Ziemlich beste Freunde

Männer treffen sich beim Sport, machen gemeinsam Musik und gehen ihren Hobbys nach. Freunde sind offenbar die wichtigste Quelle für offene, wertschätzende Gespräche – und dennoch haben 80 bis 85 Prozent der erwachsenen Männer keinen besten Freund. Woran liegt das?
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock, Udo Titz

In der Jugend werden Freundschaften noch intensiv gepflegt. Mit seinen Freunden träumt man vom Großwerden, von gemeinsamen Abenteuern, von Reisen, der großen Liebe und vom Erfolg. Freunde helfen sich und stehen sich in Krisen bei. Doch sobald Partnerschaften ins Spiel kommen, fühlen sich viele Frauen häufig von den Freunden ihres Partners um ihre Zeit betrogen. Vor allem in der Lebensmitte verlieren Männer ihre Freunde dann häufig komplett aus den Augen – sei es durch Partnerschaft und Familiengründung oder durch einen fordernden Job. Die Freunde des Paares sind dann gemeinsame Freunde, meist ebenso Paare. Aus diesen Gründen vereinsamen viele Männer in der Ehe, was ihnen wegen der vielen Arbeit und dem vollen Programm in der Familie lange selber nicht auffällt. Kommt es im schlimmsten Fall zu einer Trennung oder Scheidung, fehlt aber der gute Freund zum Reden. Denn gerade Lebenskrisen zeigen auf, dass etwas fehlt, dass wir zu einseitig unterwegs sind.

Wie stärkend und nährend der Austausch unter Männern sein kann, zeigt uns „Der Männerkenner“ Dr. Richard Schneebauer in seinen Büchern und Blogs. Als Soziologe, Männerberater, Trainer und Vortragender begleitet er Männer bei ihrem Wunsch nach einem bewussten Umgang mit dem eigenen Leben und lebendigen Beziehungen. Was ihn in seiner Tätigkeit als Männerberater zu Beginn am meisten erschreckt hat, war die Erkenntnis, wie wenige Männer tatsächlich einen besten Freund haben, also einen Mann, dem sie offen anvertrauen, wie es ihnen wirklich geht – geschweige denn mehrere davon. Denn 80–85 % aller Männer haben keinen besten Freund. „In emotionalen Belangen sind Männer sehr oft zu stark auf Frauen fixiert“, meint Schneebauer, „das macht abhängig und schadet letztlich auch der Partnerschaft. Eine oder mehrere wirklich gute Freundschaften machen Männer damit unabhängiger und letztlich auch beziehungsfähiger. Offene Gespräche und Nähe stärken und entspannen Männer jedenfalls sehr in ihrer Männlichkeit.“

Können Männer reden?

Wussten Sie, dass einem automatisch ein „nicht“ vorgeschlagen wird, wenn man in die Suchmaschine Google „Männer können reden“ eingibt? Ohne sich auf abgedroschene Klischees zu stützen, gelten Männer in Konfliktsituationen als eher verschlossen. Aussagen zum persönlichen Befinden münden oft wortkarg in einem „Passt schon!“. Nach einem Treffen mit Freunden können viele Männer der Partnerin nicht genau erzählen, worum es bei den Gesprächen inhaltlich ging. Dafür verspüren Männer auch ohne große Worte eine freundschaftliche Verbundenheit untereinander und bereinigen Konflikte schneller.

Während Frauen ihre stundenlangen Gespräche gerne bei einem gemütlichen Kaffee abhalten, reden sich Männer meist beim Tun leichter. Die wichtigste Grundlage langfristiger Männerfreundschaften sind daher gemeinsame Interessen und Aktivitäten. Sie wollen gemeinsam etwas erleben oder unternehmen, aber auch das nebeneinander Schweigen kann bei Männern viel Tiefe erzeugen und wird sogar zum Ausdruck von Intimität.

Tatsächlich können sich Männer im Bereich Kommunikation viel von Frauen abschauen, ist sich der Männerberater sicher, „aber wenn sie das nicht auch unter Männern praktizieren lernen, bleibt diesem Verhalten der Nimbus des weiblichen und wird von Männern weiterhin abgespalten und innerlich als nicht zum Mannsein passend abgelehnt.“

„Ich kenne Männer, die gar nicht spüren, was ihnen fehlt –
bis es eng wird in ihrem Leben.“

Dr. Richard Schneebauer ist „Der Männerkenner“, er arbeitet seit über 20 Jahren in Oberösterreich in der Männerberatung und ist als Autor tätig. „Männerabend“ (2017), „Männerherz“ (2020) und „Männerschmerz“ (2022) sind drei seiner Bestseller, die im Goldegg Verlag erschienen sind.

www.dermaennerkenner.com

Unter sich

Ganz generell gibt Schneebauer den Rat, dass sich Männer und Frauen gegenseitig ihre Zeit untereinander einräumen sollten. Zeit, in der die Männer unter sich sind und Zeit, in der die Frauen unter sich sind. Anschließend können sich alle wieder gestärkt auf Augenhöhe begegnen. „Selbstbewusste, innerlich unabhängige Menschen, die in ihren Polen gestärkt sind, erhöhen dadurch nicht nur ihre Anziehungskraft auf den anderen, sondern können ihn auch freier lieben“, gibt Schneebauer zu bedenken.

Rivalität & Imponiergehabe

Da sich Kumpels vom Sport und aus dem Verein, ebenso wie Kollegen von der Arbeit in erster Linie über berufliche Leistung definieren, ist der Job häufig Gesprächsthema Nummer eins, denn auf diesem Feld kann am besten gezeigt werden, was man draufhat. Prädestiniert für männliches Imponiergehabe sind auch die Themen Autos, Fußball, Technik oder Politik. Um als Gewinner vom Feld zu ziehen, wird gerne geflunkert und übertrieben. Wer genau hinsieht, erkennt aber, dass sich die Männer in einem solchen Setting nur hinter einer Fassade aus coolen Sprüchen und poliertem Machotum verstecken. „Ist die gemeinsame Sache weg, ist meist auch der Kontakt zu den Mitstreitern dahin“, fasst Schneebauer den Verlauf dieser oberflächlichen Freundschaften zusammen.

Mangelhafte Vaterbeziehung

Die entscheidende Schwachstelle in der männlichen Sozialisation sieht der oberösterreichische Männerberater im mangelnden, untrainierten Zugang zu ihrem Gefühlsleben. Was Männern von Beginn ihres Lebens an am meisten fehlt, sind offene und wertschätzende Gespräche mit anderen Männern – sei es der Vater, Bruder, Onkel oder ein anderer männlicher Mentor. Gefühle zu unterdrücken gilt noch immer als männliche Norm, was dazu führt, dass es am tiefen Wissen über Männer und ihr Innenleben mangelt. „Es fehlt an authentischer, echter männlicher Nähe und Präsenz, an männlicher Begleitung und Unterstützung, an ganzer Männlichkeit im Sinne von Ganzheit, die sich neben der eigenen Stärken auch der Schwächen bewusst ist und sich diese selbst und dem Sohn erlaubt“, analysiert Schneebauer das Problem.

Ist die Beziehung zum Vater somit der Schlüssel zur Männlichkeit? Emotionale und körperliche Nähe, Herzlichkeit und gute Gespräche waren bei vielen Männern Mangelware in ihrer Kindheit. Sowohl die Fachliteratur als auch Schneebauers Erfahrung in der Männerberatung bestätigen, dass eine reflektierte und ausgesöhnte Beziehung zum Vater ein wesentliches Tor zu einem wertschätzenden und offenen Austausch mit anderen Männern darstellt. Bereits das Eingeständnis, dass es den perfekten Vater nicht gibt, führt zu einer authentischeren und liebevolleren Vater-Sohn-Beziehung.

Königsweg zu wahrer Männlichkeit

„Tendenziell braucht es ein Durchbrechen vom Schweigen zum Reden, von der inneren Einsamkeit zu offenherziger Freundschaft, vom Rein-auf-Arbeit-ausgerichtet-Sein zum ganzheitlichen Leben“, zeigt „Der Männerkenner“ das Problem auf, „denn zumeist funktionieren Männer mehr als sie leben.“

Da fragt man sich, ob bei so viel Oberflächlichkeit überhaupt eine echte Männerfreundschaft entstehen kann. Ja, kann sie, ist sich Richard Schneebauer sicher: „Das gelingt jenen, die das lustbetonte Unter-Männern-Sein mit offenen und wertschätzenden Gesprächen verbinden können, ohne ständiges Vergleichen und Sich-beweisen-Müssen: ein Königsweg zu wahrer Männlichkeit, zu authentischer Stärke, zu Erfolg und Lebendigkeit.“

Literaturtipp:

Richard Schneebauer

Männerabend
Warum Männer einen Mann zum Reden
brauchen (und was Frauen darüber wissen sollten)

Goldegg Verlag
ISBN 978-3-9906-160-0