Eine Frage des Glaubens

In der Nacht vom 19. auf 20. April war es so weit. Ein historisches Großereignis für die Krypto-Community, für alle anderen wohl eine Nacht wie jede andere. Ich spreche vom Bitcoin-Halving. Alle vier Jahre reduziert sich die Menge der täglich neu entstehenden Bitcoins um die Hälfte und verknappt damit das Angebot. Der automatisierte Vorgang kann nicht verändert werden, er ist im Bitcoin-Programm festgeschrieben und sorgt dafür, dass in zirka 140 Jahren der letzte der 21 Millionen digitalen Werteinheiten geschürft sein wird.

Der Bitcoin hat keinen inneren Wert, er bemisst sich nur dadurch, wie viele an ihn glauben, ihn kaufen und besitzen wollen. Das ist auch das meistvorgebrachte Argument gegen das digitale Asset. Man kann ihn nicht anfassen, er besteht nur aus alphanumerischen Codes im Internet. Die Ungläubigen sehen ihn als Kriminellen-Währung und prognostizieren eine riesige Blase, die irgendwann das gesamte eingesetzte Kapital vernichten wird. Die Anhänger bezeichnen ihn als die Revolution des Finanzsystems, beinahe völlig unabhängig von staatlicher Einflussnahme und komplett transparent in der Nachvollziehbarkeit jeder Buchung. Mit dem aktuellen Halving ist er das erste Mal weniger inflationär als Gold, denn auch davon wird jeden Monat reichlich aus dem Boden geholt und somit die verfügbare Gesamtmenge erhöht.

Was ist aber nun der innere Wert eines Assets? Im Endeffekt ist auch der Wert von Gold nur vom Glauben getrieben. Nur die Hälfte davon wird zu Schmuck verarbeitet oder in der Produktion eingesetzt. Ein großer Teil davon schlummert in den Safes von Nationalbanken und privaten Investoren. Es gibt dem Besitzer aber das gute Gefühl von Sicherheit in stürmischen Zeiten. Zwar benötigt die Produktion des Bitcoins bei dem rechenintensiven Miningvorgang vier Mal so viel Energie wie Gold, aber dafür ist er danach unglaublich flexibel. Coins in Millionenhöhe können im Handy oder auf USB-Sttick in der Hosentasche transportiert und um die Welt geschickt werden, ohne dass große Kosten entstehen. Als Spekulationsobjekt hat die Wallstreet das Asset längst für sich entdeckt.

Und ist nicht auch die Wallstreet ein reines Glaubensprodukt? Nur dadurch, dass die großen Investoren ihr vertrauen, machen Investmentbanken wie JP Morgan oder Wells Fargo ihre unglaublichen Gewinne. Wenn der Markt ein aktiennotiertes Unternehmen abschreibt, stürzt der Kurs in die Tiefe und vernichtet Milliarden. Glaubt die Bevölkerung nicht mehr an die staatliche Währung und beginnt diese abzustoßen, folgt auf den Bank Run unweigerlich eine hohe Inflation, in Ländern der Dritten Welt kein unbekanntes Phänomen. Somit ist Glauben im Endeffekt alles, was wir in unserem gesamten Finanzsystem haben. Vielleicht ist unser gesamtes Wissen nicht viel mehr als eine Anhäufung von Glaubenssätzen, die morgen schon wieder überholt sind.

Somit stellt sich für den Bitcoin und jedes andere Asset nur die Frage, ob sich genügend Menschen finden, die daran glauben und es so „to the moon“ befördern. Was dieses Bitcoin-Halving nun wirklich bringt und ob der Bitcoin auch 2024 wieder massiv an Wert gewinnt und neue Höchststände erreicht, wird die Zukunft zeigen. Wie und ob man investiert, ist jedem selbst überlassen. Die Wahrheit werden wir rückwirkend an unseren Enkeln festmachen können. Entweder wir müssen uns rechtfertigen, warum Menschen so blöd waren, Unmengen von Energie, CO2 und Geld für etwas aufzuwenden, das keinerlei Wert besessen hat, oder wir werden ihnen erklären müssen, warum wir selbst keine Bitcoins gekauft haben und zu feig waren, bei der Revolution unseres Geldsystems mit dabei gewesen zu sein.

Dominic Schafflinger,
Redakteur SALZBURGER