Interviews & Persönlichkeiten

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„Ich bin ein Brückenbauer!“

Text: Stephan Kaindl-Hönig

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Wolfgang Sperl ist seit Juni 2020 der neue Rektor der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) in Salzburg. Mit Herausgeber Stephan Kaindl-Hönig spricht er über seine neue Aufgabe, den Glauben und seine Lebensphilosophie.

Lieber Wolfgang, man kennt dich seit geraumer Zeit als Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin im Uniklinikum und wegen deiner diesbezüglichen Erfolge in den letzten 25 Jahren. Wie schwer ist es dir gefallen, diesen wesentlichen Lebensabschnitt für deine neue Aufgabe aufzugeben und was hat dich dazu motiviert?
Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für einen Übergang: Ich kann nächstes Jahr Ende Mai die Agenden des Kinderzentrums und der Kinderklinik an meinen Nachfolger übergeben. Es ist natürlich so, dass am Ende meiner Tätigkeit die Pension mit 65 Jahren vorgegeben ist. Für mich ist die Arbeit an der Universität ein Fortbestand von Dingen, die ich in den letzten 25 Jahren gemacht habe – nämlich Lehre und Forschung auch grundsätzlich zu betreiben. Was mir am meisten abgeht, sind ehrlich gesagt die Kinder: Ich vermisse die großen und kleineren Patienten, die Familien, aber auch die klinische Tätigkeit. Auf der anderen Seite habe ich aber jetzt einen Lebensabschnitt vor mir, von dem ich mir denke: Die Erfahrungen, die ich in der Kinderklinik mit Forschung und Lehre gemacht habe, bringe ich jetzt mit einem großen Herzblut in der PMU ein. Und ich bin ja nach Salzburg gekommen, weil ich eigentlich auch in einer Universitätsklinik arbeiten wollte. Ich kann jetzt auf einen Nachfolger hoffen, der Verantwortung übernimmt. Ich hatte in Holland einen Lehrer namens Professor Sengers, der mir ein Vorbild war. Er war zuerst Stoffwechselspezialist, dann Chef der Klinik und er hat mir immer vorgelebt, dass man Dinge abgeben muss, wenn man von einer Funktion in die nächste wechselt.

Also, es ist sozusagen Wehmut und Freude zugleich?
Ja, das kann man vielleicht so sagen.

Jetzt zu deiner bisherigen Tätigkeit: Ist es nicht auch gerade psychisch eine unglaubliche Belastung, wenn man mit Krankheiten, Leiden und Tod, gerade bei so jungem Leben, zu tun hat? Wie konntest du diese Belastungen ausgleichen?
Bei der Beschäftigung mit Kindern – vom Säugling bis hin zum Jugendlichen – kann man keine Routine entwickeln, wenn schwerste Krankheiten bis hin zu schwerem chronischem Leid oder auch Tod dazukommen. Und wenn ich so zurückschaue, merke ich: In den ganz schlimmen Momenten war es immer so ein „Mich-den-Problemen-stellen“ – den Leuten in die Augen schauen, mit dabei sein, mitleiden. Und das war schon sehr belastend, aber ich hatte zu Hause immer ein gewisses Maß an seelischem Ausgleich durch meine Familie. Und in den dunkelsten Stunden habe ich meine Hoffnung nie aufgegeben und auch ein Stück weit meinen persönlichen Glauben mit ins Spiel gebracht und zu mir gesagt: „Okay, ich verstehe die Situation jetzt nicht, aber ich bin auch nicht der, der das verstehen muss; weil es eben noch etwas oberhalb von mir gibt, wo ich auch schwerste Belastungen abgeben kann.“ Ich habe in schweren Situationen auch für Familien und Patienten gebetet und habe das sehr positiv erlebt. Also ich möchte nicht sagen, dass man quasi auf Zuruf den lieben Gott bitten kann, wie Krankheiten und Leid ausgehen sollen. Die allerletzten Verantwortungen, die trage nicht alleine ich als Klinikchef. Und gewisse Fragen wie „Warum trifft es genau ihn? Warum muss er sterben?“ – das sind Fragen, die ich nicht beantworten kann, weil ich mir nicht anmaße, zu urteilen. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann… Ich sehe mich eher als Diener und als Arbeiter in einem Gesundheitsfeld, aber nicht als den lieben Gott in Weiß.

In deinem Leben haben Kinder eine große Rolle gespielt, auch z. B. als Erzieher im Ferienhort am Wolfgangsee. Du hast einmal gesagt: „Werdet wie die Kinder, sie sind für mich in vielem Vorbilder.“ Schenke uns dazu bitte deine Gedanken!
Ich erlebe im Krankenhaus immer wieder: Bei einem Kind kann man ganz eindeutig nicht Theater spielen. Also, wenn man dem Kind gegenübersteht, dann muss man ganz man selbst sein und das Kind irgendwie wahrnehmen und es muss einen selbst auch wahrnehmen. Und diese Ehrlichkeit, das Vertrauen des Kindes oder mein „Es-ernst-nehmen“, auch wenn es schreit, macht die Beziehung zum Kind aus. Das Kind merkt, ich nehme es ernst. Das ist für mich etwas, was mir immer wieder gut getan hat. Deswegen habe ich auch diesen Beruf ausgewählt, weil ich gewusst habe, dass Kinder einen auf den Boden herunterholen: auf den Boden des Lebens, der Realität, auf der Beziehungsebene. Ich habe Kinder erlebt, die mich in ihrer Einfachheit und Schönheit berührt haben. Wenn man sagt „Werdet wie die Kinder“, dann geht’s ja darum, noch unbeeinflusst denken und glauben zu können wie ein Kind. Ich habe das oft erlebt, selbst bei einem Kind, das neugeboren ist: Wenn man den Säugling anschaut und ihn als Persönlichkeit schätzt und wahrnimmt, das ist einfach ein schönes Erlebnis.

Man sieht leider, dass die Versorgung mit Kinderfachärzten bzw. die Nachfolge sehr schwierig geworden ist – nicht zuletzt, weil die Verdienstmöglichkeit in dieser Patientengruppe durch wenig Zusatzeinnahmemöglichkeiten beschränkt ist. Welche Anreize kann man schaffen, dass die Versorgung unserer nächsten Generationen sichergestellt ist?
In diesem Segment geht es u. a. auch um die Honorierung. Beispielsweise ist der Mutter-Kind-Pass nie valorisiert worden – man bekommt seit mehreren Jahrzehnten (seit 1994) dasselbe Mutter-Kind-Pass Honorar. Ich habe den Eindruck, dass die Kinderfachärzte nicht unbedingt die größte Lobby haben. Wichtig ist natürlich auch, dass zusammen mit den Allgemeinmedizinern ein gutes Miteinander entstehen soll, auch in den Primärversorgungszentren. Man muss auch den Kinderärzten die Möglichkeit bieten, innovative Ordinationsgemeinschaften zu bilden. In jedem Fall würde ich meinen, muss man auch loskommen von einem Finanzierungssystem, wo das Geld bloß der Anzahl der Patienten folgt. Ich glaube schon, dass das viele Dinge sind, bei denen man jetzt in der Allgemeinmedizin umdenkt, also beim niedergelassenen Hausarzt. Aber der Kinderarzt ist eben auch in vielen Fällen ein Hausarzt, nicht nur Spezialist. Und ich denke, wenn man dieses Reformsystem auch bei den Kinderärzten parallel zu den Allgemeinmedizinern mit einbezieht, dann wird das eine Chance sein, mehr Kinderärzte ins Feld zu bekommen.

Aber ist da Licht in Sicht?
Ich hoffe! In Wien tut sich diesbezüglich gerade einiges, aber ich denke, es braucht an mehreren Stellen Reformen. In der Honorierung, aber auch in Sachen Miteinbeziehung in die Primärversorgungszentren.

Viele Kinderärzte müssen ja auch wirklich lange kämpfen, um einen Nachfolger zu finden…
Oh ja! Wir sind im Grunde genommen jetzt in einer ganz schlimmen Situation, weil die Arbeitszeitregelung in den Krankenhäusern dadurch ja auch mehr Ärzte bindet. Wenn wir jetzt ein gutgehendes Kinderzentrum haben, dann spricht es ja auch für das Team der Kinderklinik, dass die Leute gern im Zentrum arbeiten. Das ist auch notwendig, weil wir ja in der Arbeitszeitverkürzung jetzt nicht mehr 60 Stunden und darüber arbeiten, sondern sinnvoll begrenzte Arbeitszeiten haben und das natürlich auch mehr Kinderärzte bindet. An sich ein positiver Punkt, aber das bedeutet eben auch: Jetzt gehen weniger Kinderärzte in die Praxis raus.


Sind finanzielle Problemstellungen und Einsparungen in Korrelation mit Medizin nicht ethisch schwer zu verkraften?
Ist hier eine Verbesserung in Sicht?
Es ist grundsätzlich so, dass man eine individuelle Medizin hat und dass man natürlich immer im Einzelfall entscheiden muss. Aber wir haben zugegebenermaßen schon auch teure Medikamente, die bereits entstehen, neue Gentherapien, die sehr teuer sein können. Es gibt vieles, was auf unser Gesundheitssystem im Sinne der personalisierten Präzisionsmedizin zukommt. Wir kommen immer mehr zur Diagnostik, selbst von den seltensten Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen. Wenn wir dann die Diagnostik haben und auch eine Therapie, die unheimlich viel kostet, dann sollte natürlich die Gemeinschaft das stemmen. Im Vergleich zu den Zivilisationskrankheiten und der Versorgung von alten Menschen müsste man die Therapie bei Kindern auch finanzieren können. Da ist eine Schräglage, es geht unendlich viel Geld hinaus in die Therapie von Zivilisationskrankheiten z. B. – und naturgemäß konkurriert das dann auch mit den Summen, die beispielsweise notwendig wären, wenn Kinder am Beginn des Lebens eine angeborene Krankheit haben und seltene Therapien brauchen. Da braucht es eine Balance in der Finanzierung, aber natürlich auch in der Kontrolle der Therapiekosten. Es gibt viele Pharmafirmen, die innovative Medikamente über Jahrzehnte entwickelt haben und Investitionen wiederum hereinverdienen wollen – da bräuchte es eine europäische Regelung.

Das Miteinander von Universität und Uniklinikum liegt dir besonders am Herzen und ist auch sicher ein weiterer Baustein, um die PMU und den Medizinstandort Salzburg noch repräsentativer und erfolgreicher zu machen. Ist die Bereitschaft dafür auch da beziehungsweise kannst du hier deine jahrzehntelange Arbeit im Uniklinikum zum Brückenbau nutzen?
Das möchte ich ganz eindeutig mit „Ja“ beantworten! Ich bin ein Brückenbauer und habe das auch im Klinikum gezeigt mit Bauwerken. Ich denke, da ich auch ein Professor des Uniklinikums bin und war, kenne ich die Probleme seitens des Uniklinikums. Du musst dir vorstellen: Bei jedem Klinikchef, der ins Uniklinikum berufen wird, geht es auch darum, wie gut er in der Klinik, in der Forschung und in der Lehre ist. Das heißt, es gibt über die PMU ein Qualitätskriterium der Bestellungen. Diejenigen, die jetzt Oberärzte sind und die sich auch habilitieren und auch die neue Generation der sogenannten Alumni in der Lehre, ehemalige PMU Absolventen, die dann im Klinikum verbleiben – das sind alles Leute, die nicht nur die Krankenversorgung in einem hohen Niveau im Auge haben, sondern sich auch Fragen stellen wie: „Wie kann ich mein Wissen, meine Erfahrungen weitergeben? Wie kann ich Forschungsaspekte zum Patienten bringen? Wie bin ich international vernetzt?“ Da ergibt sich eindeutig ein Qualitäts- und Generationenwechsel. Und das sollte auch in der Bevölkerung von Stadt und Land Salzburg anerkannt werden, so wie es eigentlich schon in Österreich gesehen wird. Man schaut mit einem gewissen Respekt auf die PMU und aufs Uniklinikum. Mit einzelnen Leistungen sind wir auch international führend, das heißt wir sind mit der Fusion PMU und Uniklinikum eine echte Med-Uni, auch wenn sie privat ist und wenn noch vieles zu tun ist, aber wir sind eine vitale, private Einrichtung.

Bezüglich Universität: Es ist mehr oder weniger eine Haltungsfrage, ob wir staatlich oder privat sind. Es geht um den „echten universitären Spirit“! Da werden wir auch von den staatlichen Med-Unis, also von den Wienern, Grazern und Innsbruckern durchaus sehr ernst genommen und auch anders gesehen als manch andere private Einrichtungen im In- und Ausland, andere sogenannte „Medizinschulen“, die auch über die Lehre an den Medizinstudierenden Geld verdienen. Ich möchte diesen nicht unterstellen, dass sie sich nicht auch bemühen, eine gute Medizinausbildung zu ermöglichen. Als Privatuniversität ein Tertiärzentrum zu haben, so ein Uniklinikum, wie ich das weiterhin mitentwickeln möchte, das gibt es in Österreich kein zweites Mal. Und zuletzt noch: Wir haben die Wurzeln unserer Medizinischen Fakultät 1623 bei den Benediktinern, das heißt, wir standen in Salzburg immer schon in den Startlöchern für eine Universität. Entsprechend sind die Salzburger Landeskliniken auch besetzt worden: Man hat immer eine gewisse Vorbereitung für eine kommende Universität betrieben und deswegen ist es uns auch gelungen, dass wir diese Akkreditierung als Privatuni bekommen haben. Ich würde sagen, der Prozess ist seit 2003 weitergegangen und durchaus sehr erfolgreich.

Wie ist die Sicht von außen und außerhalb der Landesgrenzen auf die PMU und auf deren Absolventen, auch seitens der Partner Harvard, Yale und Mayo Medical School?
Anlässlich der Emeritierung von Herbert Resch gab es sehr anerkennende Grußworte von unseren internationalen Partnern und ich habe mich selbst mit Funktionären aus der Mayo-Klinik getroffen. Ich bin überzeugt, das waren tatsächlich nicht nur klassisch nette Worte an den Herbert Resch. Man erkennt klar, dass der Austausch mit unseren Studierenden in Harvard, in Yale, aber natürlich auch in der Mayo-Klinik wirklich geschätzt wird. Die Studierenden, die dort mit ihren Doktorarbeiten sind, werden gerne genommen. Sie werden begrüßt, gut begleitet und mit viel Lob versehen. Das ist über die Zeit konstant. Die Publikationen, die daraus entstehen, zeigen mir, dass es keine lästige Verpflichtung ist, unsere Studierenden zu nehmen. Für uns ist das ein Zeichen, dass wir die richtige Selektion bei den Studierenden treffen. Wir wählen aus nicht nur nach Noten, sondern nach verschiedenen anderen Kriterien. Unsere Alumni und unsere Studierenden sind wirklich eine gute Visitenkarte für die PMU. Was mich am meisten beeindruckt hat, ist der Zuspruch der Eltern der Medizinstudierenden, die am Anfang meiner Rektorzeit nicht zu mir gesagt haben: „Das hätten wir noch verbessern können“, „Das passt so nicht“, „Dort müssten wir noch mehr Lernräume schaffen und mehr Austauschmöglichkeiten geben“, sondern: „Unseren Kindern geht es gut“ und „Unsere Kinder sind begeistert“. Der Tenor war generell: „Mein Sohn oder meine Tochter studiert gern bei Ihnen.“ Das ist auch irgendwie so ein Pauschalurteil – aber eines, das mich sehr motiviert hat.

Nach deinem Verständnis reicht Energie weit über deine wissenschaftliche Arbeit mit den Kraftwerken der Zelle, den Mitochondrien, und deren Versorgung hinaus. Du teilst sie auf in körperliche Ebene und Energie aus Beziehungen. Wie sieht diese Verbindung aus?
Ich habe immer wieder – mit Patienten und auch selbst – die Erfahrung gemacht, dass es im Leben beides braucht. Das eine ist eine gesunde Ernährung, Luft, Bewegung… einfach das körperliche Wohlbefinden. Aber es gehört auch eine seelische Ausgeglichenheit dazu. Es gibt so etwas wie einen äußeren und einen inneren Menschen. Jetzt bin ich als Mitochondrien-Spezialist, als ATP-Spezialist oft zum Thema Energielosigkeit befragt worden – und dann komme ich oft drauf, dass Menschen in der falschen Richtung suchen: Sie forschen dazu oft nur im eigenen Körper. Dann kommt man aber in einer 180-Grad-Drehung auf der anderen Ebene drauf, dass ein Mangel herrscht am Sinn des Lebens, an den Beziehungsaspekten im Leben. Das ist eigentlich die Energie, die man bekommt, wenn man im Leben einen Sinn hat oder diesen sucht. Ganz schön ist, dass man einen Sinn in Dingen finden kann, in Gegenständen – aber man kann auch einen Sinn in Beziehungen finden, in Menschen. Ich bin durch meine Erfahrungen in der Kindermedizin überzeugt davon, dass alleine schon das konstante Liebhaben eines Säuglings in den ersten Lebenswochen zum Leben notwendig ist. Wir wissen aus den Studien der Nachkriegszeit, dass Kinder in Waisenheimen, die keine konstante Beziehung hatten – etwa durch eine konstante Pflegeperson bzw. Krankenschwester – krank werden und teilweise an Infektionen leiden oder sogar versterben. Das drückt für mich deutlich aus, dass die konstante Beziehung sehr wichtig ist, um eine passable menschliche Energie aufzunehmen. So gesehen bin ich als wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrgangs von „Early Life Care“ einer, der professionell zu vermitteln versucht, wie wichtig das Thema „Bindung und Beziehung beim Kind“ gerade zu Lebensbeginn ist.

Erkläre mir bitte das bio-psycho-sozio-spirituelle Konzept von Gesundheit.
Den Menschen muss man gesamtheitlich sehen und ich denke, dass es verschiedene Ebenen gibt. Da ist einmal der soziale Bereich: Wenn du keine Freunde hast und auch nicht eingebettet bist in gute soziale Beziehungen, dann ist es eindeutig so, dass du krank werden kannst. Du kannst sozial krank werden. Der Mensch ist ein Gemeinschaftsmensch. Dann gibt es die körperliche Ebene – die ist, denke ich, verständlich, das ist einfach Ernährung und Gesundheit. Psychische Gesundheit ist auch etwas, wo man sagt: „Okay, ich habe meine Gedanken klar. Ich kann schlafen und die Sinne sind in Ordnung, sie funktionieren mit meinem Körper.“ Dann kommt natürlich die darüber liegende Ebene, die Seele und der Geist, wo das Sinnorgan, das Gewissen angelegt ist – also das, was im Menschen ganz tief drinnen steckt. Ich bin überzeugt, dass es sich, wenn es hier eine Ausgewogenheit und einen Frieden gibt, auf die Psyche und auf den Körper auswirken kann. Andererseits wirkt sich eine innerliche Unruhe ebenfalls auf den Menschen aus. Daher ist es ganz wichtig, den Menschen in seiner Mehrdimensionalität wahrzunehmen. Das ist mir auch im Studierenden-Unterricht wichtig, dieses Modell der Mehrdimensionalität zu vermitteln. Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass jeder seinen Sinn genau dort oder da finden muss. Da ist jeder Mensch frei und kann das selbst entscheiden. Aber ich möchte vermitteln, dass der Mensch mehrdimensional ist und dass man das zu akzeptieren hat und dass man sein Gegenüber auch so wahrnehmen soll – das gilt bereits für die Anamnese. Da besteht die große Herausforderung des Medizinstudierenden und des Arztes darin, das Gegenüber genau so wahrzunehmen, wie man selbst auch ist. Es braucht u. U. eine gewisse menschliche Reife bzw. auch diese bio-psycho-sozio-spirituelle Selbstreifung als Arzt, damit man dem Patienten auf Augenhöhe begegnen kann. Daher sollte man die Spiritualität des Gegenübers respektieren, sie miteinbeziehen. Aber man soll sie natürlich auch als Geheimnis betrachten, da sie etwas sehr Privates ist.

Welche Beziehung spielt Gott in deinem Leben und in deinem Alltag?
Eine sehr reale, das heißt, ich habe eine Beziehung zu Gott, die mir wichtig ist. Ich schäme mich auch nicht, das so zu bekennen. Es ist so, wenn mir etwas gelingt oder ich irgendetwas erlebe – und über eine lange Zeit erlebe – dann schaue ich zurück auf diesen Weg und bin dankbar. Ich erlebe eine Kontinuität, ich lasse mich nicht durch irgendwelche aktuellen Höhen und Tiefen hinauswerfen, sondern ich bin einfach für diese Begleitung aus der Beziehung zu Gott dankbar und kann das auch im Gebet ausdrücken.

Du hast vorher gesagt, die Familie ist dein Rückzugsort. Was bedeutet dir Familie und Heimat? Wie hat es sich für dich angefühlt, von Linz über Tirol nach Puch bei Hallein zu kommen?
Ich habe in Salzburg meine Heimat gefunden. Das Zuhause ist dort, wo man nach einer Zeit wirklich seine Wurzeln hineinsenkt. Ich kann nicht sagen, dass „zu Hause“ dort ist, wo ich mal war – zu Hause ist, wo ich jetzt bin. Mein Baumeister hat einmal gesagt: „Schauen Sie, Herr Doktor, von Ihrem Dach sieht man auf die Stadt hinunter. Sie sind ein Tennengauer!“ Meine Familie und ich sind sehr glücklich, hier zu wohnen, weil wir eben die Kombination lieben: Berge im alpinen Raum und alle Möglichkeiten, weil wir doch sehr zen-tral wohnen. Ich denke, jeder, der in Salzburg wohnt, weiß, wie schön es hier ist. Wir befinden uns in einer begnadeten Gegend. Neben dem doch oft sehr intensiven Berufsleben sind meine Frau Inge und meine Tochter Alexandra ein wichtiger Rückhalt und Stütze. Meine Frau, die Inge, ist meine bessere Hälfte – das kann man eindeutig sagen. Wir ergänzen uns sehr gut und sie übernimmt die praktischen Dinge in Perfektion, wenn ich den Rücken frei haben muss.

Was möchtest du deinen Mitmenschen mitgeben?
Für mich ist es die folgende Herausforderung: Wenn ich Beziehungen annehme, muss ich wirklich ehrlich in den Beziehungen sein. Da möchte ich jeden herausfordern. Man sagt so schnell: „Du musst deinen Nächsten lieben“ – nur wie schaust du dich selbst an? Die Herausforderung ist, in Ausgewogenheit zu leben. Wirklich von dir wegzuschauen, zum Nächsten hin, aber dich selbst nicht zu vergessen. Um die Ausgewogenheit in Beziehungen nicht zu verlieren, ist es aber wichtig, neben sich selbst und dem anderen eine dritte Komponente, nämlich Gott, mit einzubinden.

Ich glaube, die Selbstreflexion ist ein wichtiger Prozess, den man nie abgeschlossen hat – zu versuchen, neben sich zu stehen und sich selbst zu beobachten und die Dinge zu hinterfragen. Auch, Toleranz zu haben, was heutzutage immer schwieriger ist; und dass man auch mal zurückstecken kann.
Genau das meine ich mit Selbstreflexion – dass ich mich so sehe, wie mich ein anderer sieht. Ich finde, du hast das ganz schön ausgedrückt. Wir sind nie an einem Ziel angelangt, wir sind auf einem Weg – das ist sehr wichtig. Denn dann gibt es ja wiederum die Vermessenheit des Menschen, der sagt: „Ich bin am Ziel und du noch nicht.“ Das funktioniert nicht!

Das beweist, dass derjenige, der das sagt, sicher nicht am Ziel ist…
Der Weisheit Anfang ist die Ehrfurcht. Das ist wie mit Albert Einstein, der auch bemerkt hat, dass es noch mehr im Universum gibt und der letztlich ein gottesfürchtiger Mensch war. Denn: Je mehr du weißt, umso mehr kommst du ins Staunen über das, was du nicht weißt – dass auch jemand mehr wissen kann als du. Also ein gewisses Relativieren deiner eigenen Position in diesem ganzen System ist wichtig.