Ab in die Lüfte

Text: Dominic Schafflinger
Fotos: Flugschule Salzburg, Brian Rauschert, Paul Doppler

Abzuheben liegt im Trend, kein Wunder, schließlich ist Paragliden ein Gefühl totaler Freiheit, das heute vielfältige Möglichkeiten bietet, Natur zu erleben. Salzburg bietet mit dem Gaisberg den perfekten Flugberg und eine junge, sportliche Community. Ohne geprüftes Material und eine fundierte Ausbildung geht beim Gleitschirmfliegen allerdings nichts.

Der Gurt sitzt, Helm ist angepasst, es kann losgehen, im Laufschritt den steilen Bergrücken hinunter, das Herz schlägt bis zum Hals, das Adrenalin rauscht durch die Venen, nur nicht stolpern, jetzt keinen Fehler machen, die Füße verlieren den Kontakt mit dem Boden und dann… Die Gedanken werden still, die Zeit vergeht irgendwie langsamer und ein unglaubliches Freiheitsgefühl stellt sich ein, sobald man mit dem Gleitschirm den festen Boden verlassen hat. Die Melodie des Windes und der atemberaubende 360° Rundumblick sind die einzigen Begleiter hier oben.

Es bedarf weder Kraft noch Sprit, um mit dem Gleitschirm in die Lüfte zu starten und in den letzten Jahren scheint die Sehnsucht nach dem Fliegen in Österreich stark zugenommen zu haben. Um die 10.000 Piloten und Pilotinnen schwingen sich inzwischen regelmäßig in die Lüfte auf – Tendenz steigend. Die Community in Salzburg ist vor allem eine junge, urbane Generation, die im Fliegen eine ideale Ergänzung zum Wandern bzw. Skitourengehen erkannt hat. Mit dem Gaisberg direkt vor den Toren der Stadt ziehen immer mehr Eroberer der Lüfte aus, um ihr persönliches Naturerlebnis am Berg und in der Luft zu suchen. Egal ob als Einzelgänger, gemeinsam mit Freunden oder mit der ganzen Familie, Gleitschirmfliegen ist heute so vielfältig, dass sich das Begehren nach der ‚Vogelfreiheit‘ mit jeder Lebenssituation verbinden lässt.

Weil Vielfalt zählt
Mehr als einen Rucksack braucht es nicht, um sich (nach absolvierter professioneller Ausbildung) in die Lüfte zu begeben. In Österreich kann man mit bestandener Gleitschirmlizenz von jedem Berg starten, der die topografischen Voraussetzungen dafür erfüllt. Deswegen ist inzwischen das sogenannte Hike&Fly, respektive im Winter Ski&Fly, einer der Hauptgründe, um mit dem Paragliding zu beginnen. Hier erwandert man mit Material, das zwischen 7–10 Kilogramm wiegt, die Berge, um gemächlich wieder ins Tal zu gleiten. Somit ist Paragliden auch als Familiensport interessant. Mit Partner und Kindern hochwandernd, fliegt man mit dem Gleitschirm ins Tal, um sich dort dann wieder zu treffen. Erfahrene Paraglider können, nach bestandenem Tandemschein, auch ihre Kinder ab einem Alter von circa 5 Jahren mit auf die luftige Reise nehmen. Und mit Teenagern über 14 Jahre bietet sich ein gemeinsamer Kurs an. Ab dem fünfzehnten Lebensjahr gibt es die Fluglizenz und man darf allein in die Lüfte starten.

Wer gerne weitere Ausflüge macht, der kann sich mit Streckenflügen wirkliche Distanzen erfliegen. An perfekten Flugtagen sind Flüge um die 100 km möglich. Zwar sinkt man mit dem Gleitschirm kontinuierlich nach unten, aber durch das gezielte Ausnützen von Aufwinden, die sich oft unter Cumuluswolken befinden, kann sich der erfahrene Pilot langsam nach oben schrauben, um so wieder an Höhe zu gewinnen. Durch solche Techniken ist es möglich, unglaubliche Strecken zu bewältigen. Der Weltrekord im Streckenfliegen liegt aktuell bei 615 Kilometern und für geübte Alltagsflieger ist es ohne weiteres möglich, bei guten Bedingungen von Salzburg nach Zell am See und wieder zurück zu gelangen, ohne nur einmal den Boden zu berühren.

Wer gerne noch länger unterwegs ist, macht sich zu Mehrtagestouren in der Luft auf. Mit dem richtigen Material, einem sogenannten Speedbag, in den man dann sich selbst und passende Campingausrüstung verpackt, sind auch wochenlange Trips mit Zelt und Campingkocher keine Unmöglichkeit. „Freunde von mir sind 2021 zu zweit in 20 Tagen von Nizza heim in die Mozartstadt geflogen, waren fast jeden schönen Tag in der Luft und sind täglich zu den besten Startplätzen hinauf gewandert. Die beiden sind zwar top fit, aber keine Extremsportler“, erzählt Niko, Paragliding Experte und Fluglehrer der Flugschule Salzburg. Die extremsten Auswüchse dieser Cross-Country oder Volbiv genannten Disziplin können alle zwei Jahre bei den Red Bull X-Alps erlebt werden. Hier wetteiferten 2021 circa 33 Top Athleten aus 17 Nationen um die schnellste Route, die über 1238 km von Salzburg über die Alpen an den Genfer See und zurück nach Zell am See führte. Man darf gespannt sein, was sich Red Bull für 2023 einfallen lässt. Traditionell wird am Residenzplatz gestartet und der Gaisberg dient als erster sogenannter ‚Turnpoint‘.

Eine weitere bekannte Disziplin ist das Acro-Paragliding, bei der mit agilen Gleitschirmen waghalsige Stunts geflogen werden. „Dieser Kunstflug mit seinen Drehungen, Wendungen und Salti ist eine ganz spezielle Form, sich selbst auszudrücken und radikal die Möglichkeiten des Gleitschirms zu erkunden“, erklärt Michael Zürnstein, Präsident des fly4fun Club Salzburg und selbst begeisterter Paraglider.

Genialer Flügel
Die Genialität des Gleitschirms liegt in seiner Einfachheit. Der sogenannte Parafoil wurde 1964 entwickelt und besteht aus zusammengenähten Kammern, die zwei Stoffbahnen verbinden. Durch den Wind, der diesen von vorne aufbläst, entsteht die Form eines Flügels, die dem Schirm seinen Auftrieb verleiht. Durch den Zug an den Bremsleinen kann dieser Luftstrom links oder rechts reguliert werden, so ist man in der Lage, Kurven zu fliegen und den Schirm abzubremsen. Bei der Flugrichtung ist man auch nicht auf Wind und Windrichtung angewiesen. Durch das konstante Gleiten nach unten füllt sich der Gleiter immer mit Luft und die Form bleibt beständig, auch Flüge gegen den Wind sind so möglich. Erfunden wurden die ersten Schirme von der NASA, um Raumkapseln wieder sanft zur Erde zu bringen, aber der Flugsport selbst entwickelte sich in den Alpen. Bis der junge Sport Mitte der 1980er-Jahre offiziell anerkannt wurde, waren es hauptsächlich waghalsige Draufgänger, die sich mit selbstentworfenen Konstruktionen von hohen Bergen stürzten, nicht selten endete der Flug dann noch in einem Baum oder mit Knochenbrüchen.

Safety first
Dass solche Unfälle heute nicht mehr zum Alltag gehören, verdankt die Szene der modernen Materialtechnik und einer fundierten Ausbildung. Ohne Fluglizenz geht nichts in Österreich, und das aus gutem Grund, denn wer sicher sein will, braucht Erfahrung und eine gute Portion Wissen. Beim eintägigen Schnupperkurs geht’s gleich praktisch zur Sache und man lernt schnell, was es heißt, seinen Schirm richtig in den Wind zu stellen und die ersten Meter selbst zu fliegen. Allerdings ist das oft nicht aussagekräftiger als das erste Date. „Wichtig ist, sich einmal Zeit für den Grundkurs zu nehmen, wo man nach einer Woche selber und unter Funkkontakt das erste Mal allein vom Berg fliegt“, erklärt Hubert Mackner, Miteigentümer und Fluglehrer der Flugschule Salzburg. Dadurch bekommt man einen guten Eindruck vom Sport und kann wirklich entscheiden, ob man weitermacht. Nach 40 Flügen kann man seinen Paragleiterschein abschließen und ganz alleine in die Berge ziehen. Ein zusätzliches Sicherheitstraining rundet die Erst-Ausbildung ab und für die Zugvögel unter uns empfiehlt sich die Streckenflugberechtigung. Die Fluglehrer sind sich einig: „Erst mit der Streckenflugberechtigung wird man richtig flügge, weil man dann seinen Flugberg das erste Mal verlassen kann und weiterfliegen darf.“ Hier eignet man sich umfangreiches Wissen über Thermik, Flugrecht und Meteorologie an und ist so optimal gerüstet für längere Aus-Flüge.

Flieger, grüß mir die Sonne
Es gibt nicht viele Anblicke, die faszinierender sind, als am Berg zu stehen und eine Schar bunter Paraglider um sich herum zu bestaunen, die im Sonnenschein langsam ihre Kreise ins Tal ziehen. Wer dieses Erlebnis nicht dem Zufall überlassen möchte, sollte im goldenen Herbst bei der Hike&Fly Trophy Salzburg am Gaisberg dabei sein. Dort ist man dann den ganzen Tag von unzähligen bunten Gleitschirmen umgeben und es können erste unkomplizierte Kontakte mit Hobbyfliegern und Profisportlern geknüpft werden. „Wir geben dieses Jahr ein kräftiges Lebenszeichen von uns, mit Testzelt, Unterhaltung und natürlich mit spektakulären Starts von unserem Magic-Gaisberg“, berichtet Organisator Michael Zürnstein und ergänzt mit strahlenden Augen: „Das Fliegen ist nirgends so schön wie in Salzburg, nur hier kann man im Sommer um 16.30 Uhr aus dem Büro starten, mit dem Bus bis zur Bergspitze hinauffahren und in die untergehende Abendsonne gleiten, nur um drei Stunden später wieder zu Hause zu sein, inklusive Landungsbier. Dieses Erlebnis möchten wir so viele Salzburger wie möglich schmecken lassen, denn der Gaisberg und die Gleitschirmflieger sind so untrennbar mit dieser Stadt verbunden wie die Salzach und ihre Brücken.“