Interviews & Persönlichkeiten

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„Ich brauche die Reibung mit anderen Menschen“

Text: Doris Thallinger

Fotos: SVEN SERKIS, bgufler, Robert Workman, www.blowup-studio.cc, Jan Friese, Birgit Gufler, Vincent Mesnaritsch

In jungen Jahren hat er Salzburg verlassen, um seine Fühler auszustrecken – und ist am Burgtheater Wien gelandet. Heute ist Rudolf Frey erfolgreich als freischaffender Regisseur im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus tätig. Im Interview mit dem SALZBURGER spricht er über Visionen und Erfolge, über veraltete Hierarchien und Rollenbilder in der Kunst.

Vor kurzem erst wurden die Oscars verliehen. Beschäftigst du dich als Theater-Regisseur auch mit den Werken der Filmbranche? Verfolgst du die Oscar-Verleihung?
In diesem konkreten Jahr habe ich die Verleihung nur peripher mitbekommen. Früher war ich aber ein ganz großer Fan. Als Schüler bin ich teilweise bis in die Nacht aufgeblieben, um mir die Oscarverleihung anzuschauen. Zwar verfolge ich das Geschehen nach wie vor, jedoch sehe ich die Institution dieser Academy durchaus kritisch. Man kann nicht darüber hinwegsehen, dass die Perspektive auf die Filme geprägt ist von älteren, weißen Männern. Hier besteht sicherlich noch viel Bedarf an Veränderung und großes Potenzial.

Den Oscar für die beste Regie hat jedoch dieses Jahr eine Asiatin entgegengenommen – Chloé Zhao. Kennst du ihr Werk?
Ich habe den Film nicht gesehen. Aber mich freut es und ich finde es – ohne den Film zu kennen – bemerkenswert und sehe das als gutes Statement. Ihr Film handelt noch dazu von Menschen am Rande der Gesellschaft. Dieses Thema in so einem Format, in so großem Kino auf die Leinwand zu bringen, ist toll! Chloé Zhao ist eine spannende Persönlichkeit, die ja hauptsächlich in den USA arbeitet. In ihrem Heimatland China hat sie sich polit-kritisch geäußert – nun wird in China nicht einmal über ihren Film und den Oscar-Sieg berichtet.

Kannst du dir vorstellen, ins Filmgeschäft einzusteigen?
Ich schließe das für mich eigentlich aus. Ich liebe das Kino und Filme, aber habe ganz großen Respekt davor, dass das Filmgeschäft ein anderes Handwerk ist. Ich muss als Theaterregisseur viel wissen: Die Schauspielführung ist das eine, aber als Regisseur musst du alle Fäden zusammenführen, sowohl in den technischen als auch in den künstlerischen Bereichen. Dahingehend unterscheidet sich die Arbeit beim Film sehr, zum Beispiel bei Kameraschnitt oder Licht. Da zeigt sich für mich: Auch wenn ich vielleicht eine Vision habe von einem Thema oder davon, wie man etwas erzählt, fehlt mir dafür das Know-how. Es ist ein großer Unterschied, ob man eine Fantasie für die Bühne oder für einen Film entwickelt: Im Theater probst du ein Stück zwei Monate lang, um dann eine Szene jeden Abend neu entstehen zu lassen, in ihrer Wirkung auf die Zuschauer. Im Film geht es darum, an dem einen Drehtag und in dem einen Moment zu überzeugen. Im Theater geht es um Reproduzierbarkeit, die aber eigentlich nicht so wirkt und beim Film geht es um den Moment, der festgehalten wird. Das Theater ist immer flüchtig, immer vergänglich.

Worin besteht für dich die Faszination daran, als Regisseur künstlerisch tätig zu sein?
Ich fühle mich als Regisseur nicht als primärer Künstler. Ich bin auf eine erste Vision angewiesen, die Grundlage eines Stücks, eines Textes, einer Musik. Ich setze etwas Bestehendes für die Bühne um. Und das finde ich sehr spannend! Ich bin das Bindeglied zwischen dem, was am Papier steht und dem, was schließlich im Theater zu sehen ist. Du bist als Regisseur zwar auf eine gewisse Art der Kapitän des Schiffs, aber alleine kannst du rein gar nichts bewerkstelligen.

Aber man muss wissen, wo die Reise hingeht, man braucht die Vision, ein untrügliches Gefühl und ein ganz genaues Hinschauen über lange Zeit bei den Proben. Letztendlich muss man vor allem kommunizieren können: mit jedem, der an der Produktion beteiligt ist. Diese Basis hat auch viel mit Vertrauen und gegenseitiger Begeisterung zu tun. Ich brauche die Inspiration der Menschen, die mir begegnen und diese brauchen meine – im Idealfall. Das ist das Faszinierende: dieser Austausch und der Input auf allen Ebenen. Daraus entsteht dann im besten Fall eine tolle Aufführung.

Der Revisor an de Vereinigten Bühnen Bozen

Wie geht man damit um, als Kapitän des Bootes hauptsächlich im Hintergrund zu stehen?
Es ist ein wichtiger Prozess, den anderen am Ende der Probenzeit das Vertrauen zu schenken, dass sie die Inszenierung hinaustragen und mich nicht mehr dazu brauchen. Dann hab ich meine Arbeit richtig gemacht. Insofern geht es mir gut damit, nicht im Rampenlicht zu stehen. Es ist ein bisschen wie das Großziehen eines Kindes – in ganz komprimierter Form. Irgendwann ist das Kind erwachsen und man muss es loslassen.

Für dich war es schon in jungen Jahren klar, wo du beruflich hinwillst. Mit gut 20 Jahren warst du als Regieassistent am Burgtheater Wien engagiert. Wie war es für dich, mit den großen Namen der Theaterwelt zusammenzuarbeiten?
Für mich war es eine ganz tolle Zeit, eigentlich waren dies meine Ausbildungsjahre. Ich konnte viel lernen über Prozesse, wie Theater überhaupt entsteht. Und das auf diesem Level in so einem Haus, in dem natürlich aus dem Vollen geschöpft werden konnte. Ich habe versucht, alles aufzusaugen, in allen Bereichen so viel wie möglich mitzunehmen. Das war für mich toll und ich habe mitunter Basisbegegnungen gehabt, die sicherlich mein künstlerisches Leben sehr geprägt haben und weiter begleiten. Ich musste mich schließlich ganz bewusst vom Beckenrand abstoßen, um gänzlich losgelöst mein eigenes Ding zu machen. Ich habe mir immer gesagt: Ich habe hier eine gute Zeit – aber nicht zu lange bleiben und so schnell wie möglich rausfinden, wie und wo man funktioniert.

Seit 2007 bist du nun als freischaffender Regisseur tätig: Was war der größte Erfolg für dich?
2007 war meine letzte Assistenz und ich habe das große Glück, dass ich seitdem nur mehr eigene Projekte inszeniert habe – immer auf freiberuflicher Basis. Erfolg ist subjektiv. Ich bin sehr dankbar, dass ich bereits in mehreren Sparten arbeiten konnte. Ich komme aus dem Schauspiel, aber arbeite mittlerweile auch im Musiktheater, wie Oper, Operette und Musical. Das ist für mich ein Erfolg, dass ich früh zwischen diesen Genres wechseln konnte. Ich glaube, das tut mir persönlich sehr gut und ist ein großes Privileg.

Ein toller Schritt für mich war es auch, an der Staatsoper Stuttgart zu inszenieren, ebenso wie an der Welsh National Opera in Cardiff. Das sind tolle Erfahrungen. Allerdings zählt nicht nur die Größe des Hauses. Meine letzte Arbeit, bevor Corona hereingebrochen ist, war an den Vereinigten Bühnen Bozen in Südtirol: eine Romanbearbeitung von Joseph Roths „Radetzkymarsch“. Das war in meinem Herzen der größte Erfolg, weil ich gemerkt habe, ich bin – für mich – unglaublich weit gekommen, darin, wie ich mich ausdrücken kann.

Wie schätzt du Salzburg als Pflaster für (Theater-)Künstler ein?
Salzburg hat eine sehr gute Szene, aber natürlich ist Salzburg, trotz seiner großen Bedeutung für die Kultur, nicht so breit aufgestellt, wie es für mich notwendig war. Gerade, wenn man freiberuflich arbeiten will, muss man schnell seine Fühler ausstrecken. Für mich ist der gesamte deutschsprachige Raum interessant, im besten Fall auch darüber hinaus.

Hiob am Schauspielhaus Salzburg

Derzeit arbeitest du in Bern. Was ist deine nächste Inszenierung?
Das Stück heißt „Das weiße Dorf“ und ist ein Gegenwartsstück von Teresa Dopler. Das Besondere ist, wir proben zwar, aber wissen noch nicht, wann die Aufführung stattfinden kann, vielleicht im Frühsommer, vielleicht aber auch erst im nächsten Jahr.

Hat man als Regisseur auch ein Lieblingsstück?
Ich denke, das ist die schwierigste Frage. Im Idealfall (der nie erreicht wird) ist das Lieblingsstück immer das, an dem man gerade oder als nächstes arbeitet. Es ist oft die Gefahr, wenn man sein Leben lang beispielsweise „Hamlet“ inszenieren wollte: Sobald es dann soweit ist, ist man durch die eigenen Erwartungen so vorbelastet, dass man nicht mehr frei agieren kann. Aber doch, ich durfte schon wirkliche Herzensstücke inszenieren.

Was sind deine Ziele? Von welchen Bühnen träumst du noch?
Auch da ist die Antwort schwierig. Ein Haus, egal welchen Namen oder vermeintlichen Level es hat, ist für mich dann ideal, wenn ich mich mit Menschen, die ich künstlerisch spannend finde, auseinandersetzen darf. Das hat auch viel mit einem Ort zu tun, an dem man kreativ und inspiriert ist. Für mich ist die Vision eher die, diesen Ort, an dem man arbeiten kann, zu finden und im Idealfall sogar mitzugestalten. Das wäre für mich ein möglicher nächster Schritt, in den nächsten Jahren eine Position inne zu haben, in der ich inhaltlich auf Leitungsebene im größeren Bogen mitgestalten kann.

Du bist momentan in Wien und Berlin zuhause. Kommt vielleicht sogar eine Rückkehr nach Salzburg in Frage?
Ausschließen möchte ich gar nichts, aber ich sehe es im Moment nicht. Ich habe hier meine familiäre Anbindung, darum ist Salzburg immer eine Art Heimat für mich. Auch beruflich hat mich mein Weg immer wieder nach Salzburg geführt, aber ich merke, dass ich als Persönlichkeit und als Künstler den größeren Horizont und die größere Reibung von anderen Städten brauche und zu schätzen gelernt habe. Dort bin ich mittlerweile verankert – privat und beruflich.

Niemand am Schauspielhaus Salzburg

So manche Aktion der Kunstschaffenden sorgt derzeit für Aufruhr, sei es aktuell #allesdichtmachen oder vor einigen Wochen das gemeinschaftliche Outing von 185 (Film-)Schauspielern in Deutschland – Stichwort #actout. Wie ist die Situation homosexueller Künstler am Theater?
Ich finde es ein ganz wichtiges Thema und eine tolle Aktion der Kollegen und Kolleginnen, aber vielleicht ist es am Theater etwas anders. Ich denke, dieser Druck, den sie beschreiben – wenn ich mich oute, bin ich für gewisse Rollen tabu – ist im Theater geringer. Hier herrschen kleinere Barrieren, das Theater ist vielschichtiger, es geht weniger um die optimale Vermarktung.

Also herrscht in der Theaterszene mehr Toleranz vor?
Toleranz auf alle Fälle! Aber es geht auch darum, dass wir generell mit Kultur versuchen müssen, die Welt abzubilden, wie sie ist und wie sie uns beschäftigt. Da gibt es großen Nachholbedarf, weil es in vielen Filmen und mehr noch im Theater extrem an diesen Figuren fehlt. Wir bilden im Theater zu einem ganz großen Teil eine binäre, heterosexuelle Welt ab, wie sie draußen nicht mehr existiert. Wir müssen für unser – vor allem zukünftiges – Publikum Menschen finden, mit denen es sich assoziieren kann. Ich denke, wir müssen Geschichten zeigen und Figuren, die nicht einzuordnen sind in die klassischen Rollenbilder von Geschlechterbeziehung und Sexualität. Hier habe ich das Gefühl, wir sind manchmal privat moderner und diverser als das Material, womit wir uns für die Bühne beschäftigen.

Siehst du da einen Trend, eine Tendenz dahingehend, dass sich in naher Zukunft etwas ändert?
Absolut! Wir verlassen althergebrachte Hierarchien: männlich, patriarchal, weiß. Heterosexuell würde ich jetzt, was das Theater betrifft, hier nicht hinzufügen. Das ist schon ein gewisses Glück, dass man mit Homosexualität in diesem Beruf weniger Vorurteilen ausgesetzt ist als in vielen anderen Berufsfeldern. Aber das ist mir zu klein gedacht, weil es nicht nur um die eigene kleine Befindlichkeit geht. Indem sich die Strukturen verändern, können diese Dinge auch anders gedacht werden. So, dass uns im Endeffekt gar keine andere Chance bleibt, als etwas zu verändern. Im Kulturbetrieb müssten wir eigentlich die Vorreiter dieser Veränderung sein.