Financial Load – Männer im Hamsterrad
Leistungsdruck, Geldsorgen, Stress in der Arbeit – welche finanzielle Last auf den Schultern unserer Männer als Haupt- oder Alleinverdiener vieler Familien liegt, darf nicht unterschätzt werden.
In den Debatten um Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie um Gleichberechtigung beider Partner muss – als Teilaspekt vom Mental Load – auch der Financial Load verstärkt in den Fokus treten.
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock, Andrea Kirchtag/Frau & Arbeit
Viel wird derzeit gesprochen über Mental Load und Care Arbeit, also über die Mehrfachbelastung der Frauen, die sich zwischen Arbeit, Kindern und Haushalt überfordert und ausgepowert fühlen. Es ist die nie endende To-Do-Liste im Kopf, die belastet. Als Familienmanagerin muss die Frau an tausende Alltagsaufgaben denken: Taxidienste für die Kinder, Arzt- und Impftermine, Geburtstagsgeschenke, Reiseplanung, etc. – allesamt ungesehene und ungeschätzte Denk- und Planungsarbeiten. Vielfach vergessen werden jedoch auch die Väter, die in unserer Gesellschaft als Ernährer der Familie meistens Haupt- oder sogar Alleinverdiener sind. Von Financial Load spricht man daher, wenn ein Elternteil allein für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich ist und dadurch unter mentalem Druck steht. In diese Kategorie fallen, nicht zu vergessen, auch alleinerziehende, getrenntlebende Mütter, die zusätzlich zu Kind und Care Arbeit die finanziellen Belastungen stemmen müssen.
In einem emanzipierten Familienhaushalt wird von modernen Vätern gefordert, auch unbezahlte Care Arbeit zu übernehmen, sich um die Kinder zu kümmern und den Haushalt zu erledigen. Das ist eine berechtigte Forderung, aber nur fair, wenn Frauen sich anteilig auch um die Finanzen der Familie annehmen. Hier geht es nicht bloß um das reine Geldverdienen, sondern auch um das Budgetieren, Kalkulieren, Sparen, Investieren und gemeinsame Treffen von finanziellen Entscheidungen. Diese gesamte finanzielle Situation einer Familie bedeutet Verantwortung und sollte unter den Partnern fair aufgeteilt werden.
Doch wie schaut die Realität aus? Das immer noch vorherrschende klassische Familienmodell sieht vor, dass der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit arbeitet, um sich zusätzlich um die Kinder zu kümmern. Genau genommen arbeitet mehr als die Hälfte der Frauen in Österreich (51,6 %) in Teilzeit, zugegeben nicht immer freiwillig, weil die meisten Kindergartenplätze mit einer Vollberufstätigkeit unvereinbar sind. Fast 80 % der Männer sind somit Hauptverdiener der Familie – was durchaus Sinn macht, wenn man bedenkt, dass aufgrund von Gender Pay Gap nur bei knapp zehn Prozent der Paare beide Partner ein vergleichbar hohes Gehalt bekommen. Wie schafft man als Familie eine gute Work-Life-Balance für beide Elternteile? Ein Drahtseil-Akt, an dem Familien gerne scheitern!
„Natürlich ist auch der finanzielle Aspekt in der Familie oder Beziehung Teil des Mental Load. Dieser so wichtige Bereich kann nicht einfach ausgespart werden.“ – Mag. Andrea Kirchtag, Geschäftsführerin Frau & Arbeit
Eltern als Team
Arbeitszeitmodelle, die beide Elternteile involviert und gleichzeitig genügend finanziellen Spielraum bei gerecht verteilter Care Arbeit im Familienalltag zulässt, klingen nach einer langgesuchten Best Practice Lösung. Diese gleichberechtigte Aufteilung von Job und Familie, bei der sich Väter bei verkürzter Arbeitszeit aktiv um die Organisation des Familienlebens kümmern und die Mutter frühzeitig in den Beruf zurückkehrt, setzen von beiden Partnern die Bereitschaft voraus, den mentalen und finanziellen Stress gemeinsam zu schultern. In der Realität scheitert diese Lösung meist daran, dass Frauen nicht dieselbe Entlohnung erhalten wie Männer.
Um mehr Entspannung ins Familienleben zu bringen, ist es wichtig, sich die Belastungen aufzuteilen. Denn beide Loads, Mental und Financial Load, können eine emotionale Belastung darstellen und sich negativ auf das individuelle Wohlbefinden auswirken. Aufteilung unter den Partnern ist daher angebracht, um Stress und Konflikten vorzubeugen. Diese Meinung teilt auch Mag. Andrea Kirchtag, die Geschäftsführerin der Frau und Arbeit gGmbH: „Eine fair geteilte Elternschaft umfasst alle Bereiche, die in Familien oder Paarbeziehungen zu erledigen sind. Das lässt sich einteilen in Mental Load, Gefühlsarbeit und Erwerbsarbeit. Idealerweise sind die Aufgaben am Ende so verteilt, dass eine Ausgewogenheit erreicht ist“, so Kirchtag, die eine umfassende Expertise in der Beratung und in Workshops zum Thema Mental Load aufweist: „Auch die jeweiligen Erwartungen sollen zum Thema gemacht werden. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, dass bei einer faireren Aufteilung des Mental Load sich Beziehungsqualität, gesundheitliche Verfassung ebenso wie das Familienklima insgesamt verbessern – also ein positiver Effekt für alle.“
Das liebe Geld
Es wird angeraten, sich regelmäßig mit dem Partner oder der Partnerin zusammenzusetzen, um das Budget zu überprüfen und die finanziellen Aufgaben fair zu verteilen. „Natürlich ist auch der finanzielle Aspekt in der Familie oder Beziehung Teil des Mental Load. Dieser so wichtige Bereich kann nicht einfach ausgespart werden“, so Kirchtag, die dringend empfiehlt, dass auch die Finanzen zum Thema gemacht werden. Dazu können sich Paare folgende Fragen stellen: Wie wollen wir leben? Wie viel Geld brauchen wir? Haben wir dieselben Wünsche? Wie können wir diese erfüllen?
Ein Familienbudget ist eine gute Lösung für die Verwaltung der gemeinsamen Ausgaben. Das 3-Konten-Modell ist ebenfalls ein innovativer Ansatz, um gemeinsame Finanzen zu verwalten und dennoch finanziell selbstbestimmt zu bleiben. Schluss mit der Diskussion darüber, wer was wann für den jeweilig anderen bezahlt hat, ein gemeinsames Familienkonto wird angelegt. Von diesem Familienkonto werden alle Ausgaben bezahlt, die die Familie betreffen, also Miete, Lebensmittel, Auto, Urlaube, Kosten für die Kinder. Beide Elternteile entscheiden mit gleichem Recht, welche Investitionen getätigt werden und was Priorität hat. Zusätzlich verfügen beide Elternteile jeweils über ein persönliches Konto – für diese Ausgaben sind keine Rechtfertigungen nötig, egal ob es um einen Friseurbesuch, neue Schuhe oder eine Sportausrüstung geht. Auf diese persönlichen Konten wird monatlich ein fixer Betrag zu exakt gleichen Teilen überwiesen – unabhängig davon, wer mehr verdient oder sich mehr um Haushalt und Kinderbetreuung kümmert.
Finanzieller Stress
Was unbedingt zu vermeiden ist, dass Geldsorgen chronisch werden, denn dann führt der sogenannte finanzielle Stress zu einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel im Gehirn – die Betroffenen reagieren daraufhin ständig genervt und können kaum mehr entspannen. Von körperlichen und psychischen Symptomen bis hin zu Süchten – jeder Mensch reagiert anders auf finanziellen Stress. Neben einer Dauermüdigkeit durch Schlafmangel zählen auch Kopfschmerzen, erhöhter Blutdruck und Magen-Darm-Probleme zu den typischen gesundheitlichen Beschwerden bei finanziellem Stress, diese überschneiden sich zudem oft mit psychischen Problemen wie Angststörungen oder Depressionen. Dem nicht genug weisen die Betroffenen eine höhere Anfälligkeit für Süchte auf, da sie glauben, durch Alkohol, Nikotin oder Drogen kurzzeitig dem Problem entfliehen zu können.
Geldsorgen die Stirn bieten
Doch auch die Beziehung wird durch finanzielle Sorgen ordentlich auf die Probe gestellt. Geld und finanzielle Sorgen gehören bekanntlich zu den häufigsten Gründen für Streit. Um finanziellen Stress zu reduzieren, sollte man natürlich Ordnung in seine Finanzen bringen. Ein Blick auf die Kontoauszüge der letzten Monate verrät wichtige Details: In welchen Bereichen gebe ich zu viel Geld aus? Wo liegen meine finanziellen Schwachstellen? Ein solider Haushaltsplan kann dabei unterstützen, seine finanziellen Gewohnheiten zu ändern, indem er wie ein Kompass durch die Finanzen navigiert.
Fair-Teilung
Was rät uns die Expertin Andrea Kirchtag abschließend für eine gelingende fair-Teilung in der Eltern- und Partnerschaft? „Eine gute Möglichkeit ist, die einzelnen Denk- und Planungsschritte jeweils auf ein Post-it zu schreiben und zum Beispiel in der Küche für alle sichtbar aufzuhängen bzw. mit Listen und Fragebögen zu arbeiten, die den Mental und Financial Load begreifbar und sichtbar machen. Danach können Aufteilung und Verantwortlichkeiten besprochen und definiert werden.“
Denn am Ende des Tages geht es um das mentale wie finanzielle Wohlergehen der Familie. In einer gleichberechtigten Partnerschaft auf Augenhöhe sollten sich beide Partner gemeinsam um die Aufgaben kümmern und die Tätigkeiten, ob bezahlt oder unbezahlt, fair aufteilen. Sprecht offen über gemeinsame Ziele und Prioritäten, nutzt eure Stärken und unterstützt euch gegenseitig – denn die Verantwortung liegt bei beiden!
Zur Vertiefung in das Thema bietet „Frau und Arbeit“ Workshops für Frauen und Männer mit dem Titel „Mental Load: Elternschaft fair teilen“ an, in denen es um die praktische Umsetzung geht.
Nächste Termine auf www.frau-und-arbeit.at