Reportage & Wissen

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Helden unter Druck

Text: Susanne rosenberger

Fotos: marjan4782, Viacheslav Iakobchuk, Jelena - stock.adobe.com Expertenbilder: Privat

Was Männern heute zu schaffen macht

Pssst! Sprechverbot! Über männliche Sorgen, Krisen und Katastrophen wird immer noch ungern gesprochen. Doch sie existieren und gehören thematisiert! Woran krankt der Mann von heute? Welche zusätzliche Auswirkung hat die Pandemie auf die männliche Seele und wo kann man sich professionelle Hilfe holen?

Fünf Säulen gilt es im Leben in Balance zu halten: Gesundheit, Beziehungen, Persönlichkeit, Finanzen und Beruf. Stellt sich in einem dieser fünf Lebensbereiche kein ausreichender Erfolg ein, kann das tief am männlichen Ego kratzen. Hinzu kommt, dass Männer häufiger verdrängen und öfter die Flucht in Süchte, Arbeit oder Einsamkeit antreten. Diese männliche Gefühlsabwehr steht vielen im Weg und kann langfristig in eine veritable gesundheitliche Krise stürzen. Können Männer also nur zusammenbrechen unter der Last an Anforderungen, die auf ihre Schultern drückt?

Der deutsche Psychotherapeut und Autor Björn Süfke spricht in seinem Buch „Männer: Was es heute heißt, ein Mann zu sein“ (2018) über männliche Eigenheiten und Macken, männliches Leiden, männliche Täter- und Opferschaft von Gewalt, über Männerbilder, Vaterschaft, Gesundheit, Sexualität und die männliche Psyche im Allgemeinen. Als Männertherapeut gehört es seit 20 Jahren zu seinem Beruf, über Schwierigkeiten und Probleme von Männern zu sprechen, um passende Bewältigungsstrategien zu finden. In den Augen des Therapeuten herrscht immer noch ein öffentliches Denk- und Sprechverbot über männliches Leid, denn „Ein Mann hat keine Probleme!“.

In der Tat dauert es oft lange, bis Männer den Weg zu einer Männerberatung oder einem Therapeuten antreten. „Der Leidensdruck muss relativ hoch sein, aber ich werfe das den Männern nicht vor. Es kann ja eine gute Lösungsstrategie sein, sich zuerst einmal selbst helfen zu wollen“, meint dazu Eberhard Siegl, Geschäftsführer des Instituts für Männergesundheit in Salzburg und freiberuflicher Männercoach. „Wichtig ist, den Punkt zu erkennen, ab dem man sich eingestehen muss: Meine eigenen Ressourcen reichen nicht aus, ich brauche Hilfe.“

Männerbild reloaded
Softie, Super-Dad, Bad Guy, Überflieger – der Mann von heute gerät bei der Wahl der adäquaten Geschlechterrolle häufig ins Schleudern. Kein Wunder – denn wie macht man es als Mann richtig in einer Welt der übersteigerten Ansprüche? Eine starke Schulter gepaart mit einem fetten Bankkonto reicht oft nicht mehr aus. Gefordert wird Unmögliches: Der Mann soll sich nebst Vollzeiterwerb am Haushalt und der Kindererziehung beteiligen, und zwar zur Hälfte – damit man von Gleichberechtigung sprechen kann, er soll abends am Herd stehen und seiner berufstätigen Partnerin ein schmackhaftes Dinner zaubern und sie anschließend – allzeit bereit – mehrfach sexuell beglücken.

Das männliche Selbstverständnis ist zurecht irritiert. Als Meister der Verdrängung, die sich aus Angst vor den eigenen Gefühlen in die Arbeit, Einsamkeit oder schlimmstenfalls in Alkohol und Süchte flüchten, versuchen die Exemplare des starken Geschlechts alleine mit ihren Sorgen klarzukommen. Dabei gibt es in unserem Land professionelle Hilfe für die Probleme der Männer – sei es finanzieller, psychischer, gesundheitlicher oder familien- bzw. beziehungstechnischer Natur.

Eine solche Beratungsstelle ist das Männerbüro in Salzburg und Hallein. „Männer kommen zu uns mit einer Vielzahl an Problemstellungen. Das Spektrum spannt sich von psychischen und/oder existenziellen Problemen, Erziehung, Beziehungsproblemen über Obsorge, Trennung und Scheidung. Auch Rechtsberatung wird oft in Anspruch genommen, wir bieten psychotherapeutische Beratung, aber auch Unterstützung durch Sozialarbeiter an“, fasst der Leiter Martin Rachlinger das Tätigkeitsfeld seines Teams zusammen. Im Männerbüro wird Burschen und jungen Männern empfohlen, eine breite Palette an Männerbildern wahrzunehmen, da es schließlich nicht die eine typische Männerrolle gibt. „Männliche Vorbilder, die auch Verletzlichkeit und Fehleranfälligkeit zeigen, sind hier sicher eine große Hilfe“, ist der Psychologe Thomas Kraft überzeugt.

Risse im Fundament
Der Autor Björn Süfke diagnostiziert unserer Gesellschaft gar eine „Krise der Männlichkeit“. Im Zerfall befindet sich jenes traditionelle Männerbild, das mit Schlagwörtern wie „Ernährer“, „Beschützer“, „Härte“, „Rationalität“ oder „Dominanz“ beschrieben werden kann – und das ist auch gut so! Indem die traditionelle Männlichkeit bröckelt, ergeben sich nämlich neue Möglichkeiten und Chancen, aber auch Verunsicherung und Herausforderungen, denen Männer in der heutigen Umbruchsituation begegnen.

Süfke besteht auf eine zentrale Differenzierung des männlichen Leids in „Männer-Krisen“ und „Männer-Katastrophen“. Während Krisen zeitlich begrenzt sind und sich durch akute Geschehnisse (wie Scheidung, Doppelbelastung oder Krankheit) zuspitzen, sind Katastrophen (wie Gewalt, Sucht, Einsamkeit) Folgen des jahrhundertelangen Wirkens der traditionellen Männlichkeit. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal liegt darin, dass die Krise die Chance auf eine relativ rasche und effektive Bewältigung birgt, bestenfalls eine positive Veränderung mit sich bringt. Wenn eine individuelle Krise jedoch nicht zur persönlichen Weiterentwicklung genutzt wird, kann sie schlimmstenfalls in Selbstmord, Familiendramen oder radikalen Ideologien enden.

Mutige Männer zeigen Emotionen
Leistung, Erfolg und Konkurrenz gehören immer noch zu den typischen Themen in der männlichen Kommunikation. Individuelle Bedürfnisse und Gefühle werden hingegen seltener angesprochen. Männern wurde nämlich oft bereits in der Kindheit und Jugend der Zugang zu den eigenen Gefühlen erschwert. Auf die Fragen „Wie geht es dir?“, „Worunter leidest du?“ oder „Wovor hast du Angst?“ fühlen sich viele Männer maßlos überfordert. Doch ohne Gefühlswahrnehmung können keine Bedürfnisse befriedigt und Sehnsüchte erfüllt werden – davon hängt jedoch in weiterer Folge unser psychisches und körperliches Wohlergehen ab. Wenn Männer eine innere Leere und Lustlosigkeit verspüren, nur noch funktionieren im Job und im familiären Umfeld, landen sie schnell in der Depression.

Im Beratungsteam des Männerbüros Salzburg stehen Psychologen wie Thomas Kraft ihren männlichen Klienten mit guten Ratschlägen zur Seite: „Um sich seiner Emotionen und Gefühle bewusst zu werden, raten wir unseren Klienten oft, ein Tagebuch zu führen, um so reflektierter über sein Verhalten nachdenken zu können.“

Gesundheitskompetenz stärken
Das Institut für Männergesundheit sieht die Gesundheitskompetenz der Klienten als zentrales Thema, um die Lebensqualität der Männer während ihres gesamten Lebens zu erhalten oder zu verbessern. „An uns wenden sich Männer, die aufgrund ihres ungesunden Lebensstils ein körperliches und auch psychisches Unwohlsein erleiden. Sie bewegen sich zu wenig, sie ernähren sich einseitig und sie sind unzufrieden“, klärt Geschäftsführer Eberhard Siegl über die Hauptanliegen auf, mit denen Männer seine Beratungsstelle aufsuchen.

Die männliche Affinität zu Süchten wie Alkohol oder Drogen und die erhöhte Gewaltbereitschaft gehören hier ebenso erwähnt wie die hohe Suizidrate, die dreimal so hoch angesiedelt ist wie bei Frauen. In Österreich sterben Männer knapp fünf Jahre früher als Frauen. Ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, an Lungen- oder Darmkrebs zu erkranken oder an einem Unfall zu sterben, ist Frauen gegenüber erhöht. Gründe dafür sind biologische und soziale Faktoren, vor allem jedoch der Lebenswandel. Der Mann lebt insgesamt riskanter, indem er mehr Alkohol trinkt und mehr Zigaretten raucht als die Frau, sich ungesünder ernährt und seltener zu Vorsorgeuntersuchungen geht. Wie gut, wenn einem eine fürsorgliche Partnerin zur Seite steht: Verheiratete Männer leben nämlich im Durchschnitt länger als bindungsunwillige Geschlechtsgenossen.

Pandemie verstärkt Männersorgen
Existenzängste, Stress und Gewalt nehmen seit der Pandemie bei Männern spürbar zu. Seit Beginn der Krise kann das Männerbüro Salzburg gar eine Verdoppelung der Klientenzahl auf rund 1.400 Beratungen im Jahr verzeichnen. Vor allem im zweiten Halbjahr 2020 haben sich die Beratungszahlen stark erhöht, während sie sich derzeit wieder auf hohem Niveau stabilisieren. Was Männer tun können, wenn sie in einer Krisensituation unter Druck geraten, darüber informieren die Dachorganisationen für Jungen-, Männer- und Väterarbeit in Österreich, Deutschland und der Schweiz in einem Präventionsbeitrag, den man auf der Homepage des Männerbüros Salzburg downloaden kann. Es ist normal, wenn man sich in Zeiten einer Krise ohnmächtig, isoliert oder verunsichert fühlt. Doch es steht jeder selbst in der Verantwortung, wie man mit Überforderung und Wut umgeht. Gewalt ist keine Lösung!

„Wichtig ist vor allem, Möglichkeiten zu suchen, um über seine Herausforderungen sprechen zu können und in diesen Gesprächen individuelle, längerfristige Lösungsstrategien zu entwickeln“, ist Martin Rachlinger vom Männerbüro überzeugt. „Kurzfristig empfehlen wir, aus belastenden Situationen herauszugehen, eine Runde spazieren zu gehen, um runterzukommen. Aber auch Sport oder kreative Tätigkeiten helfen, einen Ausgleich zu finden.“

Zerreißprobe für Väter
Die neuen Väter werden heutzutage nicht mehr reduziert auf die Rolle des Erzeugers und Versorgers. Engagierte Väter wechseln Windeln, flechten Zöpfe, schneiden Fingernägel, basteln Geburtstagsgirlanden und schmieren Pausenbrote. Sie zeigen Gefühle, Verletzlichkeit, Engagement und Mut – und stärken damit die Vater-Kind-Beziehung. Anstatt von exklusiver „quality time“ verbringen engagierte Papas anstrengende Alltagszeit mit ihren Kindern – inklusive ganz alltäglicher Tobsuchtsanfälle, Schmiergelagen und nervtötender rund um die Uhr Lärmbelästigung.

Auffällig ist, dass es aufgrund der Pandemie wieder eine Rückentwicklung bei den Geschlechterrollen gibt. „Die Frauen übernehmen auch dann wieder viel mehr Hausarbeit, wenn beide Partner zu Hause sind. Die Männer arbeiten hingegen wieder viel mehr und fühlen sich für das Haushaltsgeschehen nicht mehr so zuständig“, erzählt Eberhard Siegl von seiner Sichtweise auf die pandemiebedingt veränderte familiäre Situation. Partnerschaft und Elternschaft müssen sich unter diesen geänderten Rahmenbedingungen wieder neu gestalten.

Als zeitlich verzögerte Reaktion auf die Corona-Pandemie wird mit einer Trennungs- und Scheidungswelle gerechnet. Geschlossene Schulen und Homeoffice zwingen ganze Familien dazu, wochenlang auf beengtem Raum zusammenzuleben, was eine extreme Belastung für alle darstellt. Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit gefährden viele auch in ihrer Existenz. Mit dem Bruch einer Beziehung bricht aber auch eine ganze Familie entzwei – Themen wie Alimente, geteiltes Sorgerecht, Obsorge stehen plötzlich im Raum.

„Wir unterstützen Männer durch Rechtsberatung, wobei wir in unseren Beratungen immer das Gesamtsystem Familie bzw. Eltern/Kinder im Blick haben, um auch bei Trennung und Scheidung ein möglichst einvernehmliches Miteinander zu gewährleisten“, erläutert Martin Rachlinger vom Männerbüro im Gespräch mit dem SALZBURGER. „Durch begleitete Besuchskontakte – wie beim „Kinderkarussell“ – wird Kindern die Möglichkeit geboten, auch in belasteten Situationen den Kontakt zu beiden Elternteilen aufrecht zu halten.“

Das Privileg, ein Mann zu sein
Bei all den angesprochenen kleineren und größeren Sorgen, Krisen und Katastrophen, die unsere männlichen Alltagshelden erschüttern können, darf jedoch eines nicht vergessen werden: Es ist auch ein Privileg, ein Mann zu sein! Männer verdienen deutlich mehr als Frauen, haben vielerorts Führungspositionen inne, werden bei Vorstellungsgesprächen häufig bevorzugt. Männer müssen ihre Namen nicht ändern, wenn sie heiraten. Wenn ein Mann nicht heiratet, ist das auch völlig in Ordnung. Ist ein Mann ein guter Vater, wird er von allen Seiten gelobt – bei einer Frau wird es ohne Lob vorausgesetzt, eine gute Mutter zu sein.

Liebe Männer, Krisen sind unvermeidbar, ein krisenloses (Männer-)Leben unvorstellbar – worüber sollte man sich denn abends bei einem Bier unterhalten? Offene und vertrauensvolle Gespräche sind bei Problemen sowieso das Gebot der Stunde, egal ob mit dem besten Freund, dem Therapeuten des Vertrauens oder der Partnerin. Das Sprechverbot ist hiermit aufgehoben!