Reportage & Wissen

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Quo vadis?

Text: Doris Thallinger

Fotos: m.mphoto, Coloures-Pic - stock.adobe.com;

Mitten in der Covid-Krise angelangt, stehen mehr und mehr die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der gesamten Situation im Brennpunkt des Interesses. Wie geht es weiter? Wohin führt uns der beschleunigte Strukturwandel? Wie kann unsere Wirtschaft und mit ihr unsere Gesellschaft die Einschnitte und Herausforderungen verkraften?

Viele Fragen, schwierige Antworten. Durch die viel besprochene zweite Welle der Corona-Pandemie, die steigenden Fallzahlen im Herbst und die große Ungewissheit, was in den nächsten Monaten passieren wird, sind derzeit Prognosen nur schwer abzugeben. Zu viele Parameter und Ungewissheiten, offene Fragen und nicht vorherzusehende Entwicklungen machen den Blick in die Zukunft nebulös.

Zähe Konjunktur nach kräftigem Rebound
Mit einem wieder verlangsamten Wirtschaftswachstum rechnet das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung in seiner Prognose im Oktober: Nachdem im Frühjahr die Weltwirtschaft eingebrochen war, konnte der Wertschöpfungsverlust im Sommer zum Teil bereits wieder wettgemacht werden. So schätzt man, dass die Wertschöpfung in Österreich im dritten Quartal 2020 gegenüber dem zweiten Quartal um mehr als zehn Prozent gewachsen ist.
„Die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Österreich im Frühjahr 2020 waren im internationalen Vergleich streng und bewirkten einen massiven Wertschöpfungsverlust. Die großzügige Lockerung im Sommer ermöglichte einen kräftigen Rebound, vor allem der Konsumrückstau löste sich weitgehend auf“, erklärt Stefan Schiman, Autor der aktuellen WIFO-Prognose.
So konnte beispielsweise in etwa die Hälfte des krisenbedingten Anstiegs der Arbeitslosigkeit bis September abgebaut werden. Entsprechend wird die Rezession im Frühjahr 2020 als tief und kurz eingeschätzt: Die reale Wirtschaftsleistung legte im dritten Quartal wieder kräftig zu und ist –Schätzungen zufolge – im Vergleich zum Vorquartal um mehr als zehn Prozent gestiegen, indem sie um 12,1 Prozent gesunken war. Dieser Rebound ist zum einen auf die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zurückzuführen und zum anderen darauf, dass sich der Konsumstau aus dem Shutdown im Frühjahr durch die rasche und großzügige Lockerung danach auflöste. Dieser betraf allerdings nicht im vollen Ausmaß den Außenhandel und die Investitionstätigkeiten, da hier wirtschaftliche Unsicherheiten sowie längere Vorlaufzeiten eine wesentliche Rolle spielen.
Insgesamt ist nun nach der Erholung im Sommer wieder mit einer markanten Verlangsamung der Konjunkturdynamik zu rechnen. Für das vierte Quartal 2020 prognostiziert das WIFO ein Wirtschaftswachstum von nur noch 0,8 Prozent gegenüber dem dritten Quartal. Für das Jahr 2020 bedeutet dies voraussichtlich einen BIP-Rückgang von 6,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Diese Prognosen beruhen darauf, dass kein zweiter Shutdown verhängt wird! Ein solcher hätte schwere Folgen für die österreichische Wirtschaft – so könnte die Wirtschaftsleistung im 4. Quartal wieder auf das Niveau des zweiten Quartals sinken; die BIP-Entwicklung würde um weitere zwei Prozentpunkte gegenüber 2019 fallen und 2021 eine Stagnation erfolgen. (Ohne Shutdown wird ein Anstieg des BIP 2021 im Vergleich zu 2020 um 4,4 Prozent erwartet.)
Das in jedem Fall nachlassende Erholungstempo bestätigt auch der im Oktober aktuelle Konjunkturindikator der UniCredit Bank Austria: Dieser steigt im September zwar das vierte Mal in Folge auf derzeit minus 0,9 Punkte, die monatliche Verbesserung lässt jedoch bereits jetzt stark nach. Trotz des erwarteten (und erhofften) BIP-Anstiegs um fünf Prozent im Jahr 2021 wird die österreichische Wirtschaftsleistung nach dem diesjährigen historischen Rückgang um zumindest 6,3 Prozent noch bis Anfang 2022 unter dem Vorkrisenniveau zurückbleiben.

Die Zeit nach Corona
„Auch wenn derzeit die Pandemie wieder deutlich an Intensität zulegt, wohl noch weiter zulegen wird, und damit eine „Normalisierung“ in weite Ferne zu rücken scheint, es wird eine Zeit „nach Corona“ geben. Wann dies sein wird und wie wir sie erreichen können, ist momentan natürlich noch sehr ungewiss, aber noch jede Pandemie hatte ihr Ende. Sehr oft wird betont, die Welt nach der Pandemie würde völlig anders aussehen und dabei wird das jetzige veränderte Verhalten der Menschen als Beleg genommen. Tatsächlich dürfte jedoch die Pandemie weniger eine Revolution auslösen als eine Akzentuierung vorhandener Trends“, kommentiert Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria die aktuelle Lage.
Diese Trends beinhalten unter anderem, dass Länder und Regionen, die bereits vor 2020 einen Wachstumsvorsprung hatten, diesen auch danach weiterführen, allen voran China. Darüber hinaus werden sich die Trends der Digitalisierung weiter fortsetzen und intensivieren, aber auch der Trend zur Globalisierung, zumindest im Bereich der Dienstleistungen. Die Herausforderung, wie mit den Auswirkungen der Digitalisierung und Globalisierung umzugehen ist, wird wohl das große Thema nach Corona sein. Schlussendlich führt Bruckbauer das Phänomen des niedrigen Wachstums, der niedrigen Inflation und damit der niedrigen Zinsen an: „Dieses Phänomen wird bestehen bleiben, wahrscheinlich aufgrund der Pandemie länger als ursprünglich erwartet. Damit einhergehend werden wohl auch die hohen Bewertungen von bestimmten Vermögenswerten wie Aktien und Immobilien bleiben. Simpel auch mangels Alternative, darauf müssen wir uns einstellen, besonders, wenn es den Staaten nicht gelingt, Wachstumsimpulse zu setzen.“

Struktur im Wandel
Wie sich die aktuelle Situation samt allen Gegebenheiten auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Mechanismen auswirken wird, damit beschäftigt sich auch Ökonom Daniel Müller-Jentsch. Wobei auch er einräumt: „Momentan kann man nur Vermutungen anstellen.“ Jedenfalls seien verschiedene Effekte getrennt voneinander zu betrachten: diejenigen, die unmittelbar mit dem Lockdown zusammenhängen und gravierend sind, dessen Auswirkungen, der längerfristige Strukturwandel sowie die Maßnahmen der Wirtschaftspolitik. „Dieser Lockdown ist ein Experiment ohne Präzedenzfall.“
Was heute bereits absehbar ist, ist eine Beschleunigung des Strukturwandels. Eines Wandels, der ohnehin stattgefunden hätte, ohne Covid-19 jedoch über einen deutlich längeren Zeitraum hinweg, wie in der Digitalisierung, in der Verschiebung vom Einzel- zum Onlinehandel, in der Entwicklung neuer Arbeitsstrukturen u. v. m.
Aufgrund dieser Geschwindigkeit sieht Müller-Jentsch die Schwierigkeit, die gegebenen Strukturen anzupassen und den Wandel abzufedern. Die Fragen, die sich nun stellen, sind, wie frei gesetzte Arbeitskräfte sinnvoll eingesetzt werden, wie fehlende Umsätze durch andere/neue Geschäftsfelder lukriert werden, bis letztendlich dahin, wie Immobilien und Liegenschaften einem neuen Nutzen zugeführt werden können.
Die normalen Wirtschaftskreisläufe sind an vielen Stellen gestört – Geschäftseinbrüche ziehen eine Kaskade an Zweit- und Drittrundeneffekten nach sich, wenn Zulieferer, Arbeitskräfte und die Kaufkraft in Mitleidenschaft gezogen werden, bis hin zu Auswirkungen auf das Kreditwesen im Falle einer Insolvenzwelle. „Covid wirkt auf vielen Ebenen!“
Wichtig ist für Daniel Müller-Jentsch aus heutiger Sicht, eine offene, ehrliche Diskussion über den Zielkonflikt zu führen und über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen durch die Politik, um das Virus einzudämmen. „Wirtschaftliche gegen gesundheitliche Folgen gegeneinander aufzuwiegen, ist zu kurz gedacht. Es geht hier nicht um Geld versus Leben, sondern um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die politische Stabilität. Wirtschaftliche Probleme ziehen einen Rattenschwanz an menschlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen nach sich. Und die Leidtragenden sind in jedem Fall die Menschen. Die Frage ist: Welche Opfer ist man bereit, für die Gesellschaft zu bringen.“

Daniel Müller-Jentsch

Innovation als Chance
In dieselbe Kerbe schlägt Hans Harrer, Vorstandsvorsitzender des Senats der Wirtschaft: „Wirtschaft – das ist die Summe der Menschen in unserem Gemeinwohl, das sind wir alle. Und heute stehen wir vor der Frage: Wollen wir Corona über unsere Gesellschaft, über unsere Menschen bestimmen lassen?“ Für Harrer ist jetzt die Zeit angebrochen zu handeln und vor allem, um nun auftretende Engpässe der Gesellschaft, Stresssituationen und Hindernisse gemeinsam zu bewältigen. „Wir haben es über Jahrzehnte zugelassen, immer nur das ICH in den Vordergrund zu stellen, wir haben das WIR aufgegeben. Unseren Schmutz vor der eigenen Türe haben wir einfach vor die des Nachbarn gekehrt. Das ist jetzt in dieser Stresssituation fatal.“ Andererseits sieht er das Stresselement Covid auch als geeignet, um gesellschaftliche Änderungen herbeizuführen, die Wirtschaft zu befluten: „Wenn es Krisen gab, gab es auch immer die größten Chancen.“

Hans Harrer

Chancen sieht Harrer in erster Linie in Innovation: „Unsere Gesellschaft braucht jetzt Innovation, so notwendig wie das sprichwörtliche Stück Brot. Corona wird uns noch lange begleiten und darum müssen wir das Virus als Chance für Neues, für Innovationen nützen. Mein Wunsch an die Politik ist, eine Exit-Strategie zu finden, um aus der Furcht-Situation heraus zu kommen. Wir aus der Wirtschaft haben die Aufgabe voranzugehen. Wenn die Politik es nicht schafft, selbst Leadership zu entwickeln, müssen wir durch unser Handeln die Politik als ‚Follower‘ motivieren, uns mit aller Kraft, ohne politische Farbenlehre, zu unterstützen!“

Die Weltwirtschaft in Zahlen,
Daten und Fakten

Die Weltwirtschaft wird auf eine ganz neue Art beschrieben. Jedem Interessierten werden die Möglichkeiten gegeben, selbst komplexe Zusammenhänge nachzuvollziehen, zu verstehen und vor allem zu erkennen, wo die politischen Herausforderungen liegen. Die erste Ausgabe widmet sich schwerpunktmäßig dem Corona-Schock. Der Atlas der Weltwirtschaft: Aktuelle und ungeschönte Zahlen zu allen wesentlichen weltwirtschaftlichen Bereichen - Nationale und internationale Wirtschaftsthemen - Fundierte und faktenorientierte Texte - Anschauliche Infografiken; Erscheint am 9. November 2020 im Westend Verlag.