„Es ist ein Seelenauftrag“

Text: Doris Thallinger
Fotos: Jan Kohlrusch, Parov Stelar, Christine Miess

Parov Stelar

Geboren am 27. November 1974 in Linz, wächst Marcus Füreder im Mühlviertel auf. Schon während seines Studiums an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz kommt er mehr und mehr mit elektronischer Musik in Kontakt und kann bald erste Erfolge als DJ verbuchen. 2003 gründet er sein eigenes Label Etage Noir. Bald darauf gelingt ihm als Parov Stelar der internationale Durchbruch, er wird als „Erfinder des Electro Swing“ gefeiert. Nicht nur seine Musik beschert ihm Erfolge, in Zeiten von Corona widmet Marcus Füreder sich wieder verstärkt der Malerei und bannt innerhalb von zwei Jahren rund 100 Kunstwerke auf Leinwand, die er 2021 erstmals in Linz ausstellt. Im Herbst 2022 folgt eine weitere Ausstellung im oberösterreichischen Schloss Parz, darüber hinaus zeigt ab September 2022 eine permanente Ausstellung im Technischen Museum Wien den Künstler Parov Stelar nicht nur als Musikproduzenten, sondern auch seine Werke als Maler und Bildhauer.

Parov Stelars aktuelles Album „Moonlight Love Affair“ erscheint am 29. April 2022.

Als DJ und Musikproduzent hat er es zum Weltstar gebracht. Seine Musik bringt Massen zum Beben und füllt Konzerthallen. Endlich – nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause – steht Parov Stelar wieder auf der Bühne. Im Interview macht Marcus Füreder (so sein bürgerlicher Name) Lust auf sein neues Album, plaudert über Erfolge sowie schwierige Phasen und gewährt Einblicke in seine Künstlerseele.

In den vergangenen zwei Jahren bist du so gut wie nicht auf der Bühne gestanden – jetzt stehst du am Beginn deiner Tour 2022. Wie fühlst du dich dabei?
Es ist ein bisschen wie das Aufwachen aus dem künstlerischen Koma. Man ist wieder mit der Realität konfrontiert. Das ist ein verdammt gutes Gefühl.

Worauf dürfen wir uns freuen, was sind die Highlights?
Wir haben die vergangenen zwei Jahre genützt, um etwas Neues auf die Bühne zu bringen. Die Show hat sich verändert und ist upgedatet worden, sowohl das Repertoire als auch das, was sich auf der Bühne abspielt. Und, vor allem: Wir haben heuer ungewöhnlich viele Österreich Auftritte, was mir persönlich total taugt. Wir haben zwei Auftritte in Wien, sind am 25. Juni auf der Burg Hochosterwitz und am 30. Juli auf der Burg Clam. In den letzten Jahren hatten wir teilweise nur einen Auftritt in Österreich – diese Heimatauftritte sind sehr speziell für mich.

Welche Station der Tour ist außerdem für dich besonders wichtig?
Abgesehen von den Heimspielen ist das Zénith in Paris eine ganz wichtige Station für mich. Frankreich ist nicht nur ein wichtiger Markt für uns, auch die Fangemeinde dort ist besonders. Die Franzosen haben so viel natürliches Selbstvertrauen, denen ist das egal, ob es gut ausschaut, wenn sie tanzen, die springen einfach! Das ist natürlich, wenn du auf der Bühne stehst, ein Energieschub Ende nie. Auch auf das Palais 12 in Brüssel freue ich mich sehr. Belgien ist für uns ein relativ junger Markt, da hatten wir vor vier Jahren einen Aufschlag und seitdem läuft‘s dort wirklich toll. Die sind noch frisch!

In welchem Land hattest du den ersten großen Erfolg?
Eigentlich war das Italien, aber da war ich noch als DJ unterwegs, da habe ich noch gar nicht mit der Band gespielt. Mit der Band Parov Stelar ist es eigentlich in Griechenland so richtig losgegangen.

Wann ist man dann auch in Österreich darauf gekommen, welchen Top-Künstler man im eigenen Land hat?
Ich werde eine diplomatische Antwort geben: Von den Leuten, von den Fans war es immer okay, von der Medienlandschaft her war es ein bisschen eigenartig. Ich hab mir viele Gedanken darüber gemacht, warum das so ist. Vielleicht war es der Name Parov Stelar, der vielleicht nicht greifbar war. Ich habe zum Beispiel einmal eine Anfrage aus Österreich bekommen – auf Russisch. Das erste Konzert in der Marx Halle, das ausverkauft war, war ein kleiner Meilenstein. Da hab ich gemerkt, jetzt sind wir angekommen. Und spätestens, als die Stadthalle ausverkauft war, hab ich mir gedacht, okay, jetzt wissen sie, dass ich mit Mühlviertler Dialekt rede.

Am 29. April erscheint dein neues Album „Moonlight Love Affair“. Was erwartet uns darauf?
Es ist so schwierig, über Musik zu reden. Was mir wichtig war: Ich wollte wieder in verschiedene Richtungen gehen. Ich will mich nicht auf irgendwas festnageln lassen.

Hast du dich darauf wieder ein Stück weit neu erfunden?
Ich weiß es nicht, das müsst ihr dann entscheiden, aber für mich fühlen sich gewisse Songstrukturen neu an. Ich habe auch mit neuen Sounds experimentiert, habe natürlich auch Electro Swing, viele Samples darin. Es ist eine Geschichte und jede Geschichte, die verschiedene Handlungsstränge hat, hat natürlich auch verschiedene Ansätze in ihrer Ästhetik. Du wirst von Blues-Einflüssen bis zu leicht poppigen Einflüssen alles finden. Die Schwierigkeit ist, dass du dich veränderst, du nicht langweilig wirst, aber dabei deine Handschrift beibehältst.

Was ist die Geschichte, die du mit diesem Album erzählst?
Das ist wie immer eine sehr persönliche Geschichte. Im Endeffekt ist ein Album in meinem Genre immer ein sehr autobiografischer Ansatz von dem Zeitraum, in dem es entstanden ist. So wie es dir gegangen ist, so wird wahrscheinlich das Album klingen. Und nachdem nicht jeder Tag gleich ist, sind es verschiedene Lieder.

Wie viel gibt deine Musik von dir als Mensch, persönlich, preis?
Manchmal mehr, als mir selbst lieb ist. Das merkst du, wenn du spürst, dass sich Leute in Form von Kommentaren mit deiner Musik auseinandersetzen – sowohl im Positiven wie auch im Negativen. Da merkst du erst, wie angreifbar du bist. Wir sind kleine Kinder, gerade wir Künstler, die ja sensibel sind. Wenn einer sagt, das letzte hat mir besser gefallen, und zehn sagen davor, es ist großartig, musst du aufpassen, dass dir nicht nur der eine ans Herz geht. Daran merke ich immer wieder, dass das, was ich mache, sehr wohl ein Seelenstriptease ist. Wobei ich sagen muss, ich finde es in der Malerei sogar noch extremer als in der Musik. In der Musik ist da trotzdem immer noch ein Schutzwall mehr, ich glaube, das hängt damit zusammen, dass Musik reproduzierbar ist. Bei der Malerei ist genau das eine Bild das Endprodukt. Darin ist meine DNA verewigt! Wenn jemand ganz genau schaut, hab ich das Gefühl: Jetzt sieht er mich!

Selbstportrait

Also ist man auch nach so vielen Jahren in der Öffentlichkeit nicht abgebrüht…
Ich glaube, wenn du das bist, solltest du aufhören. Das ist dasselbe wie mit dem Lampenfieber. Ich werde immer wieder gefragt, ob ich noch aufgeregt bin. Ja, bin ich! Mir ist es wichtig, was da passiert. Ab dem Zeitpunkt, an dem du seinen Wert entziehst, hast du keine Angst mehr. Was dir egal ist, ist nichts wert. Dann wirst du auch die Energie nicht mehr transportieren können.

Woher nimmst du deine Ideen, deine Inspiration, was ist deine Muse – sowohl für deine Musik als auch deine Bilder?
Ich weiß gar nicht, ob es eine Inspiration ist, es ist ein Müssen. Das ist einfach da, etwas, das ich sichtbar, hörbar machen möchte. Es ist wie ein Auftrag, es ist ein Seelenauftrag.

Hast du manchmal die Befürchtung, dass dir dieser Auftrag verloren geht, dir die Ideen ausgehen könnten?
Immer! Das ist eine Sache, unter der leiden, glaube ich, viele Künstler. Wie die berühmt-berüchtigte Schreibblockade bei einem Schriftsteller: Da liegt ein weißes Blatt Papier – eine Glock 19 wäre wahrscheinlich nicht so bedrohlich. Es verläuft immer in Zyklen. Plötzlich kommt eine Welle, da merkst du, es wird dir zugetragen, da muss ich schnell skizzieren, um ja nichts zu vergessen, dann renn ich schon ins Studio, um noch schnell einen Beat aufzuschreiben. Eines greift ins andere – es ist wie ein Puzzle: Erst findest du die Teile nicht und auf einmal geht es wie von selbst.

Irgendwann musst du aufpassen, dass du dich nicht übernimmst. Es ist körperlicher Raubbau, den ich in solchen Phasen teilweise betreibe. Das dauert 14 Tage, drei Wochen, ein Monat, das ist dir vollkommen egal. Wenn es dann heißt, morgen geht die Welt unter, sagst du, können wir auf übermorgen verschieben, ich werde sonst nicht fertig. Danach ist der Akku leer. Ich merke aber nicht, dass ich dann Ruhe geben muss. Im Gegenteil: Ich stehe da und verzweifle. Jetzt habe ich keine Ideen mehr, da kommt nichts mehr! Dieses Loslassen muss ich lernen, das Wissen und Vertrauen, dass wieder Ideen kommen. Aber in der Phase – da ist es die Hölle.

Wenn dein Akku leer ist, du in einer solchen Phase steckst – wie kannst du dich wieder daraus hervorholen?
Ich hab früher einfach gewartet, dass es vorbeigeht, aber das ist der falsche Ansatz. Heute versuche ich, andere Dinge zu machen. Mein Sport, den ich mit meinem Trainer mache, Wing Tsun, hilft mir, auf andere Gedanken zu kommen, aber auch das ist nur eine Momentaufnahme. Am allerwichtigsten ist ein Umfeld, das dich erdet. Die Kunst, die Musik – das ist alles Luft, oft nicht greifbar, was dann fehlt, ist die Erdung. Die bekomme ich durch wirkliche Freunde und die Familie.

Was machst du in deiner Freizeit, wenn du einmal nicht künstlerisch tätig bist?
(lacht) Ich hab keine Freizeit! Die Zeit, die ich im Atelier und im Studio verbringen kann, das ist meine Freizeit. Das Reisen, die vielen geschäftlichen Termine, das bedeutet für mich Arbeit. Aber die Zeit, in der ich kreativ sein kann, ist für mich Freizeit. Da beziehe ich auch meinen Sohn Max mit ein und das fühlt sich richtig gut an. Das ist der Fluss, von dem ich sage: Das möchte ich machen. Darum habe ich nie das Gefühl, ich brauche Urlaub von meiner Arbeit. Das ist ein Geschenk.

Hast du deine künstlerischen Begabungen auch an deinen Sohn weitergegeben?
Absolut. Er möchte entweder Musikproduzent oder Stuntman werden.

Als Lebensmittelpunkt hast du Österreich zugunsten Mallorca den Rücken gekehrt…
Das würde ich so nicht sagen. Es teilt sich auf. Ich werde Österreich nie ganz verlassen, das ist meine Heimat. Ich liebe Österreich – teilweise ist es eine Hassliebe, aber Österreich ist meine Heimat und der werde ich nie den Rücken kehren.

Wenn du in Linz bist, wo hat man die Chance, dich anzutreffen?
Selten! Wenn ich zuhause bin, lebe ich sehr zurückgezogen. Dann genieße ich die Zeit mit der Familie, bin ich viel mit dem Max unterwegs. Dass ich in Linz unterwegs bin oder fortgehe, passiert selten. Obwohl, letzthin war ich am Hauptplatz Kaffee trinken…

Was steht noch auf deinem Plan des Lebens?
Der Plan des Lebens – das ist immer so eine Sache. Ich habe gelernt, bei den Plänen, die ich mache, da lacht immer irgendwer im Hintergrund. Es kommt immer anders, als man glaubt. Prinzipiell bin ich sehr zufrieden und glücklich mit dem, was ich leben darf. Es klingt zwar langweilig, aber wenn ich das erhalten kann und in die Zufriedenheit komme, dann ist das mehr als erfüllend für mich.