Reportage & Wissen

Lesezeit: 17 Minuten

Die Faszination des Bösen

Text: Maria Russ

Fotos: Ecowin, Shutterstock

Der „Psychologie der menschlichen Destruktivität“ gilt seit Jahrzehnten sein berufliches wie auch persönliches Interesse. Nun ist sein neues Buch erschienen, mit genau jenem Untertitel. Reinhard Haller, einer der renommiertesten Psychiater des Landes, über eines der größten, komplexesten und rätselhaftesten Menschheitsthemen: das Böse.

Ist eine Welt denkbar, in der das logische Prinzip, dass das Gute ein Gegenteil erfordert, nicht gilt? Nein. Dies zu glauben, wäre illusorisch. Denn die Krone der Schöpfung, der Mensch, trägt die Anlage zum Bösen in sich. So sagt es schon die Bibel. Der Satz „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ aus dem Evangelium nach Matthäus (6,13) und im Vaterunser impliziert, was heute als wissenschaftliches Faktum gilt. Bereits auf den ersten Seiten des Alten Testaments wurden die im Paradies verweilenden Urmenschen Adam und Eva in Versuchung geführt und erlagen dieser auch. „Und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ – seit der Aneignung der Erkenntnis von Gut und Böse ist die Versuchung des Bösen nach jüdisch-christlicher Tradi­tion Teil der menschlichen Existenz.

Dessen ist sich auch Reinhard Haller sicher. Der Psychiater beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten von Berufs wegen mit dem Bösen. Einen hohen Bekanntheitsgrad in Österreich und darüber hinaus erlangte Haller vor allem durch seine forensisch-psychiatrischen Gerichtsgutachten der größten Kriminalfälle Österreichs der letzten Jahrzehnte, so etwa die Fälle des Sexualmörders Jack Unterweger, des „Bombenhirns“ Franz Fuchs oder des NS-Euthanasiearztes Heinrich Gross. Von Angesicht zu Angesicht berichteten ihm Sexualmörder, Serienkiller, Terroristen, Kinderschänder, Amokläufer und NS-Verbrecher von ihren Motiven und Gefühlszuständen. In seinen Gesprächen mit mehr als 300 Mördern begab sich Reinhard Haller auf die Suche nach den Wurzeln des Bösen. Seine wichtigsten Erkenntnisse hat er nun in einem neuen Buch zusammengefasst. Ein Gespräch über die Faszination des Bösen.

Herr Dr. Haller, das Böse übt auf viele Menschen eine starke Faszination aus. Wir alle sind sozusagen Voyeure des Grauens. Was, glauben Sie, wa­rum ist die Anziehungskraft des Bösen so groß?
Auf der einen Seite, glaube ich, ist das so, weil es immer sehr spannende Geschichten sind, die das Böse schreibt. Das Zweite ist, dass sich im Bösen letztlich Psychologie pur abspielt. Es sind im Prinzip jedem bekannte psychologische Vorgänge, also Eifersucht, Neid, Hass, Kränkung, Machtkämpfe etc., die in diese spannenden Geschichten eingebaut sind. Das Dritte ist, dass jeder Mensch weiß und spürt, dass er in sich auch böse Anteile hat, dass es Verschattetes gibt in seiner Psyche, dass es seelische Abgründe gibt, und diese will man kennenlernen. Das kann man auf verschiedene Arten und Weisen tun, zum Beispiel, indem man sich zum Psychiater auf die Couch legt. Die meisten Menschen sehen in den bösen Geschichten einen Spiegel, einen Spiegel ins Unbewusste, in seine eigenen bösen Anteile. Ich glaube, das ist der Hauptgrund, warum uns diese Geschichten so faszinieren.

„Jeder Mensch weiß und spürt, dass er in sich auch böse Anteile hat.“

Experimente wie das berühmte Milgram-Experiment, das Sie in Ihrem Buch genau beschreiben, bestätigen, dass der Mensch nicht nur gute Anteile in sich hat.
Wenn es das Gute gibt, muss es logischerweise auch das Böse geben. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch gute und böse Anteile hat. Es ist eine Frage der Erziehung und der Entwicklung, wie man damit zurechtkommt, ob man diese bösen Anteile auslebt oder ob man sie so sozialisiert, dass man verträglich für sich und andere durchs Leben kommt.

Eine der grundlegenden Fragen hierbei ist „Nature or nurture?“, „Gene oder Umwelt?“, eine von ideologischen Fehden umrankte Frage. Wie ist der Stand der Wissenschaft?
Es ist ein Zusammenspiel von beidem. Die unterschiedlichen Forschungsergebnisse stellen zwar mal das eine, mal das andere in den Vordergrund – in den letzten Jahren hat besonders die Hirnforschung neue Ergebnisse geliefert –, böses Verhalten ist aber so komplex, dass es nicht nur organisch sein kann oder sich nur auf Hirnareale oder -zellen beziehen kann, sondern da sind auch viele andere Dinge involviert. Die Streitfrage allerdings, ob der Mensch als böses Wesen auf die Welt kommt und dann zum guten erzogen werden kann und muss, oder ob er als gutes Wesen auf die Welt kommt und erst durch Erziehung und Umgebung schlecht wird, ist nach wie vor nicht entschieden.

Kürzlich ereignete sich in Kitzbühel ein Fünffach-Mord: Ein 25-Jähriger tötete seine Ex-­Verlobte sowie vier ihrer Familienangehörigen und gestand die Tat danach. Da Ihnen für gewöhnlich die großen Kriminalfälle in Österreich zugeteilt werden, sind Sie in den Fall involviert?
Ich bin tatsächlich involviert, ja, und darf direkt zum Fall natürlich nichts sagen.

Das ist verständlich. Gibt es abgesehen von einem Psychogramm des Täters und Einzelheiten zum Fall etwas, was Sie dazu sagen können? Der Laie würde meinen, es wäre eine klassische Beziehungstat gewesen.
Allgemein kann ich sagen, dass sich das Böse zunehmend im zwischenmenschlichen Bereich abspielt. Etwa 65 Prozent der Tötungsdelikte in Österreich sind Beziehungsdelikte, die meisten schweren Verbrechen spielen sich also in den eigenen vier Wänden ab. Die Konstellation männliches Geschlecht, 20 bis 30 Jahre alt, eine vorangehende Kränkung, die Eifersucht sein kann, Alkohol, der oft im Spiel ist – im Fall von Kitzbühel trifft das offenbar nicht zu –, das ist sehr typisch bei Gewaltverbrechen dieser Art. Auffällig ist auch ganz allgemein, dass die Delikte immer motivärmer werden. Eine Trennung darf man zwar vielleicht nicht als geringfügig bewerten, aber sie rechtfertigt jedenfalls nicht diese übermaximale Reaktion, diesen Overkill. Es ist international zu beobachten, dass sich immer mehr motiv­arme Tötungsdelikte mit immer stärkeren Reaktionen ereignen.

„Was kränkt, macht nicht nur krank, sondern oft auch kriminell.“

Die „Banalität des Bösen“, ein von der politischen Theoretikerin Hannah Arendt geprägter Begriff, drückt aus, dass das Böse häufig in ganz normaler Gestalt daherkommt.

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Wie Sie bereits erwähnt haben, sind etwa zwei Drittel aller Tötungsdelikte in Österreich Beziehungsdelikte. Gibt es hier Möglichkeiten zur Prävention?
Das ist schwierig. Dieser Trend in Österreich, dass man die Schuld immer bei der Gesellschaft sucht, der gefällt mir ehrlich gesagt nicht, denn schuldig ist natürlich der, der die Tat begeht. Was die Prävention betrifft, so müsste diese dahin gehen, dass man sich überlegt, was man mit dem hohen Aggressionspotenzial, das in jungen Männern schlummert, tut. Ein junger Mann, ein Jugendlicher hat einen enormen Kräftezuwachs, es geht um das Ausloten von Grenzen, bei einem Einfluss von aggressionsfördernden Hormonen.
Dazu kommen oft Minderwertigkeitsgefühle. Die Frage ist: Was machen wir mit diesen Aggressionen? Früher war es die körperliche Arbeit, durch die viel an Aggression abgeführt wurde. Das haben wir heute nicht mehr aufgrund der vorwiegend sitzenden Tätigkeiten, die wir ausüben. Es kommt also zu einem Aggressionsstau, vor allem bei Menschen, die nicht nur viel im Sitzen arbeiten, sondern auch keinen Sport machen. Hier müsste man ansetzen in der Präventionsarbeit.
Der zweite Punkt betrifft mein persönliches Lieblingsthema, weil ich mich damit besonders beschäftige, und zwar: wie man mit der Kränkbarkeit der Menschen anders umgehen kann. Dieses Thema ist tabuisiert, Kränkungen sind schließlich nichts für harte Männer, sondern für Weicheier und Warmduscher. Das ist natürlich ganz falsch, denn auch Männer sind extrem verletzlich hinter der Maske der Coolness und können am Ende mit Kränkungen auch nicht umgehen. Frauen sind eher bereit, sich mit einer Kränkung auseinanderzusetzen, auch in Therapie zu gehen, während Männer rasche und möglichst gründliche Lösungen wollen. Solche erweiterten Morde wie der von Kitzbühel sind todsichere Lösungen im schlimmsten Sinn des Wortes.

Im Vorwort zum neuen Buch schreiben Sie: „Was kränkt, macht nicht nur krank, sondern oft auch kriminell.“ Können Sie das kurz erklären? Was macht Kränkung mit uns?
Wie bereits angesprochen, denke ich, dass das Thema Kränkung sehr stiefmütterlich behandelt wird. Es gibt nicht einmal eine medizinische Diagnose dafür, geschweige denn eine Definition, aber jeder weiß, was es ist. Kränkung wird häufig nicht ernst genommen, wird verdrängt, sie ist einem peinlich. Das ist aber der Boden, auf dem sie heranwuchert. Die Kränkung entwickelt sich wie ein Eiterherd, den man unter der gesunden Haut gar nicht sieht, der sich aber weiterwühlt und irgendwann zum Durchbruch kommt. Schon Hildegard von Bingen hat gesagt: „Was kränkt, macht krank; was beleidigt, erzeugt Leid.“ Man kann gut belegen, dass viele psychosomatische Leiden, Süchte und auch Kriminaltaten mit Kränkungen zu tun haben. Am Arbeitsplatz ist Mobbing systematisches Kränken. Abfälliges Lachen, die Nicht-Erwiderung des Grußes,… – das sind typische Kränkungen, die verheerende Folgen haben können, die bis zur Berufsunfähigkeit gehen.
Im Kriminalbereich haben Terroranschläge, die sich gegen die kalte, ausschließende Welt richten, sehr viel mit Kränkungen zu tun. Bei Familien- und Beziehungstragödien sind meist Kleinigkeiten, also typische Kränkungen, die Auslöser. Und auch Kriege werden durch Kränkungen ausgelöst. Beide Weltkriege hatten natürlich mehrere Ursachen, aber die Demütigungs-, die Kränkungshypothese, gilt heute bei Historikern als eine ganz wichtige. Die Erschießung des Thronfolgers als Auslöser des Ersten Weltkriegs war für das mächtige Habsburgerreich eine Beleidigung, die es sich nicht gefallen lassen konnte. Auch Adolf Hitler kannte das Kränkungsgefühl aus seinem eigenen Leben gut. Ich will damit niemanden verteidigen oder etwas rechtfertigen, sondern psychologische Abläufe bewusst machen. Nur so kann man dagegen vorgehen.

In Ihrer Arbeit als psychiatrischer Gerichtsgutachter gibt es oft keine absoluten Antworten auf die Fragen, die sich auftun. Dass es mehr um Wahrscheinlichkeiten als um Sicherheiten geht, dass es, was die Psyche des Menschen betrifft, nicht für alles eine Erklärung, schon gar nicht eine mit mathematischer Sicherheit, gibt, ist das das Schwierige an Ihrer Arbeit – und gleichzeitig auch genau das, was Sie daran lieben?
Ich muss zugeben, dass das weite Land der Seele niemals so vermessen werden kann wie ein Organ oder ein Bremsweg. Dementsprechend hat man einen gewissen Ermessensspielraum. Die Frage, ob jemand schuldfähig ist oder nicht, ist in der Regel aber gar nicht so schwierig zu beantworten, denn hier geht es einfach darum, festzustellen, ob jemand eine schwere psychische Störung hat, eine akute Geisteskrankheit.
Naturwissenschaftliche Genauigkeit und mathematische Sicherheit gibt es allerdings nicht, das ist richtig. Wir können die Psyche eines Menschen nicht vermessen. Viel schwieriger und letztendlich auch nicht lösbar ist die Frage der Zukunftsprognose, ob jemand gefährlich ist. Dort kann man tatsächlich, wie Sie sagen, nur bestimmte Risikoparameter und Wahrscheinlichkeiten aufzeigen.

„Wir können die Psyche eines Menschen nicht mit mathematischer Genauigkeit vermessen.“

Diese Verantwortung, zu entscheiden, ob ein Mörder rückfällig werden könnte oder geheilt ist, ist eine immense.
Ja, das ist tatsächlich etwas, was in meinem Beruf bedrückend ist. Wenn in meiner Umgebung ein Mord passiert, und man weiß noch nicht, wer der Mörder ist, habe ich zugegebenermaßen immer höchste Angst und sage zu mir: „Hoffentlich ist das nicht einer, bei dem ich vor ein paar Wochen gesagt habe, dass er eine gute Prognose hat!“ Darum sollte man diesen Teil der gutachterlichen Aufgaben meines Erachtens auf eine Kommission aufteilen. Ich bin sonst eher „kommissionsallergisch“, aber wenn es um so große Entscheidungen geht, müsste man verschiedene Professionen ihre Meinungen einbringen lassen, also jemanden von der Bewährungshilfe, vom Justizvollzug, von der Verfolgungsbehörde, einen psychiatrischen Sachverständiger involvieren. Nicht nur würde sich so die Verantwortung verteilen, auch kommen mehrere Personen gemeinsam zu einem besseren Bild.
Ich glaube, diese immense Verantwortung, von der Sie gesprochen haben und die schon Kollegen in den Suizid getrieben hat, ist auch der Grund, warum wir eine so hohe Zahl an Einweisungen und Unterbringungen haben, obwohl man weiß, dass von den Personen, die untergebracht sind, die Hälfte gar nicht gefährlich ist. Die Gutachter sind natürlich übervorsichtig. Wenn jemand nach der Entlassung mit angeblich guter Prognose jemanden umgebracht hat, dann können Sie sich vorstellen, welch enormer Druck auf dem Gutachter lastet.

Muss man unterscheiden zwischen der bösen Tat und dem bösen Menschen?
Das ist eine sehr gute Frage. Aber noch interessanter und mindestens so wichtig ist die Frage: Unter welchen Bedingungen kommen beim Menschen die bösen Anteile, die in ihm ruhen, zum Durchbruch, sodass er eine böse Tat verübt? Das ist höchst spannend. Wie kann es sein, dass man bei einem völlig unauffälligen Mitbürger daraufkommt, dass er ein grauenhafter NS-Scherge war? Oder dass man bei jeder schlimmen Tat sagt, der Täter war ein ganz netter Mensch, unauffällig, hilfsbereit…?

Warum sind es unverhältnismäßig mehr Män­ner als Frauen, die böse Taten verüben? Diese Tatsache muss wohl, zumindest zu einem Teil, mit jenem Anteil bei der Entstehung des Bösen zu tun haben, der genetisch/biologisch bedingt ist.
Ja ja, der Teufel ist ja auch männlich. (schmunzelt) Die erste Sünderin war nicht Eva, sondern der männliche Luzifer. Am Anfang stand eine narzisstische Sünde, Gott gleich sein zu wollen. Das erste Verbrechen in der Bibel war der Brudermord von Kain an Abel. Auch das Urverbrechen der Menschheit hat im Übrigen als Urmotiv eine Kränkung gehabt: Gott beachtet Kains Opfer weniger als das von Abel, was Kain tief kränkt. Gott selbst gibt eine wunderbare Beschreibung der Kränkung: „Kain, du trägst in dir ein lauerndes Tier.“ Man kennt es nicht so genau, es ist auf jeden Fall vorhanden, es wird zuschlagen, aber man weiß nicht, wann und wie lange das dauert.
Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Zum einen sind Mann und Frau genetisch anders programmiert, zweitens gibt es auch vom Hirnbau her Unterschiede. Beim weiblichen Gehirn sind die sozialen Strukturen, die für soziale Kompetenz, für Emotionalität zuständig sind, stärker ausgeprägt als beim männlichen. Frauen und Männer stehen außerdem unter einem ganz unterschiedlichen hormonellen Einfluss. Hinzu kommt, dass Männer und Frauen ganz anderes sozialisiert werden. Männer müssen kämpfen, Männer dürfen keine Schwäche zeigen, Männer haben viel mehr riskante Verhaltensweisen… Alle diese Faktoren führen dazu, dass der Anteil männlicher Mörder im Vergleich zu weiblichen überproportional ist. Frauen sind auf andere Weise grausam, mehr im seelischen denn im physischen Bereich.

Das Thema „Kränkung“ werde stiefmütterlich behandelt, obwohl viele psychosomatische Leiden, Süchte und auch Kriminaltaten mit Kränkungen zu tun haben, so Reinhard Haller.

Und wenn sie töten, töten sie dann auch anders?
Sie bevorzugen weichere Methoden – wobei es bei einem Mord nur ein Euphemismus sein kann, das zu sagen. Früher haben Frauen sehr oft mit Gift getötet; die Giftmörderin war das Gegenstück zum bösartigen männlichen Narzissten. Mittlerweile, mit den neuen Ermittlungsmethoden, ist Vergiften als Tötungsmethode allerdings in eine Krise gekommen, weil man Gift sehr leicht nachweisen kann.
Wobei das nicht ganz richtig ist, weil es die wahrscheinlich meisten Tötungsdelikte im Pflegebereich gibt. Es kommen immer wieder große Serien auf, die aber auch nur die Spitze des Eisbergs sind. Wenn ein alter, pflegebedürftiger Mensch stirbt, nimmt man es mit der Totenschau nicht so genau, weil man sagt, er war halt sehr alt und ist an Altersschwäche verstorben. Es gibt hier allerdings eine relativ große Dunkelziffer an Tötungsdelikten.

Wir haben in Österreich heute ein kriminalitätsarmes Milieu. Warum ist das so? Gilt hier: Je höher eine Kultur, je zivilisierter eine Gesellschaft, desto weniger Kriminalität? Oder wie Freud sagte: „Das Böse kann nur durch die Kultur zurückgedrängt werden.“
Ich bin überzeugt davon, dass das möglich wäre, wobei ich unter „Kultur“ auch wirtschaftlichen und sportlichen Wettbewerb verstehe. Eine Fußballweltmeisterschaft ist auch Krieg auf hohem Niveau – es werden alle Bedürfnisse, die man im Krieg hat, befriedigt: Länder kämpfen gegeneinander, es geht um Geld, man macht eine Riesenpropaganda, die Schlachtgesänge, die Gladiatoren, die Feldherren und die anschließenden Siegesparaden… – man kann hier alles hineinprojizieren, was es auch im Krieg gibt, allerdings auf eine unblutige Art und Weise.
Aber um zu Ihrer konkreten Frage zu kommen: Diese ist sehr umstritten. Ich glaube, es sind mehrere Bedingungen. Erstens haben wir glücklicherweise keine großen kriminellen Strukturen, was auch ein Erfolg der Behörden, der Exekutive, ist. Das Zweite ist, dass wir ein gutes soziales Netz haben und die sozialen Risikofaktoren keine so große Rolle spielen. Außerdem haben wir generell eine Verlagerung des Verbrechens ins Virtuelle, was natürlich von der manifesten Kriminalität auch einiges an Potenzial abzieht.

Sie haben viele Stunden mit Schwerstverbrechern verbracht und mehr als 300 Mörder im Gefängnis befragt. Sind diese Menschen so viel anders als wir? Das Böse kommt ja meist in banaler Gestalt daher …
So ist es. Es war für mich, als ich in diese Tätigkeit eingestiegen bin, eine große Überraschung, dass Schwerverbrecher Menschen sind, ich würde jetzt nicht sagen, wie Sie und ich, aber der Großteil sind einfach Menschen, die es oft selbst nicht fassen können, dass sie eine solche Tat verübt haben. Es gibt eine Gruppe von 15 bis 20 Prozent, die schwere psychische Probleme haben, das heißt, die auch nicht zurechnungsfähig sind; und es gibt eine ganz kleine Gruppe, die dem nahekommt, was man aus psychiatrischer Sicht als „das Böse“ bezeichnen kann, also ganz schwer bösartige Psychopathen. Letztere sind psychi­atrisch am interessantesten – obwohl es auch makaber ist, wenn man über einen schwer Gestörten sagt, er sei superinteressant. Diese Gruppe ist sehr klein und man kann sie auch nicht heilen, sondern da gibt es nur die Möglichkeit, dass man die Gesellschaft vor ihnen schützt und sie in Anstalten unterbringt, bis sie alt werden. Das Alter nimmt meistens die Gefährlich­keit. Wir haben hier heute noch keine anderen Möglichkeiten.

ZUR PERSON
Univ.-Prof. Prim. Dr. med. Reinhard Haller
Der 1951 in Vorarlberg geborene Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut ist Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene, eines Behandlungszentrums für Suchtkranke in Frastanz, Vorarlberg. Zudem hat Haller einen Lehrauftrag an der Universität Innsbruck.
In seiner Tätigkeit als einer der renommiertesten Kriminalpsychiater und Gerichtssachverständiger Europas wird er immer wieder mit der Begutachtung in großen Kriminalfällen betraut, u.a. für die Gutachten in den Fällen des Sexualmörders Jack Unterweger oder des „Bombenhirns“ Franz Fuchs, und seine Analysen von psychischen Störungen und spektakulären Verbrechen sind in den internationalen Medien gefragt.
Neben zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten zu den Themen Sucht, Suizid, Depression und Forensische Psychiatrie hat Haller mehrere Sachbuchbestseller publiziert, wie „Die Seele des Verbrechers“ (2006), „Das ganz normale Böse“ (2009) und aktuell „Das Böse“ (2019).