingesetzt und gesagt habe: Ich will, ich muss etwas Flotteres schreiben, etwas mit mehr Tempo. Und dann bin ich so lange am Wohnzimmertisch sitzen geblieben, bis ich zumindest eine Gitarren-Idee gehabt habe. Das war ein wenig Ringen mit mir selbst.
Wann hast du deinen ersten eigenen Song geschrieben?
Ich mache Musik seit ich 15, 16 Jahre alt bin. Damals habe ich aber nur als Gitarrist in einer Band gespielt. Ich habe Blues gespielt, Rock, Hip-Hop, alle möglichen Arten von Musik. Ich war in unterschiedlichen Bands, in denen andere Leute die Lieder geschrieben haben. Dadurch kommt man aber natürlich in Berührung mit diesem Thema. Als ich zu studieren begonnen habe, habe ich dann im stillen Kämmerlein versucht, selbst Lieder zu schreiben – und bin draufgekommen: Erstens funktioniert es und zweitens gibt es sogar Leute, die das interessant finden, zu meiner Überraschung. So hat alles begonnen.
Mein Musikgeschmack ist relativ gleichgeblieben, ich gehöre zu der Sorte Mensch, die immer wieder zu denselben Bands zurückkehrt. Meine Inspirationen waren schon immer Simon & Garfunkel, die Beatles, aber natürlich auch aktuellere Bands wie Death Cab for Cutie oder The Milk Carton Kids…
Persönlich habe ich mich ganz bestimmt verändert. Ich bin ein bisschen ruhiger geworden in dem Sinne, dass ich beruflich einige Ziele erreicht habe. Das setzt Kapazitäten frei für andere Dinge.
Ich bin natürlich immer noch ehrgeizig, aber zwischen 20 und 30 war ich sehr darauf fokussiert, mein Studium abzuschließen und im Beruf voranzukommen. Irgendwann wurde ich ein bisschen zufriedener und so auch ruhiger. Wirklich verändert hat mich die Geburt meines Sohnes. Wenn man lernt, dass man Verantwortung für jemand anderen hat, macht das viel aus.
In einem deiner neuen Songs, „Carry you“, geht es darum, ein guter Vater zu sein. Was ist dir in der Erziehung wichtig? Was möchtest du deinem Sohn mit auf den Weg geben?
Zugewandt zu sein, freundlich zu sein, offen zu sein für alles und jeden, das ist mir wichtig. Eigenschaften, die er nicht übernehmen soll, gäbe es auch einige, aber was er von mir übernehmen soll, wäre zum Beispiel, dass ich gerne ordentlich bin, ich bin gerne für andere da und ein sehr loyaler Mensch. Das sind die Werte, die ich weitergeben möchte.
Aber ich bin draufgekommen – Kinder kommen auf die Welt und sind schon ganz eigene Persönlichkeiten. Am Anfang denkt man noch, er wird sicher ein bisschen Ähnlichkeit mit mir haben, die hat er auch! Aber teilweise ist er auch ganz anders. Wie früh sich das zeigt, das habe ich total interessant gefunden.
Wenn man Nachrichten schaut, oder in deinem Fall moderiert, könnte man manchmal trübsinnig werden. Was gibt dir Hoffnung für die Zukunft? Und auch die Zukunft deines Sohnes?
Ich glaube an das Gute im Menschen, dass die Menschen gerne auf dieser Welt sind und ich glaube, sie wollen sie nicht zerstören und werden im Endeffekt doch alles dafür tun, dass es weitergeht. Ich bin doch sehr optimistisch und glaube an den Überlebenswillen der Menschheit.
Es ist sicherlich eine ernste Zeit, eine schwierigere Zeit als früher. Nur, der Blick zurück zeigt, dass es diese Zeiten immer wieder gab und dass es dann aber auch immer wieder besser geworden ist. Das ist ein optimistischer Gedanke. In den Nachrichten, gerade in der Politik, in der Außenpolitik, der globalen Politik, ist vieles auch Schattenboxen, das sich am nächsten Tag schon wieder überholt haben könnte. Also: Man darf nicht wegen einer Ausgabe der Zeit im Bild, die vielleicht einmal etwas pessimistisch ist, die Hoffnung fahren lassen – es wird auch wieder besser. Ich sehe keine Alternative, als optimistisch zu bleiben.
Den ZiB-Moderator und den Musiker verbindet sicher eine gewisse Zugewandtheit und Freundlichkeit. Ich versuche, auf Sendung immer zugewandt, menschlich zu sein. Das ist auch in der Musik ein Ziel, das ich verfolge und das man hoffentlich hören kann. Auch der Umgang mit der Sprache verbindet beides, sowie der Umgang mit der Stimme.
Ein Unterschied ist, dass Journalismus sehr kopflastig ist; die Musik spricht Bauch und Herz an. Ich mache Musik, ehrlich gesagt, aus sehr egoistischen Gründen, weil es mir sehr guttut. Die Kombination aus beidem ist sehr erfüllend.
Inwiefern beeinflusst deine Tätigkeit beim ORF deine Musik, deine Auftritte als Musiker nach außen hin?
Man traut sich, glaube ich, viel mehr, wenn man Fernseherfahrung hat, weil man eine gewisse Nervosität abgelegt hat, vor Menschen zu sprechen. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied: Beim Fernsehen spricht man in eine schwarze Scheibe. Wenn Leute im Saal sind, ist es etwas ganz anderes, echte Gesichter, echte Menschen. Es ist viel realer, näher und natürlich auch intimer. Bei der Musik geht es um die Dinge, die ich geschrieben habe, um mein Herzblut. Beim Fernsehen bin ich der Überbringer von Botschaften, die nicht ursächlich von mir stammen. Das ist ein großer Unterschied.
Würdest du dich selbst als „Rampensau“ bezeichnen?
Ja! Zeig mir einen Fernsehmoderator, der sagt, er ist nicht eine Spur eitel und steht nicht gerne im Rampenlicht – dann zeig ich dir einen Lügner. Das gehört natürlich dazu.
Man kennt dich immer souverän – was kann dich noch nervös machen? Wie kann man dich aus der Reserve locken?
Die Situation, in der wir hier gerade sind, macht mich vielleicht ein bisschen nervös, nämlich, dass wir Proben mit der Band haben und es bald mit den Konzerten losgeht. Dieses Hinwarten auf die Konzerte macht mich etwas nervös, weil ich nicht genau weiß: Klappt eh alles? Wird alles funktionieren? Wie wird es aufgenommen? Musikmachen macht einen ein bisschen verletzlicher. Weil man sich deutlich weiter öffnen muss als in meinem Brotberuf.
Und – was ich überhaupt nicht mag, ist das Gefühl, unvorbereitet zu sein. Ich hab immer einen Plan, bei allem, was ich mache. Wenn ich auf Urlaub fahre, dann denke ich an vier verschiedene Szenarien, die passieren könnten. Wenn ich aus dem Haus gehe und es ist zwar halbschön, aber bedeckt, drehe ich noch einmal um und packe zur Sicherheit die Regenjacke ein. Ich bin immer auf alle Eventualitäten vorbereitet.
In „Play it cool“ singst du übers Scheitern – was empfindest du bisher als dein größtes Scheitern?
Ein großes Scheitern habe ich zum Glück noch nicht erlebt. Ich bin zum Beispiel oft mit Interviews in der Arbeit unzufrieden, weil man in Millisekunden eine Entscheidung trifft und man sich im Nachhinein oft denkt, das hätte ich anders sagen können. Aber das ist kein großes Scheitern.
Die Fehlerkultur, also der Umgang mit Fehlern interessiert mich total. Jeder macht Fehler, es redet niemand gerne darüber, aber jeder macht welche. Wenn man sich offen und interessiert mit den eigenen Fehlern und auch den Fehlern der anderen auseinandersetzt, kann man irrsinnig viel daraus lernen. Das ist Lebensschule und ich finde es faszinierend. Ich habe auf dem Album deshalb einige Songs, die sich mit Fehlern und Scheitern beschäftigen.
Was macht ein Tobias Pötzelsberger, wenn er gerade nicht arbeitet oder Musik macht?
Dann verbringe ich hoffentlich viel Zeit mit meinem Sohn oder ich gehe Tennisspielen. Das sind meine zwei Lieblingsbeschäftigungen. Tennis ist sehr, sehr wichtig für mich geworden – ich spiele zwar erst seit vier Jahren, aber wahnsinnig intensiv, vier bis fünf Mal die Woche. Ich war schon immer sehr tennisinteressiert, in der Theorie war ich immer schon super! Nur in der Praxis funktioniert es noch nicht ganz so gut… Aber das verbindet zum Beispiel meinen guten Freund Manuel Rubey und mich, der ein sehr guter Schauspieler ist, aber am Tennisplatz natürlich auch ständig scheitert. Das finden wir beide recht lustig.
Meine Hauptenergietankstelle ist, zumindest im Sommer, der Mattsee. Meine Familie hat seit 45 Jahren ein kleines Fleckerl Wiese am Mattsee gepachtet. Das ist nichts Besonderes, eine Wiese, ein Tisch, eine Bank, aus. Dort fühle ich mich richtig daheim und kann mich total gut entspannen. Das Schöne ist, dass mein Sohn auch dort aufwächst und viel Zeit dort verbringt. Das ist, finde ich, ein schöner Gedanke, dass uns alle ein Ort so verbindet.
Das ist ein Beispiel. Ein anderes ist der Tennisplatz. Das Schöne am Tennis ist – wir sind ja solche Kopfmenschen und denken die ganze Zeit über etwas nach –, dass du dem Spiel so ausgeliefert bist. Es bindet so viele deiner geistigen Ressourcen, dass du an nichts anderes mehr denken kannst. Das löscht dir ein bisserl die Festplatte.
Wie viel Zeit verbringst du mittlerweile in Salzburg?
Meine Arbeit ist in Wien und wichtige Teile meiner Familie sind in Salzburg, insofern führe ich ein bisschen ein Nomadenleben. Das klingt schlimmer als es ist, dank der Zugverbindungen ist das kein großes Thema. Wenn ich es knapp time, bin ich in 2 Std. 40 Min. von Tür zu Tür.
Was bedeutet Salzburg für dich?
Daheim. Ich bin ein wenig opportunistisch, denn eigentlich bin ich ja Oberösterreicher, aber ganz knapp an der Grenze. Ich komme aus Lochen am See, drei Kilometer entfernt vom Mattsee. Wenn du in den See springst, bist du de facto ja schon in Salzburg. Ich war also immer Grenzgänger zwischen Oberösterreich und Salzburg. Ich verbringe viel Zeit in Salzburg und diese Gegend, also die Stadt Salzburg und das südliche Innviertel, wird immer mein Zuhause bleiben.
Was verbindet dich mit dem Rockhouse?
Das Rockhouse ist sicher eine Heimstatt, wir haben hier früher ganz, ganz oft geprobt. Ich glaube, nirgends haben wir öfter live gespielt als hier. Ich gehe hier seit 25 Jahren ein und aus, habe hier schon viele tolle Konzerte von anderen Bands erlebt. Das Rockhouse ist einfach die wichtigste Institution, was Popmusik betrifft.
Welche Ziele strebst du an?
Ich würde gerne gesund bleiben und ich hoffe, dass meine Liebsten auch alle gesund bleiben. Musikalisch geht es mir gar nicht so sehr um den Erfolg. Ich mache das einfach, weil ich es für mich brauche, weil ich die Leidenschaft habe und weil ich mich damit verwirklichen will. Die Musik tut mir sehr gut und ich hoffe, sie gefällt auch möglichst vielen. Aber ich setze mir keine Verkaufsziele oder Ähnliches. Das fände ich vermessen.
Und – Stichwort vermessen – beruflich ist es so: Die ZiB ist die größte Nachrichtensendung Österreichs. Viel mehr kann man sich nicht wünschen. Ich bin sehr happy dort, wo ich bin. Und weil ich noch mehr als 20 Jahre arbeiten muss, wird sich auch noch Anderes, Spannendes ergeben.