„Wir müssen uns auch verletzlich zeigen!“
Text: Doris Thallinger
Fotos: Barbara Majcan, Franz Neumayr, Wolf Silveri
Wir kennen ihn als Schauspieler, als Musiker, als Kabarettisten – und nun auch als Autor. Mit der Lesung aus seinem aktuellen Buch „Der will nur spielen“ machte Tausendsassa Manuel Rubey auch Station in der ARGEkultur Salzburg, wo wir ihn vor seinem Auftritt zum Interview trafen.
Du bist heute nicht zum Drehen in Salzburg, nicht als Musiker mit deiner Band Familie Lässig oder als Kabarettist, sondern präsentierst dein neues Buch „Der will nur spielen“. Worum geht es?
Das Buch spielt auf zwei Ebenen: Auf der einen Ebene bin ich (bzw. der Typ, der so heißt wie ich) in der österreichischen Provinz unterwegs, absolviere 100 Termine und beschreibe kuriose Situationen. Auf der zweiten Ebene versuche ich, mich dem Begriff Kreativität vorsichtig anzunähern. Was das denn sein könnte, was wir so tun.
Wie viel darin ist tatsächlich wahr, wie viel ist Fiktion? Inwieweit lernt man den echten Manuel Rubey kennen?
Es ist ein Spiel damit. Ich kann es nicht aufdröseln und würde es auch nicht wollen. Mein Leben allein wäre für das Buch nicht spannend genug. Ich versuche darin, die Dinge weiterzudenken.
Was hat dich zu diesem Buch inspiriert?
Zum Beruf Schauspieler gehört sehr viel Warten. Und mir wird sehr schnell fad. Das Schreiben ist mir immer wichtiger geworden, es ist mir einfach ein bisschen „passiert“. Erfreulicherweise haben das erste Buch so viele Menschen gelesen, dass wir gesagt haben, wenn mir noch etwas einfällt, gibt es ein zweites. Und ja, mir ist noch ein bisschen was eingefallen!
Du gewährst relativ tiefe Einblicke in deine Seele, schreibst über Neid, Unzufriedenheit, Depressionen. Zeigst du damit eine dunkle Seite, die du auch kennst?
So viel kann ich sagen: Ich habe mir nicht alles ausgedacht. Ich schreibe vordergründig von mir, aber der Wunsch ist natürlich, bei den Leserinnen und Lesern etwas auszulösen, dass auch sie beispielsweise über ihre Neidgefühle nachdenken. Ich will mich aus der Deckung wagen und damit ein wenig provozieren, sodass die Leute im besten Fall insofern was davon haben, dass sie anfangen, sich selbst zu Neid und anderen Fragen zu verorten.
Wie groß war die Überwindung, diese Themen anzusprechen und damit etwas von sich selbst preiszugeben?
Es ist eine Gratwanderung, wie weit man geht. Mein Schutz ist, dass ich damit spiele, dass nicht alles wahr sein muss. Aber grundsätzlich müssen wir uns alle auch ein bisschen verletzlich zeigen.
Was motiviert dich immer wieder zu neuen Projekten, woher nimmst du die Ideen, die Inspiration?
Ich habe immer das Gefühl, so ein Tag ist wahnsinnig lang und ich mache ja sonst nichts. Ich kann auch sonst nichts. Deswegen beschäftige ich mich mit anderen Lebensfragen. Handwerklich hab ich zwei linke Hände! Aber ich bin relativ diszipliniert und versuche, jeden Tag regelmäßig am Schreibtisch zu erscheinen, wenn ich nicht drehe oder auf Tour bin. Das ist die Verpflichtung, die ich mir selbst gegenüber eingegangen bin. So ergeben sich die Dinge durchs Tun, sie drängen sich auf. Beim Schreiben entwickelt sich eigentlich oft erst, ob das auf die Bühne gehört oder ein Buch wird.
Musiker, Schauspieler, Kabarettist, Autor. Welche Rolle ist dir selbst die liebste, die wichtigste? Was siehst du selbst als die Quintessenz deines Schaffens?
Ich bin Schauspieler. Wenn ich mich entscheiden müsste, bliebe Schauspieler mein Beruf. Ich bin ein Schauspieler, der vielleicht speziell die Komödie liebt und dem halt recht schnell fad wird, und deshalb passieren halt auch die anderen Dinge.
Aber angefangen hast du doch mit der Musik?
Ja und nein. Rein historisch ist das korrekt. Mein Leben ist voll von Dingen, die ich eigentlich nicht so geplant hatte. Ich wollte immer Schauspieler werden, aber die Band wurde halt schneller bekannt als meine schauspielerische Ader. Deswegen ist irgendwann in der Zeitung gestanden: Der Musiker wechselt das Fach. Ich selbst hätte mich nie als Musiker bezeichnet. Ich mache gerne Musik, liebe Musik, aber ich kenne auch echte Musiker!
Dieses Jahr warst du sehr viel unterwegs, mit Lesetour, Solo-Kabarettprogramm, der Familie Lässig. Dafür hast du schon anklingen lassen, dass man dich 2023 nicht viel auf der Bühne sehen wird.
Das stimmt, ich hab das schon lange vor und werde sehen, wie es mir damit geht. Ich mache wirklich ganz wenige Bühnentermine, im Vergleich zu heuer wird’s fast nichts sein.
Was machst du 2023?
Das weiß ich noch nicht. Ich werde auf jeden Fall im Jänner eine Weihnachtskomödie fürs Fernsehen drehen, die ich ganz rührend finde. Das andere Projekt ist eine Serie, die ich zusammen mit zwei Kollegen von der Tagespresse und Robert Stachel von maschek machen möchte und die derzeit beim Sender liegt. Das wäre mein absoluter Traum, mit diesen Menschen gemeinsam etwas zu schreiben und zu drehen.
Du hast aber auch schon Pläne für 2024, gemeinsam mit Simon Schwarz…
Simon Schwarz ist einer der wenigen wirklichen Freunde in diesem Beruf, auf den dieser Begriff tatsächlich total zutrifft. Wir sind draufgekommen, dass wir beide so viel arbeiten, dass wir, wenn wir nicht zusammenarbeiten, uns nicht sehen. Also muss man das weiterdenken, muss man zusammenarbeiten. Dieser Beschluss wurde gefasst, alles andere ist noch offen. Es wird wahrscheinlich etwas mit Bühne zu tun haben, was schon eine kleine Sensation ist, weil Simon bis auf einen kleinen Ausrutscher hier bei den Festspielen vor ein paar Jahren nie auf der Bühne gestanden ist. Ich glaube aber, dass die Menschen sich darauf freuen können, Simon Schwarz auf der Bühne zu sehen.
In der Krimireihe um Martin Merana hast du in bislang drei Teilen einen waschechten Salzburger verkörpert. Wie gut kennst du Salzburg mittlerweile? Wie viel lernst du bei den Dreharbeiten vom Salzburger Land kennen?
Total viel. In allen drei Teilen, begonnen beim ersten Teil in Krimml, bei den Krimmler Wasserfällen, das war wahnsinnig spektakulär. Das Schöne ist, man hat als Schauspieler selbst in einer Hauptrolle sehr viel Tagesfreizeit und ich erkunde dann immer die Umgebung zu Fuß. Ob ich Salzburg gut kenne, ist wieder eine andere Frage, aber ich komme immer sehr gern hierher.
Was magst du an Salzburg besonders?
Es ist nicht nur die Stadt Salzburg, sondern auch das Land grotesk schön. Wirklich spektakulär. Im Film würde man sagen, es ist ein bisschen zu viel. Reißt euch zusammen, das glaubt euch ja keiner!
Und was gefällt dir weniger?
Naja, das Nachtleben könnte ein bisschen mehr sein – da hab ich oft das Gefühl gehabt, gerade wenn man unter der Woche spielt, und dann noch ein Glas Wein trinken will, dass die Gehsteige recht früh hochgeklappt werden. Vielleicht weiß ich aber einfach auch nur nicht, wo man hingehen soll…
Wenn du nicht auf Tour bist, schreibst, drehst, wirklich Zeit für dich hast… Was macht ein Manuel Rubey in seiner Freizeit?
Tennisspielen mit dem Tobias Pötzelsberger zum Beispiel, ich spiele wahnsinnig gerne Tennis, ich lese viel. Das war‘s eigentlich schon. Und ich esse gern. Viel mehr gibt’s eigentlich nicht. Und Sport schauen, das hab ich vergessen!
In deinem Buch gehst du sehr viel spazieren, bist im Wald unterwegs. Ist auch das eine Methode für dich, die Akkus wieder aufzuladen?
Ja, der Wald und generell die Natur werden mit dem Älterwerden immer wichtiger. Ich hab immer gedacht, dass ich ein Stadtkind bin, aber ich bin mit jedem Jahr mehr und lieber im Wald. Ich mache eigentlich alles im Gehen: Text lernen, nachdenken, … Auch wenn ich mich mit einem Freund verabrede, schlage ich vor: Gehen wir spazieren!
Zu allem, was du machst, hast du noch eine sehr wichtige Rolle im Leben: die des Familienvaters. Wie funktioniert das Familienleben, wenn du so viel unterwegs bist?
Das Unterwegssein bringt der Beruf mit sich, die Familie weiß auch, worauf sie sich eingelassen hat. Es funktioniert mal besser, mal schlechter. Das Gute ist, wenn ich zuhause bin, bin ich auch wirklich da. Wenn es auch so wirkt, als wäre ich die ganze Zeit unterwegs: Das stimmt nicht, ich bin auch sehr oft zuhause. Es sind irgendwie zwei Leben. Natürlich müssen alle mitspielen und erfreulicherweise tun das auch alle.
Welche Rolle übernimmst du in der Erziehung eurer Töchter Ronja (16) und Luise (11)?
Das ist eh vorbei, finde ich. Sie sind schon so selbstständig. Man kann im besten Fall vielleicht noch da und dort Vorbild sein, Werte vermitteln. Wenn es irgendwas gibt, das ich ihnen vermitteln möchte, dann dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen sollen und sie werden können, was sie wollen.
Gibt es einen Beruf, von dem du ihnen abraten würdest?
Die Schauspielerei! Sie haben ein sehr gesundes Verhältnis zu meinem Beruf: es ist ihnen wurscht, dass ich Schauspieler bin. Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn sie nicht Schauspielerinnen werden! Aber wenn sie das wollen, wäre das natürlich auch okay!
In ein paar Wochen feierst du deinen 3. Hochzeitstag. Wie lange seid ihr schon ein Paar?
18, schon fast 19 Jahre.
Was denkst du, ist das Geheimnis einer guten Ehe?
Ich weiß nicht, ob man das verallgemeinern kann. Das muss jeder für sich rausfinden. Als Allererstes fällt mir Respekt ein. Das gilt allerdings für den Umgang mit jedem Menschen. In der Beziehung mag ich, dass man eine Komplizenschaft hat. Gewisse Dinge teilen wirklich nur wir miteinander. Das finde ich heilig! Es ist auch wichtig, einen kleinen gemeinsamen Nenner zu definieren. Der sollte auch nicht zu groß sein, sonst scheitert man daran: Ein paar Sachen, die uns beiden wichtig sind und für die man kämpft. Es ist auch das Geheimnis einer guten Beziehung, dass man sich aus dem Weg geht. Man muss nicht 24 Stunden zusammenpicken. Es ist total wichtig, dass auch jeder sein eigenes Ding kultiviert.
Worin liegt für dich der Sinn des Lebens?
Es gibt keinen. Zu leben ist der Sinn des Lebens. Ich glaube auch nicht an größere Bestimmungen – unsere Existenz ist ein Zufall und das Universum ist ein Zufall. Das ist aber gar nicht so traurig, wie das vielleicht auf den ersten Moment klingt! Ich finde das total super, weil das Leben an sich großartig sein kann und wir alles daraus machen können, wenn die Gesundheit mitspielt. Das ist der Sinn des Lebens: das
Leben zu leben.
Was bereitet dir Sorgen, wenn du an die Zukunft (und die deiner Nachkommen) denkst?
Es wird wahrscheinlich nicht überraschen, aber ich habe die Sorge, dass wir den Planeten in den Abgrund jagen, und habe die Hoffnung, dass die Generation unserer Kinder die Dringlichkeit viel besser versteht als wir und das tatsächlich lebt. Sie steigen in kein Flugzeug mehr, leben als Vegetarier, obwohl sie auch gern Fleisch essen. Da habe ich die große Hoffnung, dass sie einen Schritt weiter sind. Ansonsten: Es sind turbulente Zeiten, das merkt man an allen Ecken und Enden. Ich trau mir keine Prognose abzugeben, wo das noch hinführt.
Wofür bist du dankbar und welchen größten Wunsch hast du noch ans Leben?
Ich bin dankbar, dass ich so ein Glückskind bin, dass ich in dieser unwahrscheinlichen Geburtslotterie hierher geboren wurde, in Frieden aufwachsen durfte und in einem demokratischen Land lebe, in dem man sagen kann, was man will, ohne dass man im Gefängnis landet. Dass ich gesund bin, dass ich gesunde Kinder hab. Relativ banal und gleichzeitig ein großes Glück!
Und mein Wunsch ans Leben – da ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, würde ich dieses gerne so lange wie möglich auskosten. Ich würde gern lange leben. Weil ich das Leben unterm Strich ziemlich super finde!
Manuel Rubey: Der will nur spielen
Erschienen am 25. August 2022 im Molden Verlag.
Zur Person
Geboren am 26. März 1979 in Wien, weiß Manuel Rubey schon bald, was er will: Schauspieler werden. Bekannt wird er dennoch zuerst als Frontman der österreichischen Band „Mondscheiner“. Der Durchbruch als Schauspieler erfolgt 2008 mit seiner Titelrolle in „Falco – Verdammt, wir leben noch!“. Seither ist er in zahlreichen Film- und Serienproduktionen zu sehen, unter anderem in den Salzburger Landkrimis. 2011 und 2015 bringt er zusammen mit Thomas Stipsits Kabarettprogramme auf die Bühne, seit 2020 tourt er mit „Goldfisch“, seinem ersten Solo-Programm durch Österreich und Deutschland. Seine musikalische Ader verfolgt Rubey mittlerweile mit der Band „Familie Lässig“. 2020 erscheint sein erstes Buch „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“, im August 2022 „Der will nur spielen“. Manuel Rubey ist seit 2019 verheiratet und lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Wien sowie im Waldviertel.